Der Mann ist eine der schillerndsten Figuren der Volkswirtschaftslehre: Ein Autodidakt, der nie eine Universität besuchte, aber eine eigene wissenschaftliche Denkschule etablierte. Ein Kaufmann, dessen ökonomische Theorien führende Volkswirte wie John Maynard Keynes , Irving Fisher und der Nobelpreisträger Maurice Allais in hohen Tönen lobten – der aber von den meisten modernen Ökonomen als Irrlicht betrachtet wird: Silvio Gesell (1862 – 1930). Der geldpolitische Querdenker wäre am Samstag 150 Jahre alt geworden.

Bis heute schart sich eine kleine, aber eingefleischte Fangemeinde um seine Ideen. Im Zuge der Finanzkrise haben auch Teile des wissenschaftlichen Establishments wieder angefangen, über Gesells Theorien zu diskutieren. Eine von Werner Onken zusammengestellte Werksauswahl mit dem Titel "Silvio Gesell: Reichtum und Armut gehören nicht in einen geordneten Staat" arbeitet jetzt die Ideen des Sozialreformers und Geldtheoretikers noch einmal auf. In der Krise wiederentdeckt.

Der Kern von Gesells Geldidee ist so einfach wie befremdlich: Er propagierte ein neues Zahlungsmittel mit einer auf den ersten Blick unangenehmen Eigenschaft - dem eingebauten Wertverlust. Bargeld, das man nicht benutzt, sollte automatisch an Kaufkraft verlieren. Überall auf der Welt gibt es heute Initiativen, die diesen Gedanken umzusetzen versuchen - sie geben lokale Kunstwährungen heraus, die nur Kaufleute in der Region akzeptieren und die lokale Wirtschaft stärken sollen. 2006 beschäftigte sich sogar die Bundesbank in einem Arbeitspapier mit diesen Regionalwährungen .

Ausgangspunkt von Gesells Theorie ist der Befund, dass Geld zwei Funktionen gleichzeitig erfüllt: Einerseits ist es Tauschmittel, mit dem wirtschaftliche Transaktionen abgewickelt werden; andererseits ist es Wertaufbewahrungsmittel. Beide Funktionen stünden im Konflikt zueinander. Denn während praktisch alle Waren an Wert verlieren, wenn man sie nicht schnell verkauft, behält Geld seinen Wert. "Geld rostet nicht", so Gesell. Das ermögliche es den Menschen, dem Wirtschaftskreislauf nach Belieben das wichtige Tauschmittel zu entziehen – indem sie ihre Ersparnisse auf die hohe Kante legen.

Gesell war überzeugt: "Nur wenn dem Verkauf Zug um Zug ein neuer Kauf folgt", könne Geld seinen Zweck als Tauschmittel voll erfüllen - und nur dann glichen sich Angebot und Nachfrage aus. Wenn die Menschen Geld horten, gebe es zu wenig Nachfrage für das Warenangebot. Gesell: "Unser Geld bedingt den Kapitalismus , den Zins, die Massenarmut, die Revolte und schließlich den Bürgerkrieg, der zur Barbarei zurückführt", so Gesell.

Die Geldhortung sollte später für Keynes ein zentrales Motiv in seiner Erklärung von Konjunkturschwankungen und Wirtschaftskrisen werden - er sprach von der "Liquiditätsfalle". Dann drohe eine Abwärtsspirale: Die Verkäufer kommen in die Defensive und müssen ihre Preise senken, um ihre Waren an den Mann zu bringen. Gesell wollte das Problem an der Wurzel packen - und Geld seine Eigenschaft als Wertaufbewahrungsmittel nehmen. Geldscheine würden quasi ein Verfallsdatum bekommen. Technisch ließe sich das zum Bespiel dadurch realisieren, indem die man Banknoten mit einem Ausgabedatum versieht und festlegt, dass sie alle drei Monate zwei Prozent weniger wert sind.

Als die Weltwirtschaft nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 vor einer zweiten Großen Depression stand, entdeckten auch Mainstream-Ökonomen wie der Harvard-Professor Greg Mankiw und der Berkeley-Ökonom Brad de Long Gesells Ideen wieder. Denn die Wirtschaftslage war 2009 so schlecht, dass die optimalen Leitzinsen eigentlich negativ hätten sein müssten. Vereinfacht gesprochen würde das bedeuten, dass Geld auf Bankkonten im Laufe der Zeit an Wert verliert. Solange das aber nicht auch für Bargeld gilt, hätten Sparer einen Anreiz, ihre Konten leer zu räumen und ihr Geld unter dem Kopfkissen zu lagern.

Gesell selbst war ebenfalls durch eine tiefe Wirtschaftskrise geprägt. 1887 war er nach einer kaufmännischen Lehre bei seinen Brüdern in Berlin nach Bueons Aires ausgewandert. Dort hatte er im Alter von 25 Jahren ein Importgeschäft für Medizinartikel gegründet. Wenige Jahre später fiel Argentinien in eine tiefe Depression - das Elend prägte Gesell und brachte ihn zum Nachdenken über die Ursachen. Er schrieb gegen die großen Schwankungen des Außenwerts des Pesos an. Seine Schriften beeinflussten die Reform des argentinischen Währungssystems von 1899, die zu einem Vierteljahrhundert wirtschaftlicher Blüte führte.

Der Zins war Gesell ein Gräuel. Er belohne die Menschen dafür, dass sie der Wirtschaft Nachfrage entzögen. Dass Zinsen nötig seien, um das Sparen attraktiv zu machen, glaubte er nicht. "Man spart, um über schlechte Zeiten hinwegzukommen. Die Bienen sparen, die Hamster sparen, aber von Zinsen ist in der Natur nirgendwo eine Spur zu sehen." Dem Sozialreformer war nicht nur das "Unnatürliche" am Zins zuwider. Er lehnte ihn auch ab, weil er zu einer Konzentration der Vermögen führe.

Der US-Ökonom Irving Fisher, einer der bedeutendsten Volkswirte der 1920er- und 30er-Jahre, bezeichnete sich als "bescheidener Schüler des Kaufmanns Gesell". Fisher übertrug dessen Ideen aus der Zeit des Goldstandards in die Papierwährungszeit, in der private Banken das meiste Geld per Kreditvergabe schaffen. Fisher leitete daraus den Vorschlag ab, den privaten Banken die Möglichkeit zur Geldschöpfung zu nehmen. Eine Währungsbehörde solle dafür sorgen, dass stets genug Zahlungsmittel verfügbar sind. Hätte sich dieser Vorschlag durchgesetzt, hätte es die Kreditexzesse, die der derzeitigen Finanzkrise vorausgingen, nicht gegeben.

Erschienen im Handelsblatt