Griechenland85,8 Prozent der Gläubiger zu Schuldenschnitt bereit

Die Regierung in Athen hat Zahlen vorgelegt: Deutlich mehr Gläubiger als nötig haben einem Verzicht auf ihre Forderungen zugestimmt. Die übrigen sollen gezwungen werden. von afp, dpa und reuters

© Oli Scarff/Getty Images

Die Beteiligung der privaten Gläubiger am Schuldenschnitt in Griechenland hat die angestrebte Marke von 75 Prozent deutlich überschritten. Von den 177 Milliarden Euro an Anleihen unter griechischem Recht seien 152 Milliarden Euro zum Umtausch eingereicht worden, teilte das Finanzministerium in Athen mit. Das entspricht einer Quote von 85,8 Prozent. Als Ziel hatte sich die Regierung eine Beteiligung von 75 Prozent gesetzt.

Damit will sich Finanzminister Evangelos Venizelos aber nicht zufriedengeben. Griechenland wolle nun alle Gläubiger mit Anleihen nach griechischem Recht zum Umtausch zwingen. Dazu müssten Umtauschklauseln aktiviert werden, die nach einem im Februar eigens verabschiedeten Gesetz nachträglich möglich sind.

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Zusammen mit den anderen Anleihen würde die Beteiligung am Schuldenschnitt dann insgesamt bei 95,7 Prozent liegen. Das würde 197 von insgesamt 206 Milliarden Euro Anleihevolumen in der Hand privater Gläubiger abdecken. Zusätzlich soll die Frist für die Beteiligung von Anleihegläubigern nach ausländischem Recht bis zum 23. März verlängert werden.

Schuldenschnitt

Griechenland steht vor dem Bankrott. Damit das Land zahlungsfähig bleiben kann, bittet es seine Gläubiger, auf einen Teil der Forderungen zu verzichten. Fachleute sprechen von einem Schuldenschnitt, neudeutsch: Haircut. Griechenland schuldet seinen Investoren insgesamt etwa 200 Milliarden Euro. Die griechische Regierung bietet den Gläubigern nun an, die bisherigen Papiere in Anleihen mit längerer Laufzeit und niedrigerer Verzinsung zu tauschen. Im Prinzip kann jeder Gläubiger eigenmächtig entscheiden, ob er sich auf das Geschäft einlässt oder nicht. Die Frist dafür läuft am späten Abend des 8. März 2012 ab. Falls der Schuldenschnitt misslingt, droht dem Land die ungeordnete Insolvenz. Der Internationale Bankenverband warnt, dass ein ungeordneter Bankrott die Investoren weit teurer kommen würde als der nun angebotene Deal. Bis zum Jahr 2020 soll der Schuldenstand Griechenlands durch die Umschuldung von heute rund 160 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf rund 120 Prozent sinken.

Collective Action Clause

Ganz so freiwillig geht es bei dem Schuldenschnitt aber nicht zu. Die griechische Regierung hat nachträglich in die laufenden Anleihen nach griechischem Recht eine Umschuldungsklausel einbauen lassen – eine so genannte collective action clause. Die neue Regel betrifft rund 86 Prozent aller ausgegeben Staatspapiere. Stimmen mehr als zwei Drittel der Investoren dem Umtausch zu, kann die griechische Regierung alle anderen Investoren, die Papiere nach griechischem Recht besitzen, zum Umtausch zwingen. Stimmen mehr als 90 Prozent aller Investoren zu – also auch solche, die Papiere nach internationalem Recht halten – , tritt der Umtausch automatisch in Kraft. Um das angestrebte Ziel zu erreichen, den Schuldenstand auf 120 Prozent zu senken, müssen allerdings mindestens 95 Prozent aller Investoren mitmachen.

