ArbeitsmarktAuch im Aufschwung schrumpft der Niedriglohnsektor nicht

Neue Daten zeigen: Rund acht Millionen Menschen arbeiten für weniger als 9,15 Euro die Stunde. Vor allem Minijobber bekommen oft Niedriglöhne.

Die Zahl der Bezieher von Niedriglöhnen ist im aktuellen Aufschwung nicht deutlich gesunken. Der Niedriglohnsektor wächst aber auch nicht weiter. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen hervor, die ZEIT ONLINE vorliegt.

Demnach arbeiteten im Jahr 2010 rund acht Millionen Beschäftigte für einem Stundenlohn von weniger als 9,15 Euro. Der Anteil der Billigjobs lag bundesweit bei 23,1 Prozent – und damit leicht niedriger als im Jahr 2009. Zugleich liegt die Quote höher als in früheren Untersuchungen, weil die Forscher diesmal auch Studenten, Rentner und Schüler hinzugerechnet haben.

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Als Niedriglöhner gilt, wer weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns verdient. Dabei liegen die Durchschnittslöhne im Niedriglohnsektor deutlich unter den genannten 9,15 Euro pro Stunde: Für den Westen gibt das IAQ sie mit 6,68 Euro an, für den Osten mit 6,52 Euro. Dem Institut zufolge erhalten 1,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland sogar weniger als fünf Euro pro Stunde.

Frauen, Junge und schlecht Ausgebildete sind gefährdet

Die Daten des IAQ zeigen zugleich, dass der Niedriglohnsektor seit Jahren relativ konstant ist. Deutlich gewachsen ist er vor allem in den Jahren 1998 bis 2003 – und damit noch vor den Hartz-IV-Reformen. Ein Grund war die starke Zunahme von Minijobs (400-Euro-Jobs). Minijobber machen einen Großteil der Niedriglohnbezieher aus. Dem IAQ zufolge arbeiten 86 Prozent der 400-Euro-Jobber im Niedriglohnsektor. Zum Vergleich: Bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind es nur rund 27 Prozent.

Die Daten zeigen auch: Noch immer laufen Frauen ein doppelt so hohes Risiko, einen Mindestlohn zu bekommen als Männer. Ebenfalls stark betroffen sind junge Arbeitnehmer – und zwar selbst dann, wenn man die Studenten und Schüler herausrechnet. Wer schlechter ausgebildet ist, muss ebenfalls im Durchschnitt öfter einen Billigjob annehmen. Allerdings sind auch Arbeitnehmer mit Berufsausbildung unter den Beziehern von Niedriglöhnen. 26 Prozent von ihnen bekommen einen Niedriglohn.

Den Berechnungen des IAQ zufolge würde jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland von einem Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro die Stunde profitieren. Das wären rund 25 Prozent der weiblichen und 15 Prozent der männlichen Beschäftigten.

 
Leserkommentare
  1. ... oder nicht?

    Ach ne, das gilt ja nur für die Konsumenten, die halt nicht so gerne zu viel für etwas zahlen wollen.

    Sich hier über Niedrigloehne auslassen, über die Unternehmer schimpfen und sich dann aufregen, wenn die Milch im Aldi mal nen ordentlichen Euro kostet.

    • bukoca
    • 12.03.2012 um 21:24 Uhr

    ...erhebliche Schikanen und im letzten Absatz soll es natürlich bildungsferne Unterschicht heißen.

  2. Ich selbst bin nun 50 -- für mich der Zeitpunkt, zu resümiereren.
    Von meinen Bekannten, die zum Teil eben auch "unbedingt arbeiten" wollen, höre ich nur negatives:
    - x Dutzend Bewerbungen bei Arbeitslosen, teils mit höhnischen Reaktionen der Arbeitgeber bei Nachfragen (und im Gegensatz zu mir HABEN diese leute einen lückenlosen qualifizierten Arbeitslebenslauf -- und stehen jetzt beschissener da als ich!!) Sie heben sich über Arbeit definiert und tun es noch immer -- das bringt den einen oder anderen, der verzweifelt sucht, in die Nähe eines Nervenleidens. Wirklich!

