FrauentagDie Weltbank entdeckt die Gleichberechtigung

In einem neuen Report denkt die Weltbank um: Endlich erkennt die Organisation die Gleichstellung der Geschlechter als Wert an. von Elke Herrfahrdt-Pähle und Birte Rodenberg

Arbeiterinnen in Jakarta

Arbeiterinnen in Jakarta  |  © Getty Images

An diesem Donnerstag wird der internationale Frauentag begangen. Die Weltbank wartet angesichts des Datums mit einer Premiere auf: Erstmals beschäftigt sie sich in ihrem Weltentwicklungsbericht, der in diesen Tagen erscheint, mit der Gerechtigkeit der Geschlechter. Auf profunden qualitativen Studien beruhend, analysiert der World Development Report die Fortschritte und Hindernisse, die sich weltweit beim Kampf um mehr Gleichberechtigung von Frauen auftun.

Das Fazit der Autoren: In vielen Entwicklungsländern verringert sich in einigen Teilen des Lebens die Kluft zwischen Frauen und Männern, etwa bei der Schulbildung. Stark benachteiligt sind Frauen aber immer noch dann, wenn es um die Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Prozessen geht. Frauen bekommen schwerer Zugang zu formaler Beschäftigung und wirtschaftlichen Ressourcen, seien es Kredite oder der Besitz von Land. Auf diesen Feldern sind Frauen noch immer stark benachteiligt.

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Bemerkenswert an der Studie sind jedoch weniger die Ergebnisse selbst. Die Trends, die im Bericht beschrieben werden, sind weitgehend bekannt. Anders als in früheren Veröffentlichungen erkennt die Weltbank jedoch erstmals die Gleichberechtigung der Geschlechter als eigenen Wert an. Dass ausgerechnet die Weltbank eine solche komplexe und faktenreiche Argumentation vorlegt, und das unter Anerkennung der Chancengleichheit als Menschenrecht – das ist die eigentliche Nachricht.

Für die Weltbank war Gleichstellungspolitik lange smart economics

Elke Herrfahrdt-Pähle

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Sie arbeitet in der Abteilung "Umweltpolitik und Ressourcenmanagement".

Drei Jahrzehnte lang hat die Weltbank das Thema anders gehandhabt: Frauen- und Geschlechterpolitik sollte effizient sein, die Geschlechtergleichheit sollte vor allem dafür sorgen, dass die Armut in der Welt kleiner wird und die Volkswirtschaften produktiver werden und schneller wachsen. Damit hat die Weltbank lange Zeit weder konzeptionell noch in der Praxis zur Durchsetzung von Frauenrechten beigetragen und frauenpolitischen Forderungen, Geschlechtergerechtigkeit als Entwicklungsziel an sich zu verankern, den Boden entzogen.
Der Gender-Aktionsplan (GAP; 2007–2010) der Weltbank machte die größere Handlungsfähigkeit von Frauen, ihr sozio-ökonomisches Empowerment, explizit zu einer Frage der Wirtschaftlichkeit, zum business case. Offiziell lautete das Ziel, die Gleichstellung der Geschlechter in den Partnerländern zu fördern. Tatsächlich aber lag der Fokus vor allem auf mehr Wirtschaftswachstum, das durch eine bessere Integration von Frauen in die Wirtschaft erreicht werden sollte. Diese Politik knüpfte nahtlos an die Strukturanpassungsprogramme der achtziger Jahre an. Die Weltbank verkennt dabei, dass es oftmals soziale und kulturelle Faktoren sind, die es den Frauen erschweren, am sozialen und politischen Leben teilzunehmen. Auch bleibt bei dieser Sichtweise der Beitrag unsichtbar, den Frauen und Mädchen weltweit vor allem im informellen Sektor und durch ihre unbezahlte Fürsorgearbeit leisten.

Der Weltentwicklungsbericht 2012 erkennt die Wahlfreiheit, ein eigenständiges Leben frei von Entbehrungen zu führen, als grundlegendes Menschenrecht für beide Geschlechter an. Auch wenn der Bericht in einem zweiten Begründungsschritt an der instrumentalisierenden Funktion der Geschlechtergleichheit für kluges Wirtschaften (smart economics) festhält, bedeutet das eine Abkehr vom bisherigen Credo der Weltbank: "Gleichberechtigung ist gut für Wirtschaftswachstum". Das ist überfällig: Immerhin hatte die internationale Gemeinschaft bereits Ende der neunziger Jahre die Beseitigung der Geschlechterungleichheit zu einem übergeordneten und eigenständigen Ziel ihrer Programme erklärt.

