SchwellenländerDie stille Revolution der Mittelschicht

Eine Milliarde Menschen ist in den letzten 15 Jahren weltweit der Armut entkommen. Die neue Mittelschicht treibt die Wirtschaft und fordert den Rechtsstaat. von Alejandro Guarín

Chinesische Touristen während eines Ausflugs entlang des Yangtse-Flusses

Chinesische Touristen während eines Ausflugs entlang des Yangtse-Flusses  |  © Olli Geibel/AFP/Getty Images

In den vergangenen 15 Jahren wurde die Welt Zeuge einer stillen Revolution: Mehr als eine Milliarde Menschen sind Teil einer wachsenden globalen Mittelschicht geworden. Nach westlichen Maßstäben sind sie nicht reich; aber sie haben der Armut den Rücken gekehrt und verfügen über Zeit und Geld für mehr als das bloße Überleben. Das Wachstum dieser Mittelschicht ist größtenteils auf das rasante Wirtschaftswachstum in China und Indien zurückzuführen. Höchstwahrscheinlich wird es anhalten.

Heute lebt rund die Hälfte der globalen Mittelschicht in Europa, Nordamerika und wenigen anderen wohlhabenden Ländern. Bis 2030 aber werden etwa zwei Drittel der dann schätzungsweise fünf Milliarden Mittelschichtbürger weltweit in Schwellenländern leben, vor allem in Asien.

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Warum ist das eine Revolution? Die Mittelschicht ist eine historische Anomalie. Die meisten Menschen, die je gelebt haben, waren sehr arm. Marx und Engels, die die Geburtsstunde der Industrialisierung miterlebten, schrieben: "Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat". Aber es geschah etwas anderes, etwas, womit die beiden nicht gerechnet hatten: Die Löhne stiegen, und dadurch wurde die arbeitende Bevölkerung nicht ärmer, sondern reicher. Statt einer tiefen Spaltung erlebte die Industriegesellschaft das Erstarken einer breiten wohlhabenden Mittelschicht.

Ein seltener Triumph

Das ist eine Erfolgsgeschichte der Menschheit. Heute beschweren wir uns über den traurigen Zustand unserer Wirtschaft, oder die Unzulänglichkeiten unserer politischen Führung. Aber historisch betrachtet ist die Existenz einer Gesellschaft wie der Deutschlands, in der die Mehrheit der Menschen gesund ist und Bildung, Freizeit und politische Mitbestimmung genießt, ein seltener Triumph. Bis vor Kurzem beschränkte sich dieser Erfolg auf eine sehr kleine Zahl von Menschen in wenigen Ländern. Der Großteil der Weltbevölkerung ist und bleibt arm. Aber die Dinge ändern sich: Die Mittelschicht könnte sich über den ganzen Globus ausbreiten.

Alejandro Guarín

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE), das weltweit zu den führenden Forschungsinstituten in Fragen globaler Entwicklung und Entwicklungspolitik gehört.

Das ist wichtig, selbst wenn zugleich Milliarden weitere Menschen der Armut nicht entkommen werden. Wir sollten uns mit dem Wachstum einer globalen Mittelschicht beschäftigen – und zwar jetzt.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Eine breite Mittelschicht kann ein Wachstumsmotor für die Wirtschaft sein. Sie ist Bestandteil eines Circulus Virtuosus, in dem Wohlstand für mehr Wohlstand sorgt und wirtschaftlicher Erfolg dauerhaft gesichert werden kann. Der Einfluss einer breiten Mittelschicht reicht weit über die eigenen Grenzen hinaus. Sie kann sich positiv auf die Armen auswirken, denn mit ihren Steuern finanziert sie ein soziales Netz, von dem auch die Ärmsten profitieren.

Zudem sind die Angehörigen der Mittelschicht in der Regel gut ausgebildet und aktiv am politischen Leben beteiligt. Eine starke Mittelschicht profitiert eher von Rechtsstaatlichkeit, einer unabhängigen Justiz und generell von mehr politischer Transparenz und Rechenschaftspflicht. Sie wird all das unterstützen und fordern. Dadurch kann eine starke Mittelschicht institutionelle Strukturen verbessern.

Leserkommentare
    • Nibbla
    • 01. März 2012 17:41 Uhr

    ... aber die Sache mit der Umwelt bin ich vorsichtig.
    Weil eine Mittelschicht sorgt auch für ein sinkendes Bevölkerungswachstum. Und Überbevölkerung bzw Armut gehört auch zu einen großen Umweltzerstörer.
    einmal kurz googel:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Eine Leserempfehlung
  1. es ist wie in unseren Landen. Wenn Millionen und Milliarden Menschen sich fortbewegen, sich ernähren und unterhalten werden wollen wie bislang die meisten Europäer und Nordamerikaner, verkraftet das die Erde ganz und gar nicht.

    "Nachhaltigkeit" ist dabei kein Schlagwort, sondern auf Dauer gesehen die natürliche Sperre diesseits, die unserem Konsum und unserem Wirtschaften eine Grenze setzt.

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    Lebensstil die Umwelt zerstört und andere Länder diesen Lebensstil nachahmne,dann hören Sie doch auf, so zu leben.
    Gehen Sie mit gutem Beispiel voran!

  2. Klar ! Wenn in den Industrieländern des Westens alles rund läuft, dort erklägliche Tarifabschlüsse erreicht werden um den Konsum aufrecht zu erhalten, wenn der Euro nicht einkracht, wenn.... usw. !
    Die Werkbank Europas ist darauf angewiesen, dass es uns gut geht!
    Geht es uns gut ?

  3. Lebensstil die Umwelt zerstört und andere Länder diesen Lebensstil nachahmne,dann hören Sie doch auf, so zu leben.
    Gehen Sie mit gutem Beispiel voran!

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wäre es doch mal interessant zu erfahren, wie Sie zu der Thematik stehen.
    Wie entkommt man diesem Teufelskreis, der sich schon seit langem diesbezüglich anbahnt?

  4. Was der verehrte Kollege vergisst zu erwähnen. Der Wohlstand in China und Indien geht nicht auf Entwicklungshilfe zurück. China und Indien haben so gut wie keine Entwicklungshilfe erhalten. Tatsächlich sind die Länder, die keine Entwicklungshilfe erhalten haben wie Südkorea, die Tigerstaaten usw besser dran als die Staaten, die welche erhalten. Darüber sollte DIE mal nachdenken.

  5. wäre es doch mal interessant zu erfahren, wie Sie zu der Thematik stehen.
    Wie entkommt man diesem Teufelskreis, der sich schon seit langem diesbezüglich anbahnt?

  6. Ist es wirklich ein virtuoser Kreisel oder doch der circulus vitiosus, der hier gemeint ist?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Armut | Armutsgrenze | China | Einkommen | Entwicklungspolitik | Indien
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