In der Debatte über die Sanierung der griechischen Volkswirtschaft entwickelt sich ein neuer, die Grenzen politischer Lager überwindender Konsens. Vom Präsidenten der Europäischen Investitionsbank, dem FDP-Politiker Werner Hoyer , über den Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit bis zu Gregor Gysi (Die Linke ) und dem Noch-Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann , wird die gleiche Forderung erhoben: Ein Marshallplan soll dem wirtschaftlich angeschlagenen Land auf die Beine helfen. Die griechische Volkswirtschaft – so die zentrale Botschaft – braucht massive Hilfe von außen.

Wie einst die USA sollen nun die übrigen europäischen Staaten einen Plan für die dauerhafte Genesung des griechischen Patienten sorgen. Aber dieser Vorschlag führt in eine Sackgasse. Er ignoriert, dass vom Ausland verordnete Reformen nie wirklich funktioniert haben. Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche wirtschaftliche Transformation ist, dass die betroffenen Gesellschaften selbst Konzepte und Strategien zur Überwindung der Krise entwickeln und diese auch in eigener Verantwortung umsetzen. Wirtschaftspolitische Rezepte aus dem Ausland, europäische Berater und deutsche Finanzbeamte können die griechischen Strukturprobleme nicht lösen. 

Die Forderung nach einer Neuauflage des nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa mit Erfolg durchgeführten Marshallplans übersieht zentrale Elemente des damaligen Konzepts. Der Marshallplan war kein Programm, das den teilnehmenden Regierungen im Europa der Nachkriegszeit genaue Vorgaben machte, wie der wirtschaftliche Wiederaufbau im Detail geregelt werden sollte.

Im Kern gewährte das Programm für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas ökonomische Unterstützung im Gegenzug zur Teilnahme an der von den USA geprägten, marktwirtschaftlichen Ordnung. Keinesfalls entwickelte der Plan detaillierte Konzepte, wie der Wiederaufbau in Europa erreicht werden sollte. Dies war die Aufgabe der am europäischen Wiederaufbauprogramm teilnehmenden Staaten. Zudem mussten die westeuropäischen Länder ihre Pläne koordinieren und sich dem Ziel der Schaffung eines gemeinsamen (west-) europäischen Wirtschaftsraumes verpflichten.

Was hat dies mit den Problemen des heutigen Griechenlands zu tun? Im Grunde gar nichts. In Griechenland geht es nicht um den Wiederaufbau nach einem furchtbaren Krieg, sondern um die Neuordnung einer Wirtschaft, die in den rund 180 Jahren seit der griechischen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich eigentlich zu keinem Zeitpunkt leistungsfähig war und bereits mehrfach in den Staatsbankrott schlitterte.