    - Die Bekannten, die noch arbeiten: Wenn ich rundum schaue, eigentlich nur Leute (sie sind alle mittel bis gut qualifiziert, es gibt dann weiterhin 2 unqualifizierte in Reinigungsjobs) , die auf dem zahnfleisch gehen, während der Boss auf ihre Kosten neue Häuser oder ein flottes Auto kauft.
    Immer mit einem Fuss draussen, wagen sie es mal, mit Bauchspreicheldrüsenentzündung und ähnlichem daheim bleiben zu wollen. Arbeitsdruck: Unerträglich, das gebahren der Unternehmer:Arrogant bis niederträchtig.

    Die Liste ist unendlich. Ich rate JEDEM Ü50, der irgendwie kann, vorzeitig sein vermögen zu verstecken, zu lernen, mit wenig Konsum zufrieden zu sein (man ist dann MEHR zufrieden als vorher, wenn mans schafft) und die Arbeitswelt hinter sich zu lassen, und alles zu vermeiden, dass das Jobcenter einen je wieder in "Arbeit" steckt.
    Man kann DANN durchatmen und lebt besser. Wirklich.
    Das letzte Hemd hat eh keine Taschen.

    Eine Leserempfehlung
  3. ... dass heute im Arbeitsmarkt der Reiz groß ist, reguläre Beschäftigungsverhältnisse durch Minijobs zu ersetzen. Das liegt aber u.a. und den horrenden SV-Beiträgen die Arbeitnehmer und Arbeitgeber abführen müssen sowie an nachteilen unseres Progressionssystems der Einkommensteuer das viel zu früh viel zu viel abzieht.

    In keinem früheren Job haben wir es sogar so gemacht, dass ich statt einer Gehaltserhöhung beim eigentlichen Arbeitgeber einen 400€ Job bei einem anderen Arbeitgeber des gleichen Eigentümers dazu genommen habe für den wir ohnehin Leistungen erbracht haben. Damit hatte ich 400€ netto mehr, was normalerweise für den AG gute 800-1000€ Mehraufwand bedeutet hätte, so nur ca. 450€...

    Für was die 400€ Jobs nichts können ist die Wahl eines Berufs, der eben nicht gut bezahlt ist weil die Wertschöpfung am Markt daraus gering ist. Wenn ich sehe, welche Unmengen an Geisteswissenschaftlern unsere Hochschulen jedes Jahr produzieren darf man sich nicht wundern, wenn nachher durch ein Überangebot der Arbeitskräfte ein Teil davon "über" ist und dadurch ggf. sogar die Einkommen sinken.

    Vielleicht müßte man einfach hier durch Reduzierung der Erstsemesterkapazitäten das Angebot in diesem Bereich verknappen, dann steigen auch die Einkommen wieder.

    Und ganz ehrlich? Wir brauchen dringend mehr Ingenieure und Naturwissenschaftler. Denn damit verdient dieses Land sein Geld...

    Antwort auf "Was ist daran neu?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...aber ganz anders aussehen!

    Wo Sie ja gerade schon den Ingenieur als fehlende Fachkraft ins Feld führen...schauen Sie sich doch mal an, wie das Verhältnis der Bezahlung eines Ingenieurs mit seinem Anteil an der Wertschöpfungskette korreliert! Wenn Sie das mal auf Berufe wie Anwälte und co übertragen, deren Anteil an der gesamten Kette deutlich geringer ist, dann müssten diese Berufsgruppen eigentlich mehr oder weniger am Hungertuch nagen. Aber wie sieht denn die Realität aus?

    ...aber ganz anders aussehen!

    Wo Sie ja gerade schon den Ingenieur als fehlende Fachkraft ins Feld führen...schauen Sie sich doch mal an, wie das Verhältnis der Bezahlung eines Ingenieurs mit seinem Anteil an der Wertschöpfungskette korreliert! Wenn Sie das mal auf Berufe wie Anwälte und co übertragen, deren Anteil an der gesamten Kette deutlich geringer ist, dann müssten diese Berufsgruppen eigentlich mehr oder weniger am Hungertuch nagen. Aber wie sieht denn die Realität aus?

