Staatsverschuldung"Die Euro-Krise erinnert fatal an Japan"

Die Krise in Europa ist noch längst nicht beendet, sagt der Ökonom Richard Koo. Im Interview fordert er Kapitalkontrollen in der Euro-Zone. von 

ZEIT ONLINE: Herr Koo, der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi , hält das Schlimmste in der Euro-Krise für überwunden . Die Lage habe sich stabilisiert. Hat er Recht?

Richard Koo: Was die Finanzkrise betrifft, mag er Recht haben. Und Draghi hat richtig gehandelt, zwei Mal das europäische Bankensystem mit so viel Liquidität zu fluten. In den Bilanzen des Privatsektors sieht es in weiten Teilen Europas aber nach wie vor schlimm aus. Dieses Problem kann eine Zentralbank nicht lösen.

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ZEIT ONLINE:Spanien und Portugal sind noch nicht aus dem Schneider?

Koo : Die Euro-Krise erinnert fatal an die Situation in Japan vor 20 Jahren. Das derzeitige Problem ist doch: So wie in Japan in den achtziger Jahren wurde in den vergangenen Jahren auch in den USA und Europa sehr viel Geld verliehen und in den Wohnungsbau gesteckt. Nach dem Platzen dieser Blasen 2007 haben die Vermögenswerte massiv an Wert verloren. Die Schulden aber bleiben. Die Leute müssen sparen. Das heißt: Niemand nimmt mehr Kredite auf und investiert – trotz historisch niedriger Zinsen.

ZEIT ONLINE: Was ist falsch daran?

Koo: Der Privatsektor muss sogar so handeln, um sich zu entschulden. Die Zentralbank kann die Zinsen in einer solchen Situation auf nahe Null senken, die Unternehmen und Privatleute sind dennoch an keinen Investitionen interessiert. Die Sparer überlassen den Banken zwar Geld, es stehen aber keine Kreditnehmer bereit. Das Geld des Privatsektors bleibt im Bankensektor stecken. Wir haben es mit einer besonderen Form der Rezession zu tun, die es nur 1929 schon einmal gab und Anfang der neunziger Jahre in Japan. Ich spreche von einer Bilanzrezession.

ZEIT ONLINE: Was genau zeichnet sie aus?  

Richard Koo

Koo studierte an der University of California, Berkeley und promovierte an der Johns Hopkins University. Danach arbeitete er für die Federal Reserve Bank of New York. 1984 wechselte er zum Nomura Research Institute.

Koo: Ein einfaches Modell: Wenn sich ein Privathaushalt übernommen hat, versucht er zu sparen. Von den 1.000 Euro, gibt er 900 für laufende Ausgaben aus; dieses Geld fließt in den Wirtschaftskreislauf. 100 Euro davon aber gibt er der Bank. Zu wirtschaftlich normalen Zeiten gelingt es Banken dieses Geld weiter zu verleihen. Ist die Nachfrage nach Krediten hoch, steigt der Zinssatz. Ist sie niedrig, sinkt er.

Je niedriger der Zinssatz, desto höher das Interesse, sich Geld zu leihen. Dem Wirtschaftskreislauf wird nichts entnommen. Doch nach dem Platzen der Blase will keiner mehr Geld von der Bank, selbst wenn der Leitzins bei Null liegt. Und es kommt noch schlimmer: Weil der nächste von den 900 ausgegebenen Euro auch zehn Prozent zur Bank bringt, fließen in den Kreislauf nur noch 810 Euro und so weiter. Eine Abwärtsspirale nach unten, in der die Geldpolitik versagt.

ZEIT ONLINE: Was sollte Ihrer Meinung nach passieren?

Koo: Damit die Wirtschaft nicht kollabiert, muss der Staat einspringen. Und zwar genau in der Höhe, wie Geld im Bankensystem stecken bleibt.

Leserkommentare
  1. Faktisch haben wir längst eine Tranferunion, siehe Target... Und die Billionenwette vonAM kann auch unser Land ruinieren.
    Kapitalkontrollen nutzen nur minimal, die reichen haben längst ihr Geld weggeschafft, ob nach DE oder in die Schweiz...
    Man müsste alle Schwarzgeldkonten in Schweiz/ Luxenburg.. Cayman.einfrieren und für Zwangsanleihen nutzen.
    Sprich, die Zahlungsströme gläsern machen.
    Dann noch den Sekundenhandel weltweit minimieren oder gezielt hacken.
    Monsterbanken müssen an die Kette
    Warum werden die Anleihen nicht direkt von der Bundesbank ausgegeben?

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    ..."Warum werden die Anleihen nicht direkt von der Bundesbank ausgegeben?"

    Das kann man um die Frage ergänzen, warum die EZB keine Anleihen ihrer Mitgliedsländer direkt kaufen darf.