Gläubiger

Die Gläubiger sollen im Zuge des Anleihetausches griechische Staatsanleihen erhalten, die mit einer längeren Laufzeit versehen sind – nämlich rund 30 Jahre. Der Wert dieser Papiere beträgt rund 31 Prozent des bisherigen Nennwertes. Die Tilgung dieser Papiere soll im Jahr 2023 beginnen. Die jährliche Verzinsung beträgt im Durchschnitt bis zum Jahr 2042 rund 3,65 Prozent. Allerdings sind die Zinsen gestaffelt, um Griechenland mehr Zeit zu geben: Bis zum Jahr 2015 sollen es zunächst zwei Prozent sein, danach steigt der Zinssatz bis zum Jahr 2020 auf drei Prozent. Ab 2021 klettert er auf 3,65 Prozent, um schließlich ab dem Jahr 2022 rund 4,3 Prozent zu betragen. Die Rendite für die neuen Papiere ist damit deutlich niedriger als bislang.

Verzicht soll um 107 Milliarden Euro entlasten

Griechenland steht bei den Banken, Versicherern und Fonds mit insgesamt gut 200 Milliarden Euro in der Schuld. Der angepeilte Rückzahlungsverzicht soll das Land um insgesamt 107 Milliarden Euro entlasten.

IWF-Chefin Christine Lagarde äußerte sich optimistisch zur Lage in Europa . Das Risiko einer "schweren Krise" sei nun vorerst abgewendet worden, sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds ( IWF ). Es scheine, als werde der geplante Schuldenschnitt glatt über die Bühne gehen. Die Zahlen seien "vielversprechend", sagte sie und fügte hinzu: "Frühling liegt in der Luft."

Auch US-Finanzminister Timothy Geithner lobte die Anstrengungen der Euro-Staaten im Bemühen um eine Beilegung der Währungskrise. Dank der Maßnahmen der Euro-Länder sei das Risiko gesunken, dass Europa große Schäden in der Weltwirtschaft anrichten könne, sagte er.

Der Schuldenschnitt ist eine Voraussetzung für die Hilfsmaßnahmen der Euro-Staaten , die das Land vor der Staatspleite bewahren sollen. Die Euro-Partner wollen ein zweites Maßnahmenbündel von 130 Milliarden Euro gewähren. Die Finanzminister der Euro-Zone wollen darüber am Freitag beraten. Der Internationale Währungsfonds will am 15. März über das neue Hilfspaket diskutieren.

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Leserkommentare
  1. Die Euroeinführung in Griechenland war schon auf Lügen gebaut!

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    • joG
    • 09. März 2012 7:54 Uhr

    ...war, ob die Hypothese der Freiwilligkeit noch gehalten wird. Immerhin soll offenbar eine CAKlausel greifen, die nachtraglich erlassen wurde.

  2. Griechenland schafft den Euro-Beitritt, Griechenland schafft den Schuldenschnitt, Griechenland schafft so ziemlich alles.

    Ausser.....

    Na Sie wissen schon. ;-)

  3. 3. Super

    Jetzt kann Griechenland wieder deutsche U-Boote kaufen, die schräg fahren...

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    • WiKa
    • 08. März 2012 18:37 Uhr

    … sofern sie diese großen stählernen Dickfische meinen, so sehe ich die eher bäuchlings oben schwimmen, mit ein wenig Schräglage ist es wohl nicht mehr zu meistern. Da hilft nur das gute alte Sprichwort „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ und wie immer wird das Elend besonders teuer in die Zukunft verschoben, das ist das Markenkennzeichen der aktuellen Euro-Politik … (°!°)

  4. wie es mit internationaler Unterstützung aussieht um all die grichischen Steuerflüchtlinge heimzuholen. Das wär ja auch in unserem Interesse. Alleine werden die Griechen das wohl erst recht nciht schaffen, wenn man sich hierzulande bei diesem Thema schon so anstellt.

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    Um die Kapital- und Steuerflüchtlinge aufzuspüren bräuchte es nun wirklich ein vereintes Europa, in dem alle Banken verpflichtet würden, die Einlagen griechischer Staatsbürger offenzulegen. Steuerbetrug ist ein Kapitalverbrechen, da sollte man die Länder, die Beihilfe leisten, wie die Schweiz od Lichtenstein so anfassen, wie die USA das machen.

