StrompreiseDie Energiewende wird zum Verteilungskampf

Die Strompreise steigen, auch weil der Ausbau der erneuerbaren Energien kostet. Bislang schultern vor allem Privatleute die Energiewende – nicht die Industrie. von 

Die Lage der alleinstehende Mutter, die bei Roman Schlag Hilfe suchte, war heikel: Sie lebte von Hartz IV, hatte zwei kleine Kinder im Alter von zwei und vier Jahren. Die Wohnung war marode und schlecht gedämmt, es gab nur einen Gasofen. Also heizte die Frau Schlaf- und Kinderzimmer mit einem Heizlüfter. Fatal, wie sich herausstellte. Als sie bei der Caritas Aachen Hilfe suchte, schuldete sie ihrem Stromversorger 1.200 Euro. Wochenlang verhandelte Schlag, bis sich eine Lösung fand: Die Kommune gewährte einen Heizkostenzuschuss, der Stromversorger ein Darlehen.

Fast jeder Dritte, der bei ihm Hilfe suche, habe Stromschulden, erzählt der Schuldenexperte. Meist treibt erst die Angst vor einer Stromsperre die Menschen zu einer Beratung. Allein in Nordrhein-Westfalen , schätzt die dortige Verbraucherzentrale, drehten die Stromversorger im Jahr 2010 mehr als 120.000 Haushalten den Strom ab.

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Es könnten noch mehr werden. Aktuell planen rund 200 Stromanbieter laut verivox eine Erhöhung ihrer Strompreise um im Schnitt 3,5 Prozent. Für eine vierköpfige Familie mache das rund 31 Euro im Jahr aus. "Die Strompreiserhöhungen spüren einkommensschwache Haushalte sofort, da zählt jeder Euro", sagt Schlag.

Interne Studie der Bundesnetzagentur

Anfang der Woche wurde zudem eine interne Studie der Bundesnetzagentur bekannt. Demnach könnten in den kommenden Jahren die Strompreise für Haushaltskunden um fünf bis sieben Prozent steigen, nur weil das Stromnetz für den Ausbau der erneuerbaren Energien fit gemacht werden muss. Dahinter steckt ein möglicher Anstieg der Netzentgelte um 16 bis 24 Prozent  – je nachdem, wie stark die Netzbetreiber in neue Stromleitungen investieren müssen.

Steigende Strompreise, drohende Stromsperren, das alles ist in seiner Kombination politischer Zündstoff. Erst recht in Zeiten der Energiewende. Schließlich hat sich Deutschland ambitionierte Klimaschutzziele gesetzt und einen Atomausstieg beschlossen. Immer öfter taucht deshalb die Frage auf: Wer trägt eigentlich die Kosten der Energiewende?

Klar ist, dass es zurzeit nicht die Industrie ist. Sie genießt zahlreiche Ausnahmeregelungen, wenn es um die Kosten des Ökostromausbaus geht. Bestes Beispiel ist etwa die Besondere Ausgleichsregelung . Sie soll Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, von der Umlage nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG-Umlage) befreien. Mit der EEG-Umlage (zurzeit 3,59 Cent je Kilowattstunde) beteiligt sich jeder Stromkunde am Ökostromausbau.

Doch im vergangenen Jahr hat Schwarz-Gelb die Kriterien verändert. Immer mehr Unternehmen können nun eine Ausnahme verlangen. Das Bundesumweltministerium schätzt , dass allein in diesem Jahr rund 730 Unternehmen so mehr als 2,5 Milliarden Euro einsparen werden. "Wir brauchen eine transparente Diskussion über die Entlastung der stromintensiven Industrie und keine Deals mit den Lobbygruppen", fordert Ingrid Nestle, Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen . Nach einer Studie im Auftrag ihrer Partei profitiert zurzeit selbst der Braunkohletagebau von der Ausnahmeregelung. Obwohl deutsche Braunkohle nicht im Ausland, sondern im nächsten Kohlekraftwerk landet.

