Der britische Ökonom John Maynard Keynes im Januar 1938 © Gordon Anthony/Getty Images

John Maynard Keynes ist einer der ganz wenigen klaren Gewinner der Finanz- und Wirtschaftskrise. Seit den 70er-Jahren waren die Theorien des britischen Ökonomen weitgehend aus der Mode geraten doch seit 2008 erleben sie ein Comeback erster Klasse. "Der Meister", frohlockt Keynes-Biograf Robert Skidelsky, "ist zurückgekehrt."

Ökonomen der Harvard-Universität warnen in einer neuen Studie aber vor zu viel Euphorie. In wirtschaftlich normalen Zeiten seien die Möglichkeiten des Staats, die private Wirtschaft mit Ausgabenprogrammen zu stimulieren, ziemlich begrenzt. Gebe der Staat mehr Geld aus, verdränge das zum Teil Aktivitäten der Privatwirtschaft.

Unter Volkswirten wird dieses Phänomen seit Jahrzehnten unter dem Begriff "Crowding out" diskutiert. Wie relevant dies in der Realität ist, ist aber heftig umstritten, denn die Folgen von Fiskalpolitik sind in der Realität nur schwer zu messen. Schließlich beeinflussen sich Staatsausgaben und Konjunktur gegenseitig, Ursache und Wirkung lassen sich dabei nur schwer voneinander trennen.

Die drei Harvard-Forscher haben einen Weg gefunden, dieses Problem zu lösen dank einer Besonderheit des amerikanischen politischen Systems: Die Vorsitzenden wichtiger Ausschüsse im Senat und Kongress nutzen ihre Macht systematisch, um ihren Wählern etwas Gutes zu tun sie leiten staatliche Mittel massiv in ihre Heimatregionen um. Wenn der Vorsitz in einem Ausschuss wechselt, steigen dadurch in US-Bundesstaaten die Staatsausgaben schlagartig, ohne dass dies irgendetwas mit der Konjunkturlage vor Ort zu tun hätte.

Die Mittel, die aus Washington in die Heimatregion des Vorsitzenden fließen, steigen im ersten Jahr nach einem Amtswechsel um neun Prozent an, stellen die Forscher fest. Die Zahl der Aufträge, die der Staat dort an die Privatwirtschaft vergibt, nehmen innerhalb eines Jahres sogar um 24 Prozent zu.

In der keynesianischen Logik müsste dieser Impuls die private Wirtschaft stimulieren. Tatsächlich scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein, stellt das Forschertrio fest. Private Unternehmen in der Region fahren ihre Investitionen in Maschinen und Ausrüstung im Durchschnitt um 15 Prozent zurück, auch die Budgets für Forschung und Entwicklung streichen sie zusammen und fahren die Beschäftigung zurück. "Höhere staatliche Ausgaben scheinen Aktivitäten in der Privatwirtschaft zu verdrängen", lautet das Fazit. "Das Ausmaß dieses Effekts ist alles andere als trivial." So würden die Mittelzuflüsse aus Washington im Schnitt um 452 Millionen Dollar pro Jahr steigen die Investitions- und Forschungsausgaben sänken im Gegenzug um 92 Millionen Dollar.

Die Forscher hatten das so nicht erwartet. Sie wollten mit ihrer Studie nicht Keynes infrage stellen, sondern zeigen, wie politische Protektion aus Washington der lokalen Wirtschaft hilft. "Dass das durchschnittliche Unternehmen nicht profitiert, war für uns eine enorme Überraschung", sagt Mitautor Joshua Coval. Plausibel erklären können die Forscher ihre Ergebnisse aber nicht. Dass die höheren Staatsausgaben mit höheren Steuern für die lokale Wirtschaft einhergehen, können sie ausschließen, denn die Ausschussvorsitzenden lenken staatliche Ausgaben nur um, sie erhöhen nicht das Gesamtvolumen der Zahlungen.

In ihrem Modell zeigen die Ökonomen, dass höhere staatliche Transfers die Arbeits- und Investitionsanreize in einer Wirtschaft verringern können. Wie und warum das "Crowding out" stattfindet, bleibt letztlich unklar.

"Do Powerful Politicians Cause Corporate Downsizing?", von L. Cohen, J. Coval und C. Malloy, in:Journal of Political Economy.

Erschienen im Handelsblatt