LohnpolitikWohlstand für alle! Für alle?

Vor anderthalb Jahren versprach die Kanzlerin, die Bürger würden diesmal vom Aufschwung profitieren. Was ist aus dem Versprechen geworden?

Im Oktober 2010 klingt Rainer Brüderle plötzlich wie ein Gewerkschaftsführer. "Wenn die Wirtschaft boomt, sind auch kräftige Lohnerhöhungen drin", verkündete der damalige Wirtschaftsminister und FDP-Politiker. Die Bundeskanzlerin teilte daraufhin mit, sie sehe das "Buchstabe für Buchstabe" genauso. Anderthalb Jahre später beginnen in mehreren Branchen die Tarifverhandlungen und viele Bürger wollen wissen: Was ist aus dem Versprechen geworden?

Tatsächlich hat auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland eine Trendwende eingesetzt. Bis zum Krisenjahr 2009 sanken im Durchschnitt die Reallöhne. Nun steigen sie wieder: 2010 um 1,5 Prozent, im vergangenen Jahr noch einmal um 1,1 Prozent. Es ist der stärkste Reallohnzuwachs seit zwei Jahrzehnten. In diesem Jahr könnte es für die Arbeitnehmer sogar noch besser laufen. Weil der Arbeitsmarkt boomt und die Inflation noch relativ niedrig ist, bleibt jedem Arbeitnehmer wieder mehr in der Tasche (siehe Grafik). Auch die Lohnquote – also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen – ist gestiegen. Selbst das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung spricht von einer "Aufholbewegung bei den Löhnen".

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Zugleich kippt ein anderer Trend. Seit zwei Jahren wachsen die Löhne aller Arbeitnehmer wieder stärker als die Tariflöhne. Seit der Jahrtausendwende war das umgekehrt, sogar in den Aufschwungjahren 2005 bis 2007. "Negative Lohndrift" nennen die Ökonomen ein solches Phänomen. Es war eine ungewöhnliche Phase in der Geschichte der deutschen Lohnentwicklung. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren stiegen die tatsächlich gezahlten Löhne im Aufschwung immer etwas stärker als die Tariflöhne. Weil die Firmen im Boom mehr Mitarbeiter brauchten, zahlten sie oft besser als Tarif. Etwas abgeschwächt galt diese Regel auch noch bis in die neunziger Jahre. Dann kam der Bruch.

Dennoch sieht die Kurve der Lohnentwicklung etwas dramatischer aus, als die Entwicklung in Wirklichkeit war. Die meisten Beschäftigten in Deutschland mussten gar keine Reallohnverluste hinnehmen. Rund 60 Prozent der Arbeitnehmer werden noch immer nach Tarif bezahlt – ihre Löhne stiegen auch im vergangenen Jahrzehnt. Vor allem in den Exportbranchen wie in der Chemie- oder der Metall- und Elektroindustrie, verzeichneten die Beschäftigten kräftige Zuwächse, auch wenn ihre Löhne etwas langsamer als die Produktivität wuchsen.

Geschrumpft sind die Löhne vor allem im Dienstleistungssektor. Dort waren es vor allem die zahlreichen neuen Teilzeitstellen und schlechter bezahlten Jobs, die den Durchschnitt nach unten drückten. Die neuen Beschäftigten waren in vielen Fällen zuvor arbeitslos, im Aufschwung fanden sie einen Job. Die Lohnsumme ist seit 2005 gestiegen; es gibt mehr Jobs und weniger Menschen, die von Transfers leben. Man kann sich darüber streiten, ob das eine glückliche Entwicklung war.  Die These vom "verlorenen Jahrzehnt", das die Gewerkschaften beschwören, erscheint zumindest etwas einfach gedacht.

Folgt nun das Jahrzehnt der Arbeitnehmer? Es gibt Gründe, die dafür sprechen. "In einigen Regionen im Süden sind die Arbeitsmärkte bereits nahezu leer gefegt", sagt Joachim Möller, Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Die gute Arbeitsmarktlage und die Knappheitsverhältnisse sprechen durchaus für einen dauerhaften Trend." Der Ökonom glaubt, dass sich die Reallöhne aller Beschäftigten in den kommenden 10 bis 15 Jahren dauerhaft besser entwickeln werden als die Tariflöhne. Aus der "negativen Lohndrift" würde dann wieder dauerhaft eine positive werden. Wo Fachkräfte knapp werden, zahlen die Unternehmen wieder besser als im Tarifvertrag vereinbart.

Allerdings steckt in diesem Trend auch eine Gefahr. Denn während für einige die Löhne kräftig steigen werden, könnte der Aufschwung an den Geringqualifizierten völlig vorbeigehen. "Wir haben keine Indizien, dass sich dort etwas tut", sagt Möller. Zwar wächst der Niedriglohnsektor seit dem Jahr 2005 nicht mehr weiter. Dafür aber teilt sich der Arbeitsmarkt immer stärker in zwei Bereiche. "Während einige Beschäftigte unbefristete Verträge haben, gibt es eine nicht unbeträchtliche Gruppe, die sich von Job zu Job hangelt und unter dem Drehtüreffekt leidet", sagt Möller. Dieser Graben am Arbeitsmarkt könnte sich in den kommenden Jahren vergrößern. Am Ende des Aufschwungs wäre der Arbeitsmarkt gespaltener als vorher.

 
Leserkommentare
  1. Es geht dabei um die Geburtenrate nach Zulassung der Pille. Es ist lange her.
    Damals ging der KOnsum der Pille stetig nach oben, während die Geburtenraten zurückgingen.
    Diesen Vorgang bezeichnet man heute noch als den Pillenknick.

    Was wir hier sehen ist der Schröder/Fischer/Hartz-Knick.

    Die Löhne gehen durch Einführung des Mechanismus

    1. Entlassung
    2. Wiedereinstellung als Leiharbeiter

    oder
    1. Entlassung
    2. arbeitssuchend
    3. Aus Angst vor Hartz4 und Strafmaßnahmen der Arbeitsagenturen, Annahme eines jeden Jobs zu noch so schlechten Bedingungen,

    stetig nach unten.
    Das war und ist Zweck der Agenda 2010!
    Steuern runter für die Unternehmen, Löhne runter für die Arbeiter, Gewinne hoch für die Unternehmen, Steuern wieder runter für die Unternehmen, Staatsverschuldung ohne Ende,Kürzung von Sozialleistungen ....
    Das ist die Politik sämtlicher etablierten Partein seit Schröder.

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  2. zitat:dass Geringqualifizierte mit geringer Produktivität durch Technik ersetzt werden"

    aber diese menschen sind dann immer noch da, und um diese menschen muss sich gekümmert werden. man kann auf der einen seite nicht gering qualifizierte durch technik ersetzen und dann menschen mit Harz 4 attestieren faule sozialschmarozer zu sein. denn der technische fortschritt schaft auch arbeitslosigkeit und nicht jeder kann umgeschult werden. ich weiß das haben sie nicht behauptet, aber ich habe das selbst oft gehört als ex harz 4 bezieher.

    marktwirtschaft ist eine wunderbare sache aber nur wenn sie regeln gehorcht und dadurch allen menschen dient, und nicht nur den reichen.

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    Antwort auf "Herr Faigle hat recht"
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    Deswegen macht es aus meiner Sicht auch Sinn, diese Menschen auch als "Aufstocker" in Lohn und Brot zu bringen, statt sie durch einen Mindestlohn, der im Zweifel zu hoch angesetzt wird, gänzlich ins ALG II und damit das soziale Abseits abzudrängen.

    Deswegen macht es aus meiner Sicht auch Sinn, diese Menschen auch als "Aufstocker" in Lohn und Brot zu bringen, statt sie durch einen Mindestlohn, der im Zweifel zu hoch angesetzt wird, gänzlich ins ALG II und damit das soziale Abseits abzudrängen.

  3. ...Zweilagiges !

    Der Inflationssatz ist meiner Meinung nach geschönt. Allein die Energiekosten sind seit 2009 um gut 30 % gestiegen, da ist das Benzin noch gar nicht eingerechnet !

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Uiuiui"
  4. Denn was Ihr Vorforist geschrieben hat stimmt zwar theoretisch so, ist aber höchst unmenschlich. Genau das ist das Thema, welches es zu beleuchten gilt, wollen wir nicht in eine Zwei.-, bzw,, Dreiklassengesellschaft auseinanderfallen. Was ich nicht begreife ist, daß sehr viel Geld verdient wird, nur wo bleibt dies alles??? Es kann doch nicht so viele dunkle Kanäle geben, ( oder sollen wir schwarze Löcher sagen ) wo es verschwindet. Warum ist der Mensch nicht in der Lage auf seine Mitmenschen einzugehen??? Solange es nicht "sein" Geld kostet, ist das kein Problem, aber wehe es geht an seinen Geldbeutel!!! Wie sagen die Schwobe so schön : mir gäbet nix!!! In diesem meinem Leben, werde, bzw., brauche ich es nicht mehr zu verstehen. Ich denke da mehr an meinen Enkel. Dies ist noch ein herrlich Kerlchen, nur in welchen Umgang wird er mal kommen.???

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    Antwort auf "Recht so"
  5. Auch nicht, dass Arbeitnehmer erheblich mehr private Altersvorsorge treffen müssen als noch vor 10 Jahren, um ihr Auskommen nach der Rente zu sichern? Das sind Kosten, welche viele Arbeitnehmer mit mehreren hundert Euro pro Monat belasten können. Ist das in der Teuerungsrate tatsächlich berücksichtigt?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Reallöhne"
  6. Gewerkschaftsführer. "Wenn die Wirtschaft boomt, sind auch kräftige Lohnerhöhungen drin", verkündete der damalige Wirtschaftsminister und FDP-Politiker. Die Bundeskanzlerin teilte daraufhin mit, sie sehe das "Buchstabe für Buchstabe" genauso." - klasse, und nun sind offensichtlich die Buchstaben verrutscht, denn die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die noch vor kurzem wegen ihrer Geduld, die Gewerkschaften wegen ihrer moderaten Zugeständnisse beglückwünscht wurden, bekommen jetzt nicht einmal ein Angebot für Lohnerhöhungen, weil die Schulden, sprich Zinsen an die Banken, bedient werden müssen. - Merkels Brüderle, habt Ihr noch so viel Ehre, Euer Wort zu halten, oder bedarf es des Großen Zapfenstreichs für die Ehrlosen? -

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  7. "Geschrumpft sind die Löhne vor allem im Dienstleistungssektor"

    Toll, Deutschlands Wirtschaft ist zu 72% Dienstleistungssektor.

    Das heißt: Für einen großen Teil der Menschen sind die Löhne gesunken!
    Aber das ist ja nicht die einzige Karrikierung der Statistiken die hier betrieben werden, was ist denn mit Zeitarbeit? Was ist mit Prekarisierung?

    Von 2000 bis 2008 sind die Reallöhne um 0,8% gesunken!

    Quelle: http://www.eu-info.de/deu...

    Erst 2009 kam eine Änderung im Trend, aber bis 2011 hat das Reallohnniveau quasi stagniert, also auch keine Änderung in Sicht gewesen. (Quelle: destatis)
    Erst vor kurzem gab es aber folgende Studie:

    http://www.ad-hoc-news.de...

    die sagte, dass es dieses Jahr am stärksten wachsen würde, das Reallohnniveau - in multinationalen Konzernen, was ist wohl mit dem Rest?

    Wie wäre es mit mehr kritischem und kompetenten Journalismus?

    3 Leserempfehlungen
  8. Zitat: "Der Ökonom ´ glaubt ´, dass sich die Reallöhne aller Beschäftigten in den kommenden 10 - 15 Jahren dauerhaft besser entwickeln werden als die Tariflöhne." Die Ökonomen sollten das Glauben den Theologen überlassen.

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    das wer glauben will soll in die kirche gehen, in der theologie praktizieren wir wissentschaft. sagte zumindest meine dozentin in der einführungsveranstaltung als ich mit dem theologie studium begann. anscheinend kann man statt der kirche auch die prognosen unserer ökonomen nehmen und glauben was sie über die lohnentwicklung aussagen. wir müssen nur an das wachstum glauben und es wird uns allen irgendwann besser gehen. lasst uns an den geschäftsklima index glauben und an die rettungsschirme. heiligen wir die ratings der agenturen und beten wir zu den consulting firmen damit wir den gerechten lohn an kapitalrendite unversteuert nicht unter 20% erhalten. tanzen wir um das goldene kalb des kapitalismus. :-)

    mein kommentar dient allein der erheiterung und ist ansonsten sinlos vondaher kann er ohne bedenken gelöscht oder einfach nur ignoriert werden.

    das wer glauben will soll in die kirche gehen, in der theologie praktizieren wir wissentschaft. sagte zumindest meine dozentin in der einführungsveranstaltung als ich mit dem theologie studium begann. anscheinend kann man statt der kirche auch die prognosen unserer ökonomen nehmen und glauben was sie über die lohnentwicklung aussagen. wir müssen nur an das wachstum glauben und es wird uns allen irgendwann besser gehen. lasst uns an den geschäftsklima index glauben und an die rettungsschirme. heiligen wir die ratings der agenturen und beten wir zu den consulting firmen damit wir den gerechten lohn an kapitalrendite unversteuert nicht unter 20% erhalten. tanzen wir um das goldene kalb des kapitalismus. :-)

    mein kommentar dient allein der erheiterung und ist ansonsten sinlos vondaher kann er ohne bedenken gelöscht oder einfach nur ignoriert werden.

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