Leserkommentare
  1. Und es ist auch richtig das die Industrie entlastet wird. Wird das nicht gemacht, dann haben wir bald noch mehr Arbeitslose/Hartz-IV-Empfänger die den Strom nicht zahlen können.
    Das gesamte Projekt Energiewende war zu ambitioniert und mit der zusätzlichen Abschaltung der AKWs ist es noch teurer geworden. Die Suppe müssen wir jetzt wohl oder übel auslöffeln.
    Wir haben uns ein paar Jahre ein riesiges Konjunkturpaket gegönnt (alleine PV ~ 120 Milliarden) und das müssen wir jetzt eben die nächsten 20 Jahre abzahlen.
    Wird die Energieintensive Industrie damit belastet, dann gibt es in 20 Jahren diese nicht mehr am Standort Deutschland.

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    • joG
    • 22. März 2012 18:04 Uhr

    ....anders. Sätze wie folgender verzerren die Wirklichkeit: "Die Strompreise steigen, auch weil der Ausbau der erneuerbaren Energien kostet. Bislang schultern vor allem Privatleute die Energiewende – nicht die Industrie."

    Am Ende gehört alles natürlichen Personen. Nur sie konsumieren. Nur sie werden aus der Energiewende weniger konsumieren müssen. Industrien produzieren nur für den Endverbraucher. Wenn weniger produziert wird, ist es der Mensch, der weniger hat.

    • ThorHa
    • 22. März 2012 17:19 Uhr

    Leider auch in der ZEIT. Denn bei wem wird sich die Industrie das Geld zurückholen, wenn man auch ihre Strompreise deutlich erhöht? Na? Genau. Sofern sie nicht schlicht abwandert - was schlecht für die Industrie UND ganz schlecht für die kleinen Leute ist.

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    Redaktion

    Hallo ThorHa
    herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich möchte eines klarstellen: Es geht hier nicht um eine Neiddebatte oder ähnliches, sondern darum, ob man der Industrie zurzeit Vorteile gewährt und ob man dafür auch Gegenleistungen verlangt. Das ist nämlich zurzeit kaum der Fall. Es werden etwa Ausnahmen bei der EEG-Umlage gewährt. Aber warum verlangt man nicht zugleich dann auch den jährlichen Nachweis von Energieeffizienzmaßnahmen.
    Herzliche Grüße
    Marlies Uken

    • joG
    • 22. März 2012 18:34 Uhr

    ....teurer Energie bedeuten, dass die Bevölkerung weniger hat. Das wird sicherlich die ärmeren Teile der Bevölkerung härter Treffen als die reicheren. Wie man mit diesen Effekten umgeht, ist eine Frage, der sich die Politiker aktuell sehr, sehr unehrlich stellen.

    Die Frage oben ist eigentlich eine andere. Wie organisiert man den Travers zur neuen Technologie effizient. Leider arbeitet dies der Artikel mE nicht genügend aus. Er verwirrt auch, indem der Text populistische Termini (wenn auch nicht populistisch offenbar gemeint) beinhaltet, die in den Köpfen Bilder hervorrufen, die weit ab einer wissenschaftlichen Diskussion führen.

    Es ist schlimm, man kommt sich bald vor wie in einer Diktatur. Darf man nicht kritisieren, das Unternehmen keine soziale Verantwortung übernehmen?
    Nein, laut Ihrem Statement nicht.
    "Uhhhh... die Industrie wandert ab und lässt uns im Sozialchaos versinken. Weil wir ständig Kritik üben."
    Konzernlenker sollten die Energiewende als Chance auffassen.
    Ohne Bodenresourcen Energie zu erzeugen ist für Länder wie Deutschland ein Glücksfall. Statt diesen Ausbau massiv voranzutreiben, lässt man sich auch diese Zukunftschance vom Volk finanzieren. Schäbiger geht's nicht.

