Benzinpreise"Wir sind für den freien Markt"

An den schwankenden Benzinpreisen sei der harte Wettbewerb schuld, sagt Hans-Chr. Gützkow im Interview. Der Deutschland-Chef von Total ist gegen Eingriffe in den Markt.

Frage: Herr Gützkow, was genau ist auf Ihrer Plattform Elgin in der Nordsee passiert?

Hans-Christian Gützkow: Bei Arbeiten an einem stillgelegten Gasbohrloch ist es vor einer Woche zu einem Zwischenfall gekommen. Seither tritt auf der Förderplattform Gas aus. Die Verantwortlichen vor Ort haben zunächst die 238 Arbeiter evakuiert. Es war und bleibt absolute Priorität, keine Menschenleben zu gefährden. Außerdem wurden alle Anlagen von Elgin heruntergefahren.

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Frage: Warum brannte die Fackel dort weiter?

Gützkow: Um Restmengen an Gas und Kondensat aus den Leitungen der Anlage kontrolliert entweichen zu lassen. Dies ist mittlerweile geschehen, die Fackel ist erloschen. Damit bestehen bessere Rahmenbedingungen zum Verschluss des Lecks.

Frage: Was sind die nächsten Schritte?

Hans-Christian Gützkow

Wirtschaftsingenieur Hans-Christian Gützkow (48) befasst sich seit den 90er Jahren mit Mineralölprodukten, zunächst mit Bitumen. 2004 kam er zum Total-Konzern, leitete dessen deutsche Bitumen-Tochter in Brunsbüttel. Seit Ende 2009 leitet er von Berlin aus das gesamte Deutschlandgeschäft. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Gützkow: Total hat internationale Experten und Material in der Region zusammengezogen, um die Lage in den Griff zu bekommen. Wir warten derzeit auf die Genehmigung der britischen Behörden, damit in ein paar Tagen die Arbeiten zur Versiegelung des Lecks beginnen können. Gerade in der Nordsee, wo die weltweit strengsten Kontrollen herrschen, müssen alle Schritte mit den Behörden abgestimmt werden. Und wir stehen genauso gegenüber der Öffentlichkeit in der Pflicht zur Transparenz.

Frage: Hierzulande stehen Sie und ihre Konkurrenten auch wegen wenig transparenter Spritpreis-Politik in der Kritik.

Gützkow: Dieser Vorwurf kommt immer vor Ostern, Pfingsten, Weihnachten und zu Ferienzeiten generell. Da ist die Öffentlichkeit extrem sensibel und jede Preisbewegung wird kritisch beäugt. Die täglichen Preisveränderungen und -sprünge erklären sich vor allem durch den täglichen Wettbewerb unter den Tankstellen. Dazu die internationale Sicherheitslage in Ölförderländern und Währungsdifferenzen zwischen Euro und Dollar. Diese Faktoren beeinflussen maßgeblich die Preise an der Börse in Rotterdam.

Frage: Märkte und Krisen gab es schon immer. Erst seit einem Jahr aber registriert man eine bisher nie da gewesene Volatilität, Sprünge um weit über zehn Cent. Warum?

Gützkow: Weil Deutschland einer der umkämpftesten Märkte überhaupt ist. Hier konkurrieren unabhängige mit regionalen und überregional aufgestellten Tankstellenbetreibern. Dieser harte Wettbewerb führt dazu, dass wir hierzulande nur sehr niedrige Margen machen und wir die Preise im Kampf um die Kunden mehrfach am Tag ändern müssen.

Frage: Plötzlich um zwölf Cent je Liter?

Gützkow: Solche Sprünge gibt es, aber selten. Sie sind auch ein Zeichen dafür, dass eine Tankstelle mit ihrem Preis zuvor offenbar gar kein Geld verdient hat.

Frage: Aber 25 Änderungen die Woche? Das ist doch eine Verwirrungstaktik.

Gützkow: Der deutsche Markt ist sehr sensibel. Schon für ein bis zwei Cent Differenz nehmen deutsche Autofahrer einen Umweg zur nächsten Tankstelle in Kauf. Senkt eine Tankstelle den Preis, um sich kurzfristig einen Vorteil zu verschaffen, zieht natürlich die Konkurrenz mit ihren Preisen nach und es setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang, die irgendwann wieder zu einer Preiserhöhung führen muss.


Frage: Politiker fordern nun die Übernahme des österreichischen Modells. Dort darf eine Tankstelle nur einmal am Tag die Preise ändern. Was halten Sie davon?

Gützkow: Ich glaube nicht, dass dieses oder ähnliche Modelle einen Vorteil bringen. Die ersten Erfahrungen damit sollen nicht so gut gewesen sein, wie ich höre. Wir sind für den freien Markt, wir wollen keine Einschränkungen. Wir präferieren ein freies und transparentes System mit einem fairen Wettbewerb zwischen Unternehmen. Dass es dem Kunden helfen würde, wenn man dem Markt ein Preissystem aufdrückt, bezweifele ich stark.

Frage: Warum erreichen die Spritpreise derzeit neue Rekorde obwohl der Rohölpreis noch weit von seinem Rekordhoch bei 147 Dollar je Barrel aus dem Jahr 2008 entfernt ist?

Gützkow: Weil die Weltkonjunktur insgesamt brummt, vor allem in Asien. Entsprechend steigt der Hunger nach Energie, also die Nachfrage. Dann fließen die politischen Unsicherheiten in die Preisbildung mit ein, etwa der arabische Frühling, der Konflikt um das iranische Atomprogramm und die Sorge, dass Ölförderländer als Lieferanten ausfallen, was für Knappheit sorgen könnte. Und in Europa kommt die Euro-Schwäche gegenüber dem Dollar dazu. In Euro erreichen die Preise daher Rekordstände, die höher liegen als 2008.

Frage: Ihre Branche erklärt hohe Spritpreise gern mit Weltkrisen. Wenn diese abebben, wie der arabische Frühling, fallen die Preise trotzdem nicht. Warum?

Gützkow: Das liegt nicht an den privaten Ölgesellschaften wie Total. Privatwirtschaftliche, börsennotierte Öl- und Gasunternehmen haben gerade mal Zugang zu etwa zehn Prozent der weltweiten Ölförderung. Fast 90 Prozent werden von staatlichen Gesellschaften kontrolliert, die zugleich damit ihre Staatshaushalte versorgen.

Frage: Laut Monopolkommission gibt es bei uns ein Oligopol privater Gesellschaften. Die sollten keine Tankstellen mehr kaufen dürfen, fordert sie. Was halten sie davon?

Gützkow: Nichts. Das Kartellamt hatte uns mit einer ähnlichen Begründung untersagt, die Übernahme deutscher Tankstellen der österreichischen OMV zu übernehmen. Wir haben Einspruch eingelegt, und das Oberlandesgericht Düsseldorf hat uns recht gegeben. Das Kartellamt ging in Berufung und der Bundesgerichtshof hat den Fall noch einmal ans Oberlandesgericht zurückverwiesen. Es ist nicht verständlich, warum wir als Unternehmen, das in Deutschland nicht flächendeckend vertreten ist und gerade mal 7,5 Prozent Marktanteil hat, eine dominierende Stellung haben sollen. Wir wollen weiter in Deutschland wachsen.

Frage: Und wie sieht es in Berlin aus?

Gützkow: Wir sind Berliner mit Tradition. Wir haben uns entschieden, hier in der Hauptstadt ein sehr sichtbares Zeichen zu setzten: Derzeit entsteht in der Nähe des Hauptbahnhofes unser neuer Büroturm. Dass die Zentrale in Paris der Investition und dem Umzug dahin zugestimmt hat, ist nicht selbstverständlich. Andere Konzerne verlagern Aktivitäten in Länder mit niedrigeren Lohnkosten, sie lassen die Verwaltung von externen Firmen erledigen, in Call-Centern etwa. Wir nicht. Wir bleiben hier in Berlin mit einer eigenen Organisation.

Frage: Wann ziehen Sie um?

Gützkow: Im Oktober werden wir mit den Mitarbeitern aus der Berliner Schützenstraße und den bereits aus Düsseldorf integrierten Kollegen zusammen in unseren neuen Turm einziehen. Aber unser Berlin-Engagement beschränkt sich nicht auf den Neubau eines Bürogebäudes. Wir beteiligen uns zum Beispiel auch an der Berliner Bewerbung für das Schaufenster Elektromobilität.

Frage: Mit einem Wasserstoff-Projekt?

Gützkow: Nein, in dem Fall mit Elektro-Schnellladetankstellen. Aber wenn es um Wasserstoffantriebe geht, ist Total hierzulande ganz vorn dabei. Seit zehn Jahren arbeiten wir daran, erst in Kooperation mit der BVG, später in der von der Bundesregierung geförderten Clean Energy Partnership CEP und nun auch mit der Firma Enertrag, die Windparks und das Hybridkraftwerk in Prenzlau betreiben. Dort entsteht aus Windenergie grüner Wasserstoff für unsere Tankstellen.


Frage: Derzeit reden aber alle von Elektroautos.

Gützkow: Auch Wasserstoff-Fahrzeuge sind Elektroautos – nur nicht von Batterien getrieben. Allerdings behaupten wir auch nicht, das sei ein Königsweg. Wir fahren mehrgleisig. Das wird jeder auch an unserer neuen Multi-Energie-Tankstelle am neuen Flughafen BER erleben: Da kann man seine Batterie laden, oder Bio-Erdgas, Autogas oder Wasserstoff tanken – aber natürlich auch Ottokraftstoffe und Diesel. Denn auch da ist die Entwicklung effizienter Motoren noch nicht am Ende.

Frage: Wie hoch ist eigentlich der Anteil von E10 an Ihrem gesamten Benzinabsatz.

Gützkow: Leider weit hinter den Erwartungen, derzeit bei rund 16 Prozent, bei leicht steigender Tendenz. Dabei könnten E10 mehr als 90 Prozent der Benziner das problemlos tanken. Von daher muss man sagen: E10 war bisher keine Erfolgsgeschichte.

Frage: Sie wollen doch den freien Markt. Warum regeln Sie das nicht über den Preis, machen E10 also billiger?

Gützkow: Das würde viele trotzdem nicht überzeugen. Selbst meinen Vater nicht, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis habe. Ich habe ihm gesagt, dass er E10 tanken kann. Dann las der in der Zeitung, dass ein Chefingenieur eines großen Autoherstellers sagte, E10 sei für jedes Fahrzeug schädlich. Daher tankt er bis heute kein E10. Da helfen nur weitere Informationen und unabhängige Langzeittests.

Frage: Ist es Zeit für eine Notbremse?

Gützkow: Nein, der Bioanteil im Sprit wird weiter zunehmen. Da bin ich sicher. Allerdings haben wir, das heißt alle Verantwortlichen, ob in der Politik oder bei Wirtschaft und Verbänden, den Verbraucher unterschätzt und das Thema viel zu optimistisch angepackt. Das Produkt einzuführen wird viel mehr Zeit benötigen.

Frage: Viele Tankstellenbetreiber haben 2011 wegen der Strafandrohung schon vorsorglich einen Aufschlag auf jeden Liter konventionellen Benzins aufgeschlagen. Sie auch?

Gützkow: Um die Quote zu erfüllen, mussten wir Bio-Komponenten, etwa aus Quotenüberschussverträgen auf Basis von Biodiesel, hinzukaufen. In der Raffinerie war das Blenden von Biokomponenten der nächsten Generation zulässig. Uns sind in jedem Fall Kosten entstanden, weil wir zu wenig E10 abgesetzt haben. Die gilt es, zu kompensieren.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leserkommentare
  1. dem glaubt man nicht, vor allem wenn Zahlen so verwuselt werden.

    Warum wurde nicht nach dem Milliardenprofiten gefragt, die die ach so armen Konzerne abgreifen?

    Und wer mal im Ausland war, kennt die ganzen Preisspielchen nicht unbedingt so intensiv. Da werden die Preise im Centbereich mal ab und an geändert und nicht im Stundentakt.

    Ein ingesamt unbefriedigendes Interview, viel zu brav und uninformiert von Seiten des Fragenstellers.

    13 Leserempfehlungen
  2. ehrlich - investigativ...

    Sehen Sie das so lieber Zeit-Journalist...

    Dann okay - ansonsten iss das etwas dürftig...

    Nix für ungut - aber da haben wir "Freie Presse" - und die tut sich sonst auch nicht gerade zimperlich in puncto "Aufklärungsarbeit" (jedenfalls das was so darunter verstanden wird) und dann so ein wenig befriedigendes Interview...