  4. ...aber ganz anders aussehen!

    Wo Sie ja gerade schon den Ingenieur als fehlende Fachkraft ins Feld führen...schauen Sie sich doch mal an, wie das Verhältnis der Bezahlung eines Ingenieurs mit seinem Anteil an der Wertschöpfungskette korreliert! Wenn Sie das mal auf Berufe wie Anwälte und co übertragen, deren Anteil an der gesamten Kette deutlich geringer ist, dann müssten diese Berufsgruppen eigentlich mehr oder weniger am Hungertuch nagen. Aber wie sieht denn die Realität aus?

  5. ... mit folgender Meinung:
    »Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abhängt, ihren Beschäftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen, sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter Ihre Geschäfte zu betreiben. Mit einem zum Leben ausreichenden Lohn meine ich mehr als das bloße Existenzminimum – ich meine Löhne, die ein anständiges Leben ermöglichen.«
    Präsident Franklin D. Roosevelt, 1938 bei der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns in den USA

    Dank der Sozialdemokratie in Deutschland ist dieser Satz auch Geschichte.

    Eine Leserempfehlung
  6. Wieviel Mindestlohn soll´s denn am Ende sein, Ihrer Meinung nach? Es müsste Ihnen klar sein, dass bei einem Mindestlohn nicht mehr herauskommt, als ein Leiharbeiter der niedrigsten Entgeltgruppe jetzt schon bekommt. Ohne genaue Zahlen zu kennen, tippe ich auf einen Betrag von etwa 7,50 Euro. Das reicht weder für ein halbwegs anständiges Leben noch für Altersvorsorge. Zieht man die höheren Unkosten, die Beschäftigte haben (vom höheren Kalorienverbrauch bis zu Fahrtkosten), bringt so eine Beschäftigung keinen finanziellen Vorteil im Vergleich zu Arbeitslosigkeit. Weil die Hartz IV-Sätze jetzt schon deutlich zu niedrig sind, wird man sie nicht weiter kürzen können, um dem "Lohnabstandsgebot" gerecht zu werden.

    Wenn Sie von "flächendeckendem Mindestlohn" sprechen - anstatt beispielsweise von "gleichem Lohn + X", dann erkennen ich auf den ersten Blick, dass sie ein Opfer der SPD-Propaganda geworden sind. Müntefering hat ja schon vor Jahren jede Talkshow mitgenommen, um sich voller Abscheu und Empörung über Löhne von ... so wörtlich ... ähem ... "3,50 Euro" auszulassen.

    Der "flächendeckende Mindestlohn" ist nur ein fadenscheiniges Mäntelchen zur Bedeckeckung der moralischen Entblössung der Mittelschicht - zur der heute jeder gehören will. Mit ihrer nicht mehr überbietbaren Heuchelei verrät die SPD nicht nur ihre eigene Tradition, sondern auch die Interessen sehr vieler Menschen aus der Mittel- oder Oberschicht, die diese dreckigen Verhältnisse nicht wollen und sich dafür schämen.

    Antwort auf "8 Millionen Menschen"
  7. Auch wenn ich mich wiederhole: Eine Bekannte von der DRV (LVA) hat folgende "Rentenvorauskuft" erteilt: wenn ein Mensche 40 Std.Woche bis zu seinem 67. Lebensjahr zum Mindestlohn abeitet, erhält er 680 € ALTERSRENTE....
    Solch eine Zukunftsperspekive droht vielen Hundertausenden von Arbeitnehmern. Wenn das kein Grund ist radikal zu denken und zu werden ...., was soll denn noch geschehen? Will man die Wochenstunden auf 48 ausweiten und den Lohn um 30 Cent/Std kürzen ? Wundern würde es mich nciht.

    Der real existierende Kapitalismus mit seinem Werkzeug, der freien Marktwirtschaft, ist ein Garant für Altersarmut und Kinderarmut und dazwischen Aufstockung durch die Arbeitsagenturen. Das ist das Ergebnis pareiübergreifender Wirtschafts- und Sozialpolitik gesteurt durch die Wirtschaft.

    Eine Leserempfehlung

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