Die Steuern steigen, der Benzinpreis erklimmt neue Höhen, die Zahl der Arbeitslosen nimmt weiter zu, die Wachstumsaussichten für 2012 sind mit einem prognostizierten Minus von 0,5 bis 2 Prozent mehr als düster. Ein Szenario eigentlich, in dem die Regierung ihrerseits wachsende Popularitätsprobleme haben müsste.

Anderswo mag das gelten – in Rom nicht. Mario Monti, seit November 2011 Ministerpräsident Italiens , kann morgens unbesorgt die Zeitung aufschlagen. Die Umfragen, die er dort findet, sind mehr als schmeichelhaft für ihn. Erst vergangenen Montag kamen die neuesten Zahlen: 67 Prozent der Italiener vertrauen seinem Technikerkabinett, und unter Italiens Politikern ist der Seiteneinsteiger Monti selbst – von Beruf ja eigentlich Professor – mit einem persönlichen Zustimmungswert von 60 Prozent der unbestrittene Spitzenreiter. Weit abgeschlagen, mit 40 Prozent, findet sich dann der erste "echte" Politiker, Pierluigi Bersani, Chef der gemäßigt linken Demokratischen Partei.

Es ist ein mittleres politisches Wunder, das Rom da gerade erlebt – das Wunder von der Stärke, die aus scheinbarer Schwäche geboren wurde. Noch im November letzten Jahres tönte der gescheiterte Regierungschef Silvio Berlusconi , täglich könne er seinem Nachfolger Monti "den Stecker rausziehen", wenn er nur wolle. In der Tat: Monti hat keine eigenen Bataillone, er ist im Parlament abhängig von Berlusconis Volk der Freiheit (PdL) – und von jenen Parteien, die vordem Berlusconi aufs Messer bekämpft hatten: der gemäßigt linken Demokratischen Partei (PD) sowie dem in der Mitte angesiedelten "Dritten Pol".

Und doch: Mit dieser heterogenen Truppe von zerstrittenen, ja verfeindeten Parteien im Rücken gelang Monti zunächst binnen weniger Tage die Verabschiedung des Sparprogramms unter dem Titel Salva Italia (Rettet Italien ) – mit Steuererhöhungen, mit der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre und zahlreichen anderen Zumutungen für die Bürger. Die Linke , die Gewerkschaften murrten, weil die Besserverdienenden, die Vermögenden nur sehr bescheiden zur Kasse gebeten wurden. Doch größere Proteste blieben aus, denn Monti hatte ein allzu starkes Argument auf seiner Seite: die Emergenza, den Notstand.

Und der hatte einen Namen: "Wir müssen vermeiden, ein zweites Griechenland zu werden", betete Monti wie ein Mantra herunter. Diese Gefahr war in jenen Novembertagen mehr als konkret – der Spread zwischen italienischen und deutschen Staatsschuldverschreibungen hatte 550 Punkte erreicht, jede Auktion italienischer Titel wurde zur Zitterpartie, in der immer wieder die EZB aushelfen musste, um eine weitere Öffnung der Schere zu Deutschland zu verhindern.

Doch kaum war das Sparprogramm durch, legte Monti nach: Jetzt war Cresci Italia (Wachstum für Italien) an der Reihe, und Monti legte ein neues Paket vor, das wiederum zu einem geeignet schien: dazu, sich im Land viele Feinde zu machen und die eigene Popularität nach Kräften zu drücken. "Liberalisierung" und "Kampf gegen Ständeinteressen" waren die Stichworte. Egal ob Taxifahrer, Apotheker, Rechtsanwälte oder Notare, ja auch Versicherungen und Banken: Geschützte Märkte sollten aufgebrochen, den Konsumenteninteressen sollte Raum geschaffen werden. Im Parlament musste Monti sich dann vieles wieder abverhandeln lassen – zum Beispiel dürfen die Taxifahrer weiterhin im Schutzraum eng kontingentierter Lizenzen ihrem recht einträglichen Job nachgehen.