    Darauf gibts zwei Antworten:

    1) vorherrschende Marktgläubigkeit (der Markt SOLL als Bestrafer fungieren, man jammert heuchlerisch drüber, aber ändert die Gesetze nicht)

    2) der Privatbankensektor will mitverdienen und hat das seinen politischen Handlangern auch "vermitteln" können

    • joG
    • 26. März 2012 15:54 Uhr

    ....wieder ausgeglichen. Vielleicht enteignen die Europäer auch niemanden mehr.

  2. 2. Ja...

    ..."Warum werden die Anleihen nicht direkt von der Bundesbank ausgegeben?"

    Das kann man um die Frage ergänzen, warum die EZB keine Anleihen ihrer Mitgliedsländer direkt kaufen darf.

    Darauf gibts zwei Antworten:

    1) vorherrschende Marktgläubigkeit (der Markt SOLL als Bestrafer fungieren, man jammert heuchlerisch drüber, aber ändert die Gesetze nicht)

    2) der Privatbankensektor will mitverdienen und hat das seinen politischen Handlangern auch "vermitteln" können

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  3. "Warum werden die Anleihen nicht direkt von der Bundesbank ausgegeben?"

    Weil die Reichsbank schon mal vorexerziert hat, was dann passiert! Sie erinnern sich an die vielen Nullen auf den Banknoten? Die EZB tritt doch mit riesen Schritten in die Fußstapfen der Reichsbank.

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    "Weil die Reichsbank schon mal vorexerziert hat, was dann passiert! Sie erinnern sich an die vielen Nullen auf den Banknoten? Die EZB tritt doch mit riesen Schritten in die Fußstapfen der Reichsbank."

    Die nur neurotisch zu nennende Inflationsfurcht ist wohl die "german angst", die am meisten die hiesigen Debatten bestimmt. Seit Ausbruch der Krise 2008 wird von früh bis spät vor der Inflation bzw. sogar Hyperinflation gewarnt, ohne das selbige auch nur ansatzweise stattgefunden hat. Und das trotz all der Maßnahmen, die nach Meinung der Monetaristen wahre Blasphemie und Apostasie von der reinen Lehre darstellen, wie z.B. der Ankauf von Staatsanleihen durhc die eigene Notenbank wie den USA, die Auflage von riesigen Konjunkturpaketen durch den Staat, die Emittierung von staatlichen Wertpapieren mit negativem Realzins (wie in den USA seit vielen Jahren gängige Praxis), die Verleihung von Geld durch die einzelnen Notenbanken der europäischen Länder gegen die Hinterlegung von Wertpapieren geringerer Bonität und und und. Trot all dessen ist weit und breit keine stärkere Inflation oder gar Hyperinflation in Sicht. Woran das wohl liegen mag?

    ...die Inflation. Vor nichts haben die Deutschen mehr Angst, na ja, vielleicht mal abgesehen davon, dass sie keine Rente bekommen könnten und natürlich vor dem Tempolimit :-)

    Die Frage beruht mE auf einem Missverständnis, ich habe es gerade nochmal nachgelesen, in D werden Anleihen von der "Deutschen Finanzagentur" herausgegeben:
    http://de.wikipedia.org/w...
    die im Besitz des Staates ist.

    Die Bundesbank hat also gar nix mit Anleihen-Ausgabe zu tun, aber sie könnte sie, ebenso wie die EZB, zinsgünstig aufkaufen. Dann könnten uns Ratingagenturen vollkommen egal sein, das ist aber verboten:
    "Nach Art. 123 AEUV ist „der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von [Regierungen der Mitgliedstaaten] durch die Europäische Zentralbank“ verboten."
    http://de.wikipedia.org/w...

    Das ist in der Tat nicht einzusehen, denn eine Rezession ist auch im geringen Umfang immer schlimmer als eine Inflation, außer letztere artet aus. Dafür braucht es aber eine Menge Unwucht im System und vermutlich den Willen, inflationieren zu wollen (etwa um Auslandsschulden los zu werden oä.).

    Tatsächlich wäre gezieltes Geld drucken (in streng kontrollierten Umfang) dem derzeitig vorherrschenden Spar- und Privatisierungsdogma vorzuziehen. Im Sinne der Bevölkerungsmehrheit ist eine moderate Inflation verkraftbarer, als dauerhafte Massenarbeitslosigkeit.

    ... wenn nicht bewältigbare Auslandsschulden bezahlt werden müssen.

    Es war der Vertrag von Versaille, der Deutschland damals die Hyperinflation brachte.

    Wenn die letzten Jahre der Ölpreis nicht stetig gestiegen wäre, der über die Energiekosten auch für eine Verteuerung anderer Güter sorgte, wären wir schon lange in der Deflation. Sie können das an der Lohnentwicklung der breiten Masse sehen.

    Das Geld aus den zusammengeliehnen Staatshaushalten landet auf vergleichsweise wenigen Konten. Das angesparte Geld wird nicht investiert sondern drängelt in Finanzinnovationen, verteuert Wohnraum, verteuert Rohstoffe und unterstützt Jahr für Jahr Millionen Hungertote.