Dennoch gibt es auch an diesem Bericht einiges zu kritisieren. So konzentriert sich die Analyse des WDR in neoklassischer Manier auf die Haushalte. Hier, auf der Mikroebene gesellschaftlicher Organisation, möchte die Weltbank die Entscheidungsmacht und Handlungsspielräume von Frauen vergrößern. Dabei hängt man – wie in allen bi- und multilateralen Entwicklungsorganisationen – dem Mythos des geschlechtsneutralen Marktes an und ignoriert die international bekannten feministischen Analysen zu den tatsächlich geschlechtsspezifischen Auswirkungen makroökonomischer Marktmechanismen. Senkt die Zentralbank die Zinsen oder erhöht die Politik die Steuern, hat das unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen. Das gilt ebenso für die Privatisierung öffentlicher Dienste und Güter oder für die Kürzung öffentlicher Ausgaben und Investitionen.

Leserkommentare
  1. "Fraglich ist auch, ob die Weltbank nun ihre bisherige Strategie aufgibt und etwa künftig stärker in unabhängige Frauennetzwerke- und projekte investiert"

    - also handelt wie immer mehr Regierungen weltweit. Wäre es nicht an der Zeit, eine Zwischenbilanz vorzulegen: Wiebviel Geld wird z.B. in Deutschland jährlich "in unabhängige Frauennetzwerke- und projekte investiert"? Wie wird das Geld konkret ausgegeben? Welche ökonomischen Auswirkungen hat dies?

    MEISTENS ist es ja bei solchen Maßnahmen so, dass erstmal versuchsweise breit begonnen wird und man dann sieht, dass einige Investitionen keinen Gewinn bringen, andere kleinen, wieder andere großen. Die Investitionen sollten sich dann logischer Weise auf den letzteren Teil konzentrieren.

    Zum Nutzen der Sache wäre es doch sinnvoll, da mal einen Zwischenstand vorzulegen? Dann kann man auch keichter entscheiden welche Maßnahme sinnvoll ist und welche kontraproduktiv.

    Auch die Weltbank könnte dann davon lernen.

    Wäre das kein spannendes Thema für die Journalistinnen der ZEIT?

  2. Wieder wird deutlich, dass sich der Respekt vor - und d.h. die Minimierung des Eingriffes in - andere Kulturen und die Bestrebungen, die Frauengleichstellung weltweit zu propagieren, wiedersprechen. Wenn es Ziel der Weltbank wird, die Gleichstellung voranzutreiben, benutzt damit der Westen seine wirtschaftliche Macht, um westliche kulturelle Vorstellungen durchzusetzen.

    Das kann man natürlich machen. Sind die Befürworter aber die gleichen Leute, die ansonsten den äußersten Respekt vor anderen Kulturen fordern und die kulturelle Dominanz des Westens kritisieren? Wenn ja - erklärt euch!

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    Dazu gehört auch die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter. So fixiert in Artikel 2 (7, 16, 17) der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, die als Recht der Vereinten Nationen alle Mitglieder der VN bindet und darüber hinaus als Völkergewohnheitsrecht angesehen werden muss. http://www.ohchr.org/EN/U... Bekenntnis und Selbstverpflichtung der Völker der VN zur Gleichberechtigung von Mann und Frau sind nicht zuletzt im fünften Erwägungsgrund der Präambel wie folgt niedergelegt:

    "da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern,"

    Auch eine Organisation wie die Weltbank darf daher nicht nur, sie muss sich für die Menschenrechte einsetzen!

  3. Die Weltbank praktiziert fast ausschließlich Frauenförderung, keine Gleichberechtigung. Z.B. hat die Weltbank ein Stipendienprogramm für Schülerinnen in Bangladesh finanziert; mit dem Ergebnis, das heutzutage Mädchen in Bangladesh häufiger Primär- und Sekundärschulabschlüsse bekommen als Jungen. Und was hat die Weltbank getan, um die Lücke im tertiären Bildungsbereich zu schließen (Frauen stellen seit mehr als einem Jahrzehnt die Mehrheit an Universitäten weltweit und ihr Anteil steigt weiter -- 2009 war das Verhältnis bereits 108 Frauen auf 100 Männer)? Was tut die Weltbank, um die Lebenserwartung der Geschlechter anzugleichen?

  4. Dazu gehört auch die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter. So fixiert in Artikel 2 (7, 16, 17) der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, die als Recht der Vereinten Nationen alle Mitglieder der VN bindet und darüber hinaus als Völkergewohnheitsrecht angesehen werden muss. http://www.ohchr.org/EN/U... Bekenntnis und Selbstverpflichtung der Völker der VN zur Gleichberechtigung von Mann und Frau sind nicht zuletzt im fünften Erwägungsgrund der Präambel wie folgt niedergelegt:

    "da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern,"

    Auch eine Organisation wie die Weltbank darf daher nicht nur, sie muss sich für die Menschenrechte einsetzen!

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    Kommentar 4: "Die Gleichberechtigung aller Menschen ist Menschenrecht!"

    Ja, das ist vermutlich so oder ähnlich von der UNO verabschiedet worden (und zwar 1948, wie Kommentar 4 schreibt, als die UNO eindeutig westlich dominiert war). Es gibt auch Argumente aus Asien, diese Recht so nicht akzeptieren und den individualistischen, westlich geprägten Menschenrechten "östliche", eher vom Gemeinschaftsgedanken geprägte Menschenrechte entgegensetzen wollen.

