FischereipolitikEuropas Megatrawler auf Beutezug vor Afrika

Die EU zahlt jedes Jahr Millionen, damit ihre Flotte vor Afrika fischen kann. Die Meere leeren sich, heimische Fischer werden verdrängt. von 

Fischer am Strand von Kayar nahe Dakar/Senegal (Archiv)

Fischer am Strand von Kayar nahe Dakar/Senegal (Archiv)  |  © Seyllou Diallo/AFP/Getty Images

Die Geschichten, die Gaoussou Gueye erzählt, klingen nach Wildwest. Gueye ist Senegalese, ein groß gewachsener Mann von schlaksiger Natur, Ende 40. Seit einigen Jahren ist er Generalsekretär des westafrikanischen Kleinfischerverbands. Er setzt sich für die lokalen Fischer ein, Männer, die sich jeden Tag auf ihren Einbaumschiffen, den Pirogen, aufs Meer wagen. Dort sehen sie am Horizont die riesigen europäischen Fischtrawler. Es sind Fangschiffe, die rund 200 Tonnen Fisch am Tag fangen, verarbeiten und einfrieren können. Rund 50 Pirogenfischer müssten für diese Menge mehr als ein Jahr unterwegs sein.

Gueye erzählt von Korruptionsskandalen . Von bestechlichen Ministern im Senegal , die Fischereirechte an mehr als 20 ausländische Schiffe vertickt hätten, um ihren Wahlkampf zu finanzieren. Von Schiffen aus Russland , die den Fisch nur fangen würden, um ihn an Bord zu Fischmehl – sprich: Tierfutter – weiterzuverarbeiten. "Das alles geht zulasten unserer heimischen Bevölkerung", klagt Gueye, "andere Staaten fischen unseren Fisch, den wir zum Überleben brauchen." Rund 8.000 Pirogen kämen wegen der ausländischen Konkurrenz nicht zum Einsatz.

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Gaoussou Gueye
Gaoussou Gueye

Gaoussou Gueye ist Generalsekretär des westafrikanischen Kleinfischerverbands. Er ist Senegalese und setzt sich weltweit für die Interessen der lokalen Fischer Afrikas ein.

Pikant ist: Immer wieder werden Schiffe, die sich Fischereirechte von der senegalesischen Regierung gesichert haben, beim illegalen Fischen erwischt. Erst Anfang März wurde der russische Trawler Oleg Naydenov nach Informationen von Greenpeace festgesetzt, weil er offenbar in den Gründen der Kleinfischer unterwegs war. Er zahlte eine Strafe von 45.000 Euro und durfte weiterfischen. Für Gueye ein typisches Phänomen: "Der Regierung sind wirkungsvolle Kontrollen und Strafen egal." Er erzählt sogar von einem litauischen Trawler, der Mitte März wegen illegaler Fischerei festgesetzt worden sei. Litauen ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union.

Millionenschwere Fischereiabkommen

Umweltschützer und Fischereiexperten warnen seit Jahren vor den Problemen. Das Thema ist akut, weil die EU beim Beutezug vor Afrika mitmischt und zurzeit ihre Fischereipolitik reformiert. Die Reform dreht sich um Fangquoten, Überkapazitäten und handelbare Fischereirechte. Doch wer über Überkapazitäten streitet, der streitet auch über Fischereiabkommen. Diese schließt Europa seit Mitte der Siebzigerjahre mit afrikanischen und pazifischen Staaten.

Diese Verträge funktionieren nach dem Prinzip "Cash for Fish": Die EU zahlt afrikanischen Staaten Geld und darf im Gegenzug in deren Fanggründen fischen. Schließlich sind die heimischen Bestände vor Europas Küsten zu mehr als drei Vierteln überfischt. Inzwischen stammen mehr als ein Viertel der Fische, die Europas Flotten jährlich fangen, aus Meeren außerhalb der EU.

Mit 13 Staaten unterhält die EU zurzeit die genannten Partnerschaftsabkommen . Sie sind Millionen wert. Allein die Verträge mit Mauretanien hatten im Jahr 2006, als das jüngste Abkommen mit dem Land in Kraft trat, einen Wert von 86 Millionen Euro. Rund 90 Prozent der Summe zahlen die europäischen Steuerzahler. Die Reeder beteiligen sich kaum an den Kosten. Im Gegenteil: Sie erhalten in der Regel sogar Subventionen für Schiffsneubauten und profitieren vom steuerfreien Treibstoff.

