IndienDie Goldgrube

Im Slum Dharavi mitten im indischen Mumbai leben Hunderttausende Menschen in Armut – und sitzen dabei doch auf dem teuersten Boden der Erde. Denn hier sollen Wolkenkratzer entstehen. von Ingrid Müller

Mumbais Slum Dharavi

Dharavi in Mumbai ist der größte Slum in Asien  |  © Daniel Berehulak/Getty

Das geht auf die Muskeln. Routiniert dreht sich der junge Inder hinter seinem breiten Tisch zu dem Bottich mit flüssigem Wachs um, taucht den wuchtigen Stempel hinein, dann drückt er das Muster golden in die lange weiße Stoffbahn. Nur ein kurzes Schmatzen ist zu hören, wenn sich der Stempel wieder löst. Es gilt, keine Zeit zu verlieren: Wer nur etwas zu lang verharrt, dem verlaufen die Ornamente – und hier in Mumbai wird nach Stück bezahlt. Batiken ist Schwerarbeit im Akkord. Sechs Männer in weißen Unterhemden schuften schwitzend von früh bis abends. Ihre kleine Fabrik liegt an einer schmalen Gasse in einem der größten Slums Asiens , dem seit dem Kinoerfolg "Slumdog Millionaire" wohl bekanntesten Elendsviertel der Welt: Dharavi.

Die Männer arbeiten mit einfachsten Mitteln in schlichtester Umgebung. Dabei stehen sie auf dem vielleicht teuersten Boden der Welt. Mumbai ist eine wachsende Wirtschaftsmetropole mit rund 14 Millionen Einwohnern, aber es gibt keinen Platz mehr. Die Quadratmeterpreise zählen zu den höchsten der Erde.

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Früher einmal lag Dharavi weit draußen, aber die Stadt ist um das Armenviertel herum gewachsen, heute liegt der Slum auf zwei Quadratkilometern mitten in der Stadt zwischen zwei Bahnlinien. Mehrere tausend Minifabriken gibt es in dem Gewusel der Gassen. Hier leben mindestens eine halbe Million Menschen, etwa 100.000 kommen außerdem täglich zur Arbeit hierher. Gezählt hat das noch niemand so genau. Auf Mumbais Stadtplan ist Dharavi nur ein großer beiger Fleck ohne Konturen, den lediglich ein paar Hauptstraßen durchziehen.

Das wollen die Stadtplaner ändern, es gibt hochfliegende Pläne für das Gebiet. Nach Mumbai will deshalb auch das in Berlin derzeit umstrittene Guggenheim-Lab aus Deutschland weiterziehen – und sich mit den Konflikten um die urbane Erneuerung auseinandersetzen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit pries den Stadtoberen gerade erst auf seiner Indienreise das "riesige Potenzial" der Kooperationsmöglichkeiten etwa Berliner Firmen bei der Stadtentwicklung an: "Boomende Metropolen wie Mumbai brauchen den Austausch der Experten."

Die Slumbewohner wehren sich

Welche Entwicklung Dharavi bevorsteht, ist im angrenzenden neuen Finanzdistrikt Bandra Kurla zu sehen. Dort wachsen teure Wolkenkratzer in die Höhe, Traumrenditen lassen sich erzielen. Auch Dharavi soll umgebaut werden – von der Breite in die Höhe, Häuser mit 100 Stockwerken sind im Gespräch. Je höher gebaut wird, desto höher sind die Gewinne. Doch die Slumbewohner wehren sich gegen die Pläne.

Die Menschen in Dharavi sind inzwischen gut organisiert. Ihr Sprecher ist Jockin Arputham . Er wohnt selbst im Slum, hat in den 70er Jahren die nationale Slumbewohnervereinigung gegründet und ist inzwischen in 37 Ländern der Erde aktiv. Er will, dass Dharavi als Lebens- und Arbeitsplatz für seine Bewohner erhalten bleibt. 70 Prozent der Menschen, die hier leben, verdienen auch ihr Geld an diesem Ort, sagt er. Denn Dharavi ist ein riesiges Industriegebiet. Experten schätzen, dass die Firmen rund 500 Millionen Dollar im Jahr umsetzen. Die Arbeitsbedingungen sind schwierig, die Menschen verdienen nicht viel. "Aber", sagt Arputham, "hier wird nichