ZEIT ONLINE: Frau Winkler, braucht Wasser einen Preis?

Inga Winkler: Zugang zu ausreichend Wasser zu haben, ist ein universelles Menschenrecht . Jeder Einzelne hat ein Anrecht darauf – und wer so arm ist, dass er nicht dafür zahlen kann, für den muss Wasser kostenlos sein. Trotzdem braucht Wasser einen Preis, denn sonst lässt sich die Versorgung nicht nachhaltig gewährleisten. Wasser zu den Menschen zu bringen, die Infrastruktur aufzubauen und zu erhalten, eine gute Qualität zu sichern: das kostet.

ZEIT ONLINE: In den neunziger Jahren wurde die Wasserversorgung vielerorts an private Investoren verkauft. Sie sollten eine bessere Versorgung gewährleisten als die öffentliche Hand. Wie sehen Sie das?

Winkler: Man dachte damals, durch die Zusammenarbeit mit privaten Investoren die Wasserkrise besser lösen zu können. Die Ergebnisse waren ganz unterschiedlich. Es gab viele problematische Fälle, und mancherorts haben öffentliche Träger die Wasserversorgung wieder übernommen. Paris ist so ein Beispiel. Aber das heißt nicht, dass man private Unternehmen generell von der Wasserversorgung ausschließen sollte. Entscheidend ist, dass Wasser bezahlbar ist, von guter Qualität, und dass die Ärmsten versorgt werden – ganz egal, ob durch öffentliche oder private Träger.

ZEIT ONLINE: Laut Unicef und WHO haben die Privatisierungen aber dazu beigetragen, das Millennium-Entwicklungsziel zu Trinkwasser vorzeitig zu erreichen.

Winkler: Sie haben schon dazu beigetragen. Aber die hohen Erwartungen, die man Anfang der neunziger Jahre an hatte, haben sich nicht erfüllt.

ZEIT ONLINE: Auf dem Land ist die Versorgung immer noch schlecht. Zugleich wird gerade in der Landwirtschaft viel Wasser verschwendet. Müsste Wasser dort nicht noch teurer sein?

Winkler: Auf die Landwirtschaft entfallen etwa 70 Prozent des globalen Wasserverbrauchs. Um das Menschenrecht auf Wasser für alle zu verwirklichen, bräuchte man aber nur fünf bis zehn Prozent. Häufig wird Wasser für die Landwirtschaft künstlich billig gehalten. Die Politik setzt keine Anreize, Wasser zu sparen. Da wäre es sinnvoll, einen höheren Preis zu verlangen. Aber man muss auch unterscheiden: Geht es um eine Agrarwirtschaft, die vor allem Produkte für den Export erzeugt , oder um Subsistenzlandwirtschaft? In Afrika zum Beispiel werden Blumen, Bohnen oder Zitrusfrüchte für den Export angebaut, und gerade diese Plantagen verschwenden viel Wasser. Dabei gibt es schon längst wassersparende Bewässerungstechniken.

ZEIT ONLINE: Laut Unicef und WHO hatten 89 Prozent der Weltbevölkerung Ende 2010 Zugang zu sauberem Trinkwasser. Sie kritisieren, die Zahl sei zu positiv. Warum?

Winkler: Die Messmethode ist problematisch. WHO und Unicef sind sich durchaus bewusst, dass ihre Indikatoren nicht ideal sind. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass heute zwei Milliarden mehr Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben als 1990. Aber: Sobald es eine Wasserleitung gibt, gilt der Zugang zu sauberem Wasser als gegeben. Wir haben aber immer wieder die Erfahrung gemacht, dass aus diesen Leitungen schwarzes Wasser kommt, das ganz offensichtlich untrinkbar ist. Oder das Wasser ist zu teuer.

Die Erfolgsmeldung verschleiert, dass weiterhin enorme Ungleichheiten bestehen. Das System der Millennium-Entwicklungsziele setzt keine Anreize, die Ärmsten zu erreichen. Zunächst werden jene Menschen in die Wasserversorgung einbezogen, die leicht erreichbar sind...

ZEIT ONLINE: Das ist doch nachvollziehbar: Man kann mit geringem Einsatz viele erreichen, und das Entwicklungsziel richtet sich ja in erster Linie an der Zahl der versorgten Menschen aus.