Nicht nur lokale Fischer, Umweltschützer und Politiker sind gegen die Abkommen. Auch der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) äußert Kritik. Denn de facto fischt Europa den Afrikanern den Fisch weg. Dabei darf nach internationalem Recht Europa nur Verträge mit Staaten eingehen, die ihre Überschüsse an Fisch verkaufen. Der SRU schreibt in dem Gutachten, er habe "Zweifel daran, dass eine ausreichende Überwachung der Fischereiaktivitäten durch die Drittstaaten wie auch die Einhaltung von strengen Nachhaltigkeitskriterien realistisch ist."

Im Klartext heißt das: Es gibt nicht genug Informationen zur Situation der Bestände vor Afrika. Auch fehlt es an Kontrollschiffen, um die Überfischung zu verhindern. Die deutschen Fachleute, die auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) beraten, findet in einem Gutachten klare Worte: Die Praxis, dass die "EU auch Ressourcen befischt, die für die Ernährung der Bevölkerung in den Partnerländern benötigt werden", müsse dringend auf den Prüfstand, schreiben sie.

Leserkommentare
  1. ist auch ethisch/menschlich/moralisch einwandfrei.

    Das schöne am Geld ist ja, das man sich damit ne Menge kaufen kann. Manche glauben sogar, das sich damit ein reines Gewissen kaufen lässt.

    Andererseits.., wenn die Millionen sinnvoll genutzt werden und zugleich auf "Nachhaltigkeit" geachtet wird ( auch bei der Fischerei) kann so ein "Deal" gewinnbringend für alle sein.

    Davon allerdings sind wir auf der Welt wohl nach weit entfernt,.denn wer hat, dem wird gegeben ..und wer nicht hat, dem wird auch noch das weggenommen.

    • klamah
    • 02. April 2012 14:38 Uhr

    die haben den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Zerstörung und Ausbeutung thematisiert. Diese Partei gibt es nicht mehr. Ihre Nachfolgeorganisation unter dem gleichen Namen hat sich entschlossen, nicht gegen das System anzugehen, sondern für sich selbst die maximal große Scheibe vom Kuchen abzuschneiden.

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    Und die Piraten haben bestimmt NOCH keine Meinung zu dem Thema... Aber wird dann sicher irgendwann mal zu "voten" sein, Frage nur, ob es dann "i like" für günstigen Fisch aus der TK-Theke gibt oder für sozial- und umweltverträglichen Fang... Da wird ja immer von "Schwarm-intelligenz" gesprochen... ;-)

  2. Komisch, dass die EU-Industrieflotte den lokalen Fischern den Fang (und damit deren Lebensgrundlage) zerstört. Seltsam auch, dass man dann in die Extrema ausweicht und das Piratendasein wiederbelebt.

    Werden davon dann "deutsche" Schiffe getroffen, so setzt man sich natürlich umgehend dafür ein, dass deutsche Bw-Fregatten zum Schutz abgestellt werden.Symptompolitik. Weil die Gegend so gefährlich ist oder nicht eher, weil das EU-Wirken sie dazu verdammt?

    Verwunderlich, dass manche dieser deutschen Schiffe aus steuerlichen Gründen unter anderen Flaggen segeln. Antigua sendet aber kein Militär, das muss dann Deutschland richten.

    Würde man den Fischereiauftrag national vergeben (Geld gegen Fisch, nicht Geld für "lasst uns fischen"), also an das Land, zu welchem auch die Küste gehört, wäre dem Treiben ein großes Stück Humanität und Moral hinzugefügt worden, doch damit verdient man weltweit nur schlecht Geld.

    Da mutet es schon beißend ironisch an, wenn die großen Fischtrawler Namen wie "Atlantic Peace" tragen, oder?

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  3. werden die Meere leergefischt sein! Der Ausverkauf der Meere hat längst begonnen, aber wider besseren Wissens wird gefischt was das Meer hergibt. Seit Jahren wird darauf hingewiesen. Die Gier zerstört die Meere, Lebensgrundlage vieler kleiner Fischerfamilien etc.
    Wenn nicht alle Staaten an einem Strick ziehen wird's bald für niemanden mehr Fisch geben.

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    wir den Fisch aus der Farm.

  4. Die sogenannte westliche, industrialisierte Welt ist ein Heuchler ersten Ranges. Zum Einen wird vor der WTO auf Freihandel gepocht und zum Anderen wird die eigene Produktion so massiv bezuschusst, dass selbst in Afrika (Billiglohnland = Hilfsausdruck) die lokalen Märkte zerstört.

    Nach innen geben wir uns weltoffen und fair, nach außen zeigen wir die hässliche Fratze des totalen Darwinismus.