    Schönen Tag auch - Moin, moin

    7 Leserempfehlungen
  3. Vorab,ich bin ich kein Kommunist oder Linker.Aber machen wir uns nichts vor. Die Preise werden mutwillig festgelegt und orientieren sich nur wenig an den Einkaufspreisen der Konzerne. Es kann kein Zufall sein, dass ständig vor Ferien und Feiertagen, surprise, surprise, die Preise steigen. Das Bundeskartellamt will oder kann nichs machen. Das Einzige, was wirklich helfen würde, wäre eine Verstaatlichung der Mineralölkonzerne.Denn einem Konzern, der nur auf Gewinn aus ist wird man mit gut zureden nicht beikommen.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Frage: Verkaufen Sie Sachen über Ebay?

    Vielleicht ist die Frage für Sie schwer zu verstehen, aber wenn Sie es tun, handeln Sie genauso wie die Mineralölkonzerne. Sie versuchen, den bestmöglichen Preis zu erzielen.

    Und was die Verstaatlichung betrifft. Wenn einem irgendein Markt nicht passt, der offensichtlich bestens funktioniert, gleich nach Verstaatlichung zu blöken, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Der Markt für teure Uhren passt mir auch nicht, weil ich mir keine Rolex leisten kann. Da hilft nur eines. Verstaatlichung. Rolex für alle! Kopfschüttel...

    Frage: Verkaufen Sie Sachen über Ebay?

    Vielleicht ist die Frage für Sie schwer zu verstehen, aber wenn Sie es tun, handeln Sie genauso wie die Mineralölkonzerne. Sie versuchen, den bestmöglichen Preis zu erzielen.

    Und was die Verstaatlichung betrifft. Wenn einem irgendein Markt nicht passt, der offensichtlich bestens funktioniert, gleich nach Verstaatlichung zu blöken, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Der Markt für teure Uhren passt mir auch nicht, weil ich mir keine Rolex leisten kann. Da hilft nur eines. Verstaatlichung. Rolex für alle! Kopfschüttel...

  4. nicht fällt, sind die anderen schuld.. Unglaubwürdiges Interview!

    Wie im Artikel angedeutet (leider nur) werden Steigerungen immer direkt weitergegeben (obwohl das Öl ja schon gefördert ist) aber Preissenkungen dauern sehr lange.. Da steckt dann der exorbitante Gewinn der Erzeuger. Einfach mal da solange bohren bis die Wahrheit mal rauskommt!

    7 Leserempfehlungen
    • JD
    • 02.04.2012 um 12:05 Uhr
    5. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Spam. Danke, die Redaktion/mo.

  5. ...sei der harte Wettbewerb schuld"

    Wenn man das schon so formuliert, sollte man dann nicht konsequenterweise schreiben:

    "...sei der harte Wettbewerb IN schuld"?

  6. Für die hohen Preise gibt es zwei grosse Verursacher:
    der "Wettbewerb" der Zocker und Spekulanten und unsere Regierung. Die Zocker spielen mit dem Weltmarkt, Spielgeld ist vorhanden, wenns schiefgeht siehe Lehman Brothers oder HRE,
    springt die Lobby ein und esetzt die Verluste mit unseren
    Steuergeldern. Die Regierung freut sich über die hohen Preise:
    hoher Preis an der Tanke = hohe Steuereinnahmen. Mit diesen Steuergeldern werden dann z.B. die U-Boote finanziert, die zahlungsunfähige Kunden wie Griechenland bei unseren Werften ordern, die Regierung meldet dann, dass die Konjunktur brummt. Die gleichzeitige Erhöhung der Renten um
    1,5% wird dann als Superleistung verkauft.

    9 Leserempfehlungen
    • RGB
    • 02.04.2012 um 12:20 Uhr

    Die Weltsicherheiheitslage schlägt ich doch schon im Rohölpreis nieder!
    Es gibt keinen Grund, warum sich sich zusätzlich im Benzinpreis bemerkbar machen sollte (über den Anstieg der RÖ-Preise hinnaus). Zumal wir vorallem RÖ importieren, die Raffinerien stehen größtenteils im (stabilen) Westen.

    Den Preisanstieg vor den Ferien sehe ich weniger kritisch. Ist halt Angebot und Nachfrage.
    Aber das allgemeine Preisniveau ist, angesichts der Rohölpreise, viel zu hoch.

    4 Leserempfehlungen

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