    Ich warte jetzt auf den "Kapitalismus ist frei Hammer" ...

    • Atan
    • 22. März 2012 17:20 Uhr

    wenn sie sich im Gegenzug verpflichtete, Jahr für Jahr effizientere Stromnutzung zu betreiben.
    Allein die Verwendung sparsamerer Motoren würde bei gleicher Leistung mehrere Großkraftwerke überflüssig machen.
    Solange es keine Anreize zur Effizienzsteigerung gibt, besteht nur der Anreiz zur Vergeudung von Ressourcen.

    • TDU
    • 22. März 2012 17:30 Uhr

    War vorher klar sogar im Presseclub. Wollte aber niemand hören. Ohne Industrie nämlich nicht, und im Grunde kann der Durchschnitts- bis Besserverdiener die Erhöhungen verkraften. Und wer nicht dazu gehört, abschalten. Mit den Hühnern ins Bett und aufstehen geht immer.

  2. Die sogenannte Energiewende ist nach dem derzeitigen Modell sehr unsozial. Das zeigt auch dieser Artikel.

    Durch die extremen Subventionen für Solarstrom, Biogasanlagen und Windkraftanlagen werden große Geldmengen den Bauern und Besitzer großer (Industrie-)Hallen zugeschoben, die sich über jahrzentelang gesicherte Gewinne freuen können.

    Die hohen Kosten kann man natürlich nicht den Firmen aufbürden, die im internationalen Wettbewerb für den Wohlstand in unserem Land sorgen.

    Die Kosten für die Subvention tragen Mieter, die Strom verbrauchen aber sich keine Gebäude oder Ländereien für die "Ökostromerzeugung" leisten können.

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    • hmber
    • 22. März 2012 19:34 Uhr

    Jedem der nachdenken kann, musste von Anbeginn an klar sein, dass diese Energiewende im Grunde eine Umverteilung von Unten nach Mitte und Oben ist. Und die wirklichen Kosten kommen ja noch, auch die Umweltzerstörungen. Die Geprellten sind diejenigen, die sich keine PV Anlage aufs Dach stellen können, sie zahlen den anderen den Vermögenszuwachs. Das musste jedem klar sein. Aber denken, denken ist eben Glückssache. Die Pumpspeicherwerke werden Ausmasse annehmen, die den meisten unvorstellbar sind. Wer überdachte, dass ein Pumpspeicherwerk gleich aus zwei Seen besteht? Und das Zumauern der norwegischen Fjorde ist auch keine Lösung. Norwegen ist heute bereits, als Ölproduzent einer der Grossverdiener in der Energiebranche. Die freuen sich über die Anschlusslösung mit den Fjorden. Einnahmensicherung über Generationen. Was die Dummheit so alles anstellt. Eine Energiewende mit Bedacht und Vernunft, das wäre es gewesen.

    • TDU
    • 22. März 2012 17:34 Uhr

    Jedenfalls zahle ich jetzt wieder soviel, als wäre unsere vor ein paar Jahren verstorbene Mitebwohnerin wieder auferstanden.

  3. Die Kosten entstehen so oder so und müssen dann eben noch höhere Strompreise zahlen. Das war beim Wasser aus so gewesen.
    Das schlimme ist das der Verbraucher es einfach "reingedrückt" bekommt von den durch Solarlobby getriebenen Politik, ohne sich wehren zu können. Für die Umwelt werden die Taschen der Verbraucher immer wieder gerne durch andere geöffnet, weil sich kein Widerstand regt, da mag das Missmanagement noch so groß sein: hätte man mehr auf Wind gesetzt, wären die Kosten weniger als halb so groß wie sie heute sind...

  4. Aber wir wissen nun alle, auf welchem Mist Rekordgewinne wachsen...
    Beispiel gefällig:
    http://www.zeit.de/wirtsc...

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