    Wie kann in einer freien Marktwirtschaft deutscher oder österreichischer Zucker mit Zucker aus dem Rest der Welt konkurrieren, wenn nicht durch die Tatsache dass der Markt eben nicht frei ist. Wer Rohrzucker aus der Karibik kauft, dessen wirkliche Kosten gering sind, muss doppelt drauf zahlen. Erstens den fairen Preis und zweitens die Subventionen für die heimische Zuckerproduktion.

    Ich will niemanden verteufeln, aber wir sollten doch ehrlich sein. Entweder wir wollen freien Handel, dann weg mit den Subventionen, oder wir wollen unsere eigene Produktion erhalten, dann müssen wir aber ehrlich genug sein, und uns dies selber eingestehen UND dies anderen Ländern ebenfalls zugestehen.

  5. Das Problem liegt dann offensichtlich auf afrikanischer Seite. Wenn die dortigen Staaten nicht bereit sind, illegales Fischen zu unterbinden, müssen sich die Afrikaner für eine bessere Regierung einsetzen. Nebenbei bemerkt ist es wiederum in Deutschland sehr doppelmoralisch sich über die ungenügende Umsetzungskraft afrikanischer Staaten aufzuregen, aber gleichzeitig den Export von Booten, die von der Küstenwacht eingesetzt werden, für unmoralisch zu zu erklären (wie im Falle des Exports nach Angola geschehen).

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    und die afrikanischen "Eliten" sind an dem Raubzug beteiligt.
    Aber das ist billig, wenn man das nur anführt um vom eigenen Raubzug quer durch die Welt abzulenken.
    Deshalb gilt vor allem für den hiesigen Verbraucher:
    Fisch nur einmal im Monat!
    Mehr gibt's Meer nicht her!
    http://www.fair-fish.ch/h...

    "Das Problem liegt dann offensichtlich auf afrikanischer Seite. Wenn die dortigen Staaten nicht bereit sind, illegales Fischen zu unterbinden, müssen sich die Afrikaner für eine bessere Regierung einsetzen."

    Da kommt mir echt nur die Galle hoch, wenn ich sowas anmaßendes mal wieder lesen muss! Die afrikanischen Völker haben unsere imperialistischen Vorfahren auch nicht drum gebeten kolonialisiert zu werden. Als die Kolonialpolitik für die ehemaligen Herrn zum ökonimischen Fiasko wurde, hat man die Staaten in von Europäern gezogenen Grenzen in scheinbare Unabhängigkeit entlassen. Über die lokalen Strippenzieher, die durch das unausgegorene politische System an die Macht gelangt sind, sicherte man sich den Zugriff auf das worauf es ankommt: Ressourcen! Im Ergebnis leben, pardon vegetieren die meisten Afrikaner unter Diktaturen, die sich mit Heeren unter britischen, deutschen und schweizer Waffen die Macht sichern. Jene Leute, die dem Elend durch unvorstellbare Anstrengungen in die "Wohlfahrtsstaaten" entkommen wollen, begegnet man im besten Fall mit Gleichgültigkeit, im Regelfall mit Ablehnung, im schlimmsten Fall mit der Hinnahme ihres sicheren Todes.
    Wenn wir also vor unseren HD-Fernsehern im Zuge der Abendnachrnichten mal wieder über die Globalisierung (welche unseren verfluchten Wohlstand derzeit sichert) jammern, dann sollten wir uns auch mal hinterfragen, welche Folgen erste die Menschen in der 3. Welt ertragen müssen! Das Problem geht mitnichten nur "die dort" was an!

  6. An der ostafrikanischen Küste, vor Somalia, Kenia, Tanzania, erholen sich die Fischbestände allmählich wieder, weil sich die Fangflotten wegen der somalischen Piraterie dort nicht mehr herumtreiben. Bleibt die Frage, wer eigentlich die üblere Piraterie betreibt.

    http://www.focus.de/wisse... http://derstandard.at/126...

    Es bleibt sinnvoll, beim Fischkauf die WWF-Einkaufs-Liste http://www.wwf.de/fileadm... zu Rate zu ziehen und auf das MSC-Siegel http://www.msc.org/de?i18... zu achten.

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    Dass sich bedrohte Fischarten wieder erholen können und macht deutlich wie wichtig es ist die Fangquoten dem Fischbestand anzupassen.

  7. Dass sich bedrohte Fischarten wieder erholen können und macht deutlich wie wichtig es ist die Fangquoten dem Fischbestand anzupassen.

    Antwort auf "Piraten"

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