    • IQ130
    • 26. März 2012 15:43 Uhr

    Wieder ein Interview zum kollektiven Vergessen. Es wurde alles vorher gesagt, diskutiert und logisch strukturiert.

    - Haftung
    - Steuern für milli-Sekunden schnelle Kapitalflüsse
    - Schwarzgeldkonten bzw. Steueroasen sperren/schließen

    DAS hätte eine durchschlagende Wirkung.
    Alles andere ist Abzocke der Mittelschicht.

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  4. "Der Privatsektor war noch nicht so weit. Doch der IWF war einflussreicher. Hashimoto erhöhte die Steuern und fuhr die Staatsausgaben massiv zurück. Und raten Sie, was das für Folgen hatte: Japans Staatsverschuldung schoss um 68 Prozent in die Höhe. Hätte Hashimoto damals widerstanden, wäre Japan längst raus aus der Krise."

    Seit der "Allgemeinen Theorie" von John Maynard Keynes hätte es jeder wissen können, der des Lesens kundig und ökonomisch einigermaßen interessiert ist, daß die Kürzung von Staatsausgaben in einer ökonomischen Rezessionsphase, in der sich der Privatsektor wie Haushalte und Unternehmen entschulden wollen, keine Gesundung des Haushaltes, sondern über einen weiteren Rückgang der Konjunktur und der damit verbundenen Steuer- wie Beitragsausfälle eine noch höhere Verschuldung bewirkt. Der Staat wird dann diesen Kürzungen immer hinterhersparen, in einer Spirale nach unten. Man kann eben nicht seine Schulden aus vergangenen Perioden abbauen, indem man seine Einnahmen in der laufenden Periode verringert. Reine volkswirtschaftliche Logik, doch im Denken der vielen Schwäbischen Hausfrauen in der Politik und im gegenwärtigen ökonomischen Mainstream leider nicht mehr präsent.

    "Warum in Spanien das Vermögen belassen, wenn sich im selben Währungsraum das sichere Deutschland befindet?"

    Die Folge dessen, daß man einen gemeinsamen Währungsraum und vor allem ohne Kapitalverkehrskontrollen begründet, ein Mantra der neoliberalen Politik. Die Folgen tragen alle.

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    ...mal jemand mit Verstand :-)

    Das neoklassische Hemd ist den meisten Leuten irgendwie näher als volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Was zu Hause im Kleinen funktioniert, kann im Großen nicht schlecht sein usw.

    Dass die Normalos das nicht verstehen, ist verzeihbar, ist es schliesslich nicht gerade Schulstoff. Bei den Journalisten habe ich schon weniger Verständnis, bei den Politikern hörts ganz auf.

    Letztere verstehen vermutlich sogar was sie anrichten, aber menschenwürdiges Leben sieht neoklassische Volkswirtschaftslehre ebensowenig vor, wie die bewusste Entwicklung einer Wirtschaft. Wenn man dazu noch glaubt:

    1) dass sinkenden Lohnkosten gut sind (Wettbewerb)

    2) Staatsausgaben schlecht (Verdrängung privater Investitionen)

    3) Ersparnisse unmittelbar Investitionen werden ( S=I und ähnlicher Kokolores)

    dann hat man schnell eine Suppe angerührt, die niemand auslöffeln mag.

    Halbwissen regiert.

    • joG
    • 26. März 2012 15:51 Uhr

    ....wäre wirtschaftlich für die Euro-Zone eine Katastrophe."

    Die Einen sagen wirtschaftlich, die Anderen sagen politisch. Ich wünsche mir, dass diese Leute etwas genauer erklärten, wie sich diese Katastrophe entwickeln würde und worin sie kleiner wäre, als die Katastrophe die sich so entfaltet.

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    Die Schulden sind in Euro. Jeder wieder seine Landeswährung, dann müssen Euro-Schulden in Landeswährung, Umgerechnet werden!

    Die Wohl unlösbare Aufgabe: Wie werden die Landeswährungen Bewertet, ohne das die Schuld in Euro, durch falsche Bewertung der Landeswährung, entwertet werden? Da einige Länder des Euro-Raums ihre Euro-Schulden nicht begleichen können, kommt es zu weiteren Abschreibungen bei Banken und anderen.

    Die Banken müssen dann wieder von den einzelnen Ländern gerettet werden. Ob das Klappt? Europa gibt es dann nicht mehr!

    "Der letzte macht das Licht aus", funktioniert Nicht!

    • joG
    • 26. März 2012 15:54 Uhr

    ....wieder ausgeglichen. Vielleicht enteignen die Europäer auch niemanden mehr.

    • ouboub
    • 26. März 2012 15:55 Uhr

    "Die jeweiligen Länder dürfen Staatsanleihen nur noch an ihre eigenen Landsleute ausgeben."

    und was passiert, wenn kein Spanier spanische Staatsanleihen haben will?

    Eine Leserempfehlung

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