Arbeiterinnen in Jakarta © Getty Images

An diesem Donnerstag wird der internationale Frauentag begangen. Die Weltbank wartet angesichts des Datums mit einer Premiere auf: Erstmals beschäftigt sie sich in ihrem Weltentwicklungsbericht, der in diesen Tagen erscheint, mit der Gerechtigkeit der Geschlechter. Auf profunden qualitativen Studien beruhend, analysiert der World Development Report die Fortschritte und Hindernisse, die sich weltweit beim Kampf um mehr Gleichberechtigung von Frauen auftun.

Das Fazit der Autoren: In vielen Entwicklungsländern verringert sich in einigen Teilen des Lebens die Kluft zwischen Frauen und Männern, etwa bei der Schulbildung. Stark benachteiligt sind Frauen aber immer noch dann, wenn es um die Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Prozessen geht. Frauen bekommen schwerer Zugang zu formaler Beschäftigung und wirtschaftlichen Ressourcen, seien es Kredite oder der Besitz von Land. Auf diesen Feldern sind Frauen noch immer stark benachteiligt.

Bemerkenswert an der Studie sind jedoch weniger die Ergebnisse selbst. Die Trends, die im Bericht beschrieben werden, sind weitgehend bekannt. Anders als in früheren Veröffentlichungen erkennt die Weltbank jedoch erstmals die Gleichberechtigung der Geschlechter als eigenen Wert an. Dass ausgerechnet die Weltbank eine solche komplexe und faktenreiche Argumentation vorlegt, und das unter Anerkennung der Chancengleichheit als Menschenrecht – das ist die eigentliche Nachricht.

Für die Weltbank war Gleichstellungspolitik lange smart economics

Drei Jahrzehnte lang hat die Weltbank das Thema anders gehandhabt: Frauen- und Geschlechterpolitik sollte effizient sein, die Geschlechtergleichheit sollte vor allem dafür sorgen, dass die Armut in der Welt kleiner wird und die Volkswirtschaften produktiver werden und schneller wachsen. Damit hat die Weltbank lange Zeit weder konzeptionell noch in der Praxis zur Durchsetzung von Frauenrechten beigetragen und frauenpolitischen Forderungen, Geschlechtergerechtigkeit als Entwicklungsziel an sich zu verankern, den Boden entzogen.
Der Gender-Aktionsplan (GAP; 2007–2010) der Weltbank machte die größere Handlungsfähigkeit von Frauen, ihr sozio-ökonomisches Empowerment, explizit zu einer Frage der Wirtschaftlichkeit, zum business case. Offiziell lautete das Ziel, die Gleichstellung der Geschlechter in den Partnerländern zu fördern. Tatsächlich aber lag der Fokus vor allem auf mehr Wirtschaftswachstum, das durch eine bessere Integration von Frauen in die Wirtschaft erreicht werden sollte. Diese Politik knüpfte nahtlos an die Strukturanpassungsprogramme der achtziger Jahre an. Die Weltbank verkennt dabei, dass es oftmals soziale und kulturelle Faktoren sind, die es den Frauen erschweren, am sozialen und politischen Leben teilzunehmen. Auch bleibt bei dieser Sichtweise der Beitrag unsichtbar, den Frauen und Mädchen weltweit vor allem im informellen Sektor und durch ihre unbezahlte Fürsorgearbeit leisten.

Der Weltentwicklungsbericht 2012 erkennt die Wahlfreiheit, ein eigenständiges Leben frei von Entbehrungen zu führen, als grundlegendes Menschenrecht für beide Geschlechter an. Auch wenn der Bericht in einem zweiten Begründungsschritt an der instrumentalisierenden Funktion der Geschlechtergleichheit für kluges Wirtschaften (smart economics) festhält, bedeutet das eine Abkehr vom bisherigen Credo der Weltbank: "Gleichberechtigung ist gut für Wirtschaftswachstum". Das ist überfällig: Immerhin hatte die internationale Gemeinschaft bereits Ende der neunziger Jahre die Beseitigung der Geschlechterungleichheit zu einem übergeordneten und eigenständigen Ziel ihrer Programme erklärt.

Dennoch gibt es auch an diesem Bericht einiges zu kritisieren. So konzentriert sich die Analyse des WDR in neoklassischer Manier auf die Haushalte. Hier, auf der Mikroebene gesellschaftlicher Organisation, möchte die Weltbank die Entscheidungsmacht und Handlungsspielräume von Frauen vergrößern. Dabei hängt man – wie in allen bi- und multilateralen Entwicklungsorganisationen – dem Mythos des geschlechtsneutralen Marktes an und ignoriert die international bekannten feministischen Analysen zu den tatsächlich geschlechtsspezifischen Auswirkungen makroökonomischer Marktmechanismen. Senkt die Zentralbank die Zinsen oder erhöht die Politik die Steuern, hat das unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen. Das gilt ebenso für die Privatisierung öffentlicher Dienste und Güter oder für die Kürzung öffentlicher Ausgaben und Investitionen.