Die Geschichten, die Gaoussou Gueye erzählt, klingen nach Wildwest. Gueye ist Senegalese, ein groß gewachsener Mann von schlaksiger Natur, Ende 40. Seit einigen Jahren ist er Generalsekretär des westafrikanischen Kleinfischerverbands. Er setzt sich für die lokalen Fischer ein, Männer, die sich jeden Tag auf ihren Einbaumschiffen, den Pirogen, aufs Meer wagen. Dort sehen sie am Horizont die riesigen europäischen Fischtrawler. Es sind Fangschiffe, die rund 200 Tonnen Fisch am Tag fangen, verarbeiten und einfrieren können. Rund 50 Pirogenfischer müssten für diese Menge mehr als ein Jahr unterwegs sein.

Gueye erzählt von Korruptionsskandalen . Von bestechlichen Ministern im Senegal , die Fischereirechte an mehr als 20 ausländische Schiffe vertickt hätten, um ihren Wahlkampf zu finanzieren. Von Schiffen aus Russland , die den Fisch nur fangen würden, um ihn an Bord zu Fischmehl – sprich: Tierfutter – weiterzuverarbeiten. "Das alles geht zulasten unserer heimischen Bevölkerung", klagt Gueye, "andere Staaten fischen unseren Fisch, den wir zum Überleben brauchen." Rund 8.000 Pirogen kämen wegen der ausländischen Konkurrenz nicht zum Einsatz.

Pikant ist: Immer wieder werden Schiffe, die sich Fischereirechte von der senegalesischen Regierung gesichert haben, beim illegalen Fischen erwischt. Erst Anfang März wurde der russische Trawler Oleg Naydenov nach Informationen von Greenpeace festgesetzt, weil er offenbar in den Gründen der Kleinfischer unterwegs war. Er zahlte eine Strafe von 45.000 Euro und durfte weiterfischen. Für Gueye ein typisches Phänomen: "Der Regierung sind wirkungsvolle Kontrollen und Strafen egal." Er erzählt sogar von einem litauischen Trawler, der Mitte März wegen illegaler Fischerei festgesetzt worden sei. Litauen ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union.

Millionenschwere Fischereiabkommen

Umweltschützer und Fischereiexperten warnen seit Jahren vor den Problemen. Das Thema ist akut, weil die EU beim Beutezug vor Afrika mitmischt und zurzeit ihre Fischereipolitik reformiert. Die Reform dreht sich um Fangquoten, Überkapazitäten und handelbare Fischereirechte. Doch wer über Überkapazitäten streitet, der streitet auch über Fischereiabkommen. Diese schließt Europa seit Mitte der Siebzigerjahre mit afrikanischen und pazifischen Staaten.

Diese Verträge funktionieren nach dem Prinzip "Cash for Fish": Die EU zahlt afrikanischen Staaten Geld und darf im Gegenzug in deren Fanggründen fischen. Schließlich sind die heimischen Bestände vor Europas Küsten zu mehr als drei Vierteln überfischt. Inzwischen stammen mehr als ein Viertel der Fische, die Europas Flotten jährlich fangen, aus Meeren außerhalb der EU.

Mit 13 Staaten unterhält die EU zurzeit die genannten Partnerschaftsabkommen . Sie sind Millionen wert. Allein die Verträge mit Mauretanien hatten im Jahr 2006, als das jüngste Abkommen mit dem Land in Kraft trat, einen Wert von 86 Millionen Euro. Rund 90 Prozent der Summe zahlen die europäischen Steuerzahler. Die Reeder beteiligen sich kaum an den Kosten. Im Gegenteil: Sie erhalten in der Regel sogar Subventionen für Schiffsneubauten und profitieren vom steuerfreien Treibstoff.

Nicht nur lokale Fischer, Umweltschützer und Politiker sind gegen die Abkommen. Auch der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) äußert Kritik. Denn de facto fischt Europa den Afrikanern den Fisch weg. Dabei darf nach internationalem Recht Europa nur Verträge mit Staaten eingehen, die ihre Überschüsse an Fisch verkaufen. Der SRU schreibt in dem Gutachten, er habe "Zweifel daran, dass eine ausreichende Überwachung der Fischereiaktivitäten durch die Drittstaaten wie auch die Einhaltung von strengen Nachhaltigkeitskriterien realistisch ist."

Im Klartext heißt das: Es gibt nicht genug Informationen zur Situation der Bestände vor Afrika. Auch fehlt es an Kontrollschiffen, um die Überfischung zu verhindern. Die deutschen Fachleute, die auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) beraten, findet in einem Gutachten klare Worte: Die Praxis, dass die "EU auch Ressourcen befischt, die für die Ernährung der Bevölkerung in den Partnerländern benötigt werden", müsse dringend auf den Prüfstand, schreiben sie.