Chinesische Touristen während eines Ausflugs entlang des Yangtse-Flusses © Olli Geibel/AFP/Getty Images

In den vergangenen 15 Jahren wurde die Welt Zeuge einer stillen Revolution: Mehr als eine Milliarde Menschen sind Teil einer wachsenden globalen Mittelschicht geworden. Nach westlichen Maßstäben sind sie nicht reich; aber sie haben der Armut den Rücken gekehrt und verfügen über Zeit und Geld für mehr als das bloße Überleben. Das Wachstum dieser Mittelschicht ist größtenteils auf das rasante Wirtschaftswachstum in China und Indien zurückzuführen. Höchstwahrscheinlich wird es anhalten.

Heute lebt rund die Hälfte der globalen Mittelschicht in Europa, Nordamerika und wenigen anderen wohlhabenden Ländern. Bis 2030 aber werden etwa zwei Drittel der dann schätzungsweise fünf Milliarden Mittelschichtbürger weltweit in Schwellenländern leben, vor allem in Asien.

Warum ist das eine Revolution? Die Mittelschicht ist eine historische Anomalie. Die meisten Menschen, die je gelebt haben, waren sehr arm. Marx und Engels, die die Geburtsstunde der Industrialisierung miterlebten, schrieben: "Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat". Aber es geschah etwas anderes, etwas, womit die beiden nicht gerechnet hatten: Die Löhne stiegen, und dadurch wurde die arbeitende Bevölkerung nicht ärmer, sondern reicher. Statt einer tiefen Spaltung erlebte die Industriegesellschaft das Erstarken einer breiten wohlhabenden Mittelschicht.

Ein seltener Triumph

Das ist eine Erfolgsgeschichte der Menschheit. Heute beschweren wir uns über den traurigen Zustand unserer Wirtschaft, oder die Unzulänglichkeiten unserer politischen Führung. Aber historisch betrachtet ist die Existenz einer Gesellschaft wie der Deutschlands, in der die Mehrheit der Menschen gesund ist und Bildung, Freizeit und politische Mitbestimmung genießt, ein seltener Triumph. Bis vor Kurzem beschränkte sich dieser Erfolg auf eine sehr kleine Zahl von Menschen in wenigen Ländern. Der Großteil der Weltbevölkerung ist und bleibt arm. Aber die Dinge ändern sich: Die Mittelschicht könnte sich über den ganzen Globus ausbreiten.

Das ist wichtig, selbst wenn zugleich Milliarden weitere Menschen der Armut nicht entkommen werden. Wir sollten uns mit dem Wachstum einer globalen Mittelschicht beschäftigen – und zwar jetzt.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Eine breite Mittelschicht kann ein Wachstumsmotor für die Wirtschaft sein. Sie ist Bestandteil eines Circulus Virtuosus, in dem Wohlstand für mehr Wohlstand sorgt und wirtschaftlicher Erfolg dauerhaft gesichert werden kann. Der Einfluss einer breiten Mittelschicht reicht weit über die eigenen Grenzen hinaus. Sie kann sich positiv auf die Armen auswirken, denn mit ihren Steuern finanziert sie ein soziales Netz, von dem auch die Ärmsten profitieren.

Zudem sind die Angehörigen der Mittelschicht in der Regel gut ausgebildet und aktiv am politischen Leben beteiligt. Eine starke Mittelschicht profitiert eher von Rechtsstaatlichkeit, einer unabhängigen Justiz und generell von mehr politischer Transparenz und Rechenschaftspflicht. Sie wird all das unterstützen und fordern. Dadurch kann eine starke Mittelschicht institutionelle Strukturen verbessern.