WasserkraftChiles oberstes Gericht stimmt Staudamm-Projekt zu

In Chile will ein Unternehmen fünf Wasserkraftwerke bauen. Umweltschützer fürchten, dass die Staudämme das Ökosystem gefährden. Ein Gericht hat ihre Klage abgewiesen.

Demonstranten protestieren in Santiago de Chile gegen den Bau von Staudämmen.

Demonstranten protestieren in Santiago de Chile gegen den Bau von Staudämmen.

Das umstrittene Staudamm-Projekt in Chile ist vom obersten Gerichtshof genehmigt worden. Die Richter wiesen die Einwände von Umweltschützern gegen das HidroAysen-Projekt zurück. Die Projektgegner befürchten, dass der Bau von fünf Wasserkraftwerken in der südchilenischen Region Aysen das sensible Ökosystem Patagoniens gefährden werde. Unter anderem kritisieren sie, dass die Staudämme zum Teil in einem Nationalpark errichtet werden sollen. Dadurch werde der Lebensraum einer gefährdeten Hirsch-Art eingeschränkt, hieß es. Zudem warnen Kritiker vor Überschwemmungen.

Staudammprojekt

Chile plant den Bau von fünf umstrittenen Staudämmen in Patagonien. Es ist ein Megaprojekt: In der Region Aysén, inmitten eines der größten Naturschutzgebiete der Erde, will das chilenisch-spanische Konsortium Endesa-Colbún die beiden Flüsse Baker und Pascua stauen, um ihre Energie zur Stromerzeugung zu nutzen. Die Wasserwerke sollen eine Leistung von 2750 Megawatt bringen. Das entspricht in etwa einer Leistung von vier Kernkraftwerken.

Die Kosten liegen bei 2,2 Milliarden Euro. Hinzu kommen aber weitere Milliarden: Weil der Strom gar nicht im Süden gebraucht wird, sondern die Versorgung der Metropole Santiago und der Bergbauunternehmen im Norden sichern soll, muss für seinen Transport eine 2000 Kilometer lange Hochspannungsleitung gebaut werden. Sie könnte Schätzungen zufolge umgerechnet bis zu 2,8 Milliarden Euro kosten.

Genehmigt ist die Riesenleitung aber noch nicht. Das Verfahren könnte sich in die Länge ziehen. Schon, um die Dämme zu genehmigen, brauchte die zuständige regionale Umweltkommission drei Jahre. Schon im Mai 2011 berichteten chilenische Medien, die Regierung wollte das Genehmigungsverfahren für die Überlandleitung beschleunigen.

Proteste

Umweltschützer laufen Sturm gegen die Pläne. Für die Staudämme würden 5900 Hektar Land geflutet und eine einzigartige, bislang zu großen Teilen unberührte Landschaft zerstört, warnen sie. Um die Leitungen in den Norden bauen zu können, müssten 23.000 Hektar Wald gerodet werden – es wäre "die größte Narbe des Planeten", schreibt Manfred Max-Neef, Umweltaktivist und ehemaliger Rektor der Universidad Austral de Chile, in einem Protestbrief an den chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera.

Andere warnen, das Megaprojekt würde den Wasserhaushalt im Süden dramatisch verändern. Und der Andenhirsch Huemul, ohnehin eine bedrohte Tierart, geriete in noch größere Gefahr. 

Der Protest kommt aus allen Gesellschaftsschichten. Rechte wie linke Politiker sind gegen Hidroaysén, Studenten, Gewerkschaftler und Unternehmer. Viele sahen im Genehmigungsverfahren ihre demokratischen Rechte verletzt. Vom Unternehmen Hidroaysén war keine Stellungnahme zu erhalten.

Energieversorgung

Chile braucht mehr Energie, damit seine Wirtschaft weiter wachsen kann, halten die Befürworter von Hidroaysén den Kritikern entgegen. Schon jetzt hängt Chile stark von Gasimporten aus dem Nachbarland Argentinien ab. Doch das erwies sich in der Vergangenheit nicht immer als zuverlässiger Lieferant. Amtlichen Schätzungen zufolge wird der Energiebedarf Chiles bis 2025 um 80 Prozent steigen.

Die Zahlen seien falsch, sagen Kritiker. Der Energiebedarf des Landes wachse jährlich um etwa 4,5 Prozent, rechnet der Ingenieurwissenschaftler Roberto Román von der Universidad de Chile vor. Andere Forscher haben wieder andere Zahlen.

Wer richtig liegt, ist schwer zu sagen. Fest steht aber: Chiles Regierung hat bislang so gut wie nichts zur Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien getan. Und der Strom soll vor allem den großen Bergbaukonzernen im Norden zugute kommen. Zwei Strom-Oligopolisten beherrschen den chilenischen Energiemarkt, mit Hidroaysén wollen sie Energie für die Konzerne produzieren. Viele Chilenen sind der Meinung, dass das wenig mit einer besseren Versorgung des Landes zu tun hat.

Die Richter verwiesen auf eine Studie zu den Umweltauswirkungen. Möglichen Risiken werde demnach ausreichend vorgebeugt. Der oberste Gerichtshof folgt damit der Entscheidung eines untergeordneten Gerichts, das sich im Oktober vergangenen Jahres ebenfalls für das Projekt ausgesprochen hatte.

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HidroAysen ist ein gemeinsames Unternehmen des spanischen Energiekonzerns Endesa und des chilenischen Stromerzeugers Colbun. Durch das Projekt könnten ab 2020 rund 20 Prozent des chilenischen Energiebedarfs gedeckt werden. Der Bau soll zwei neue Kraftwerke auf dem Fluss Baker und drei auf dem Pascua-Fluss verbinden. Knapp 6.000 Hektar Land würden von Stauseen überflutet.

Dem britischen Nachrichtensender BBC zufolge muss die Regierung dem Staudammprojekt noch zustimmen – was als wahrscheinlich gilt. Sie hatte sich bereits dafür ausgesprochen: Die Staudämme seien nötig, um Chiles wachsende Energieansprüche zu decken.

 
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    • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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