Die Volcker Rule ist das Kernstück der Reformpolitik von Präsident Barack Obama. "Überdreht" sei die neue Vorschrift, sagt JP-Chef Dimon, der nach eigenem Eingeständnis die 285 Seiten des Gesetzesvorschlag noch nicht einmal gelesen hat.

Dass die Regel komplex ausfällt, ist Mitschuld der Wall Street: Die Banken haben Hunderte von Lobbyisten nach Washington geschickt, um jedes Detail der Vorschrift zu beeinflussen – und möglichst viel Spielraum zu behalten. Ihr jüngster Erfolg: Die zuständigen Behörden und die Notenbank als Oberaufsicht haben das Inkrafttreten der Volcker Regel auf 2014 verschoben.

Schwierige Abgrenzung für die Banken

Die Bedenken der Banker lassen sich nicht komplett von der Hand weisen. Denn zu den Aufgaben der Banken in der modernen Finanzwelt gehört auch eine Mittlerfunktion zwischen Marktteilnehmern wie Unternehmen, Anlegern und Regierungen. Die Banken treten etwa bei Aktien, Anleihen oder Devisen als Handelspartner auf und sorgen dadurch mit dafür, dass kontinuierlich Angebot und Nachfrage im Markt sind. Gewinne, die dabei anfallen, sind die Belohnung für diese sogenannte Market-Maker-Tätigkeit.

Es ist deshalb extrem schwierig, so das Argument der Banken, eine klare Linie zwischen diesen legitimen Transaktionen und solchen auf eigene Rechnung und Risiko zu ziehen, die künftig unter der Volcker Rule verboten sein sollen.

Wie verworren die Angelegenheit ist, zeigt die Aufregung um den sogenannten "Wal von London ". Das ist der Spitzname, den die Wall Street dem Londoner Händler einer Großbank gegeben hat, der sich in den vergangenen Wochen auffällig massiv mit bestimmten Kreditderivaten eindeckte. Der Wal dominiert den Markt mit diesen Produkten, mit denen sich auf Zahlungsausfälle von Unternehmen wetten lässt, inzwischen.

Nun sickerte durch, der Wal sei Bruno Iksil . Der Mann, von dem kaum Näheres bekannt ist, arbeitet als einer von etwa 400 Händlern in der Abteilung Chief Investment Office bei JP Morgan Chase in London. Die Abteilung verwaltet rund 350 Milliarden Dollar und ist unter anderem für die Risikoabsicherung der Portfolios und die Verwaltung von Cash-Polstern der Bank verantwortlich.

Der Wal gewann, andere verloren

Gerüchte um den Wal kamen auf, nachdem der Handel in jenem Sektor allein in den vergangenen drei Monaten um 60 Prozent wuchs – ohne dass es sichtbare Gründe dafür gibt. Wer so viele Kontrakte wie der Wal halte, mache nichts anderes, als eine enorme Derivatewette zu plazieren . Die könne verheerende Verluste und Kettenreaktionen auslösen, warnen Insider. Oder aber satten Gewinn bescheren.

Iksil hat laut Berichten mit einer ähnlichen Aktion kräftig gewonnen, als er im vergangenen Jahr auf Kreditausfälle von Unternehmen setzte – und die US-Fluglinie American Airlines Insolvenz anmeldete. Hedge Funds, die dabei gegen Iksil gehalten hatten, verloren angeblich 25 Prozent.

JP Morgan sagt dazu offiziell nichts. Doch die Bank ließ durchsickern, die Transaktionen seien mit Wissen der Vorgesetzten getätigt worden. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg überprüfte allerdings die Vorgeschichte von Iksil und seinem Team: Viele Verantwortliche der Abteilung waren zuvor im Eigenhandel tätig. Das Chief Investment Office verwaltet inzwischen vier Mal mehr Kapital als noch vor der Krise. Wie auch immer die Volcker Rule in zwei Jahren aussieht: An der Wall Street werden Wale so schnell nicht aussterben.