    Das würde den europäischen Steuerzahler entlasten. Aber da ist wohl unseren Regierenden das eigene Hemd (Spenden u Pöstchen)näher als Volkes Wohlergehen

    • havit
    • 08. März 2012 18:09 Uhr

    alles was vorher mitgeteilt wird kann nicht stimmen. Um ganz genau zu sein muss alles von den Ratingagenturen, IWF, EZB und der EU bestätigt sein. Was Griechenland mitteilt ist zweitrangig, das sollte den Damen und Herren in GR unmissverständlich mitgeteilt werden. Die Zeit der Lügen ist vorbei, endgültig vorbei. Der Austritt von GR aus der EU und dem Euro rückt näher, nur die Griechen wollen nichts davon wissen.

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    Harald Hau ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Genf und Lehrstuhlinhaber am Swiss Finance Institute.

    Hau: Ein Bankrott Griechenlands hätte in jedem Fall eine heilende Wirkung. Ein Wackelzustand, wie wir ihn jetzt haben, macht jedenfalls alles nur noch schlimmer. Viele Banken in Griechenland sind schon pleite, geben aber immer noch weiter Kredite. Sie besorgen sich das Geld bei der Zentralbank und verleihen es an Spekulanten. Das ist eine Periode krummer Geschäfte, die am Ende zu Lasten der europäischen Steuerzahler geht. Die Politik ist unglaublich naiv, wenn sie das zulässt.

    http://www.spiegel.de/wir...

    Das große "hallo, wie bitte, geht´s noch" wird trotzdem bald zu hören sein. Aber man hätte es besser wissen müssen, das ist keine Frage von Naivität. Am besten sorgt die Politik noch für sich selbst.

    • WiKa
    • 08. März 2012 18:12 Uhr

    Ich stelle mal eine Vermutung an, dass möglicherweise bereits in den letzten Tagen/Wochen unter vorgehaltener Hand aus irgendwelchen dunklen Kreisen … die man irgendwo zwischen Brüssel und Frankfurt vermuten könnte … genügend von dem griechischen Schrott aufgekauft wurde um das System Euro in der Gesamt-EU zugunsten der Banken zu gewährleisten. So könnte die nötige Mehrheit zusammengekauft worden sein. Jetzt wird man uns dann ein wenig Griechenlandschuldenschnitt vorspielen und auf die nächst größeren Happen warten. Es ist also ein vergleichsweise bescheidenes Opfer, denk man daran was der Geldadel noch alles gewinnen kann. Übrigens, ich bin weder Kommunist noch Sozialist … aber immer noch Realist genug um den Unfug ansatzweise zu begreifen.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Politiker und Bankster ihr System jetzt schon aufgeben wollten. Den Zusammenbruch kann man erst dann zulassen wenn eine größt mögliche Privatisierung aller Staaten erreicht ist. Nichts anderes bewirkt ja die Sozialisierung dieses Systems … Banken retten, den Zinsanteil an den öffentlichen Haushalten ausbauen. Kann es schöneres geben als die Zinsen über Steuermittel gleich „volksweise“ in den Rachen geschüttet zu bekommen?

    Nun gut, die Gemeinde der Sarkasten und Zyniker ist der Zeit weit voraus. Wetten so in etwa wird es sich in der Schlussphase abspielen, aber auch dann werden uns die Politiker trotz besserer Erkenntnis wieder den alten Katzenjammer aufführen:

    http://qpress.de/?p=1648

  5. Mein Kommentar von vortags:

    Alles Friede backe Eierkuchen

    dürfte, wie gehabt, auch Donnerstag das Ergebnis sein und die Insolvenzverschleppung dürfte weitergehen. Bekundungen der Gläubiger dürften wieder mal in sogenannte trockene Tücher gewickelt auf den Tisch gelegt werden, so dass der Blick auf die Wasserlachen unter den kunstvoll drapierten Tüchern versperrt bleibt.

  6. ist gang nah.

    Das hier heute ist nur die Vorbereitung auf die Rückher der Drachme.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP
  • Schlagworte Griechenland | Finanzministerium | Recht | Anleihe | Christine Lagarde | Euro
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