    Die Existenz von formal akzeptierten Menschenrechten beantwortet aber nicht die Frage, in wieweit die Weltgemeinschaft berechtigt ist, in historische gewachsene Kulturen einzugreifen, um diesen Menschenrechten zur Geltung zu verhelfen. In Afghanistan ist z.B. die Etablierung von Frauenrechten durch militärische Intervention gerade schief gegangen. Sollten wir es jetzt durch ökonomische Intervention probieren? Ich neige da zur Vorsicht.

    Menschenrechte sind unverhandelbar und kein Kulturgut. Außerdem irrt der vorherige Schreiber, dass Gleichberechtigung nur im Westen existieren würde. Über Jahrtausende gab es dies in vielen Kulturkreisen und wurde auch immer wieder bekämpft.

    Nie sollten wir aufgrund der Herkunft, des Geschlechts oder des Glaubens Menschen diskriminieren.

    • peto1
    • 08. März 2012 16:11 Uhr

    Zum ersten mal wurde in der Welt in Diyarbakir/Türkei eine
    Frauen Nachrichten Agentur gegründet, es soll dann auch in Englischer Sprache geben.
    http://www.jinhaber.com/

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    Was die Gleichberechtigung der Geschlechter angeht, liegt hier offenbar einiges im Argen. Nach dem Gender Inequality (Geschlechterungleichheits) Index der Vereinten Nationen liegt die Türkei auf Platz 77 von 187 Staaten, hinter z.B. China, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain, Tunesien, Oman, Libyen, Armenien, Libanon: http://www.zeit.de/wirtsc... (in der Kopfzeile der Spalte "2011" auf das obere Dreieck hinter dem Jahr klicken; je kleiner der Wert, desto geringer die Ungleichheit).

    Und was die "Agentur in Diyarbakir" angeht: Dies bedeutete, wenn es denn stimmt, nur, dass Frauen offenbar gezielt adressiert werden sollen. Aber nicht, mit welchen Botschaften.

  5. Was die Gleichberechtigung der Geschlechter angeht, liegt hier offenbar einiges im Argen. Nach dem Gender Inequality (Geschlechterungleichheits) Index der Vereinten Nationen liegt die Türkei auf Platz 77 von 187 Staaten, hinter z.B. China, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain, Tunesien, Oman, Libyen, Armenien, Libanon: http://www.zeit.de/wirtsc... (in der Kopfzeile der Spalte "2011" auf das obere Dreieck hinter dem Jahr klicken; je kleiner der Wert, desto geringer die Ungleichheit).

    Und was die "Agentur in Diyarbakir" angeht: Dies bedeutete, wenn es denn stimmt, nur, dass Frauen offenbar gezielt adressiert werden sollen. Aber nicht, mit welchen Botschaften.

    Antwort auf "Zum Frauen Tag"
  6. Kommentar 4: "Die Gleichberechtigung aller Menschen ist Menschenrecht!"

    Ja, das ist vermutlich so oder ähnlich von der UNO verabschiedet worden (und zwar 1948, wie Kommentar 4 schreibt, als die UNO eindeutig westlich dominiert war). Es gibt auch Argumente aus Asien, diese Recht so nicht akzeptieren und den individualistischen, westlich geprägten Menschenrechten "östliche", eher vom Gemeinschaftsgedanken geprägte Menschenrechte entgegensetzen wollen.

    Die Existenz von formal akzeptierten Menschenrechten beantwortet aber nicht die Frage, in wieweit die Weltgemeinschaft berechtigt ist, in historische gewachsene Kulturen einzugreifen, um diesen Menschenrechten zur Geltung zu verhelfen. In Afghanistan ist z.B. die Etablierung von Frauenrechten durch militärische Intervention gerade schief gegangen. Sollten wir es jetzt durch ökonomische Intervention probieren? Ich neige da zur Vorsicht.

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    Im Rahmen von Entwicklungsprogrammen ggf. gegen historisch gewachsene rechtliche Benachteiligung von Menschen anzugehen, entspricht den in offiziellen Bekenntnissen und Selbstverpflichtungen verbindlich bekräftigten Überzeugungen der Vereinten Nationen. (Wann militärische Intervention als gerechtfertigt gilt, ist ein anderes Thema. Generell verbietet die Charta der VN jegliche Gewalt. Ausnahmen sind möglich, aber streng reglementiert. Menschenrechte und Gleichberechtigung finden übrigens auch im zweiten Erwägungsgrund in Artikel 1(3) der Charta Erwähnung.)

    Die grundlegenden, unveräußerlichen Menschenrechten, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 als VN-Resolution niedergelegt sind, basieren auf einem letztlich in der menschlichen Vernunft begründeten Naturrecht, nachdem alle Menschen von Geburt an im Verhältnis zueinander gleichberechtigt sind. "Unveräußerlich" bedeutet, dass diese naturgegebene Gleichberechtigung nicht politisch, kulturell, religiös oder aus welchen Gründen auch immer eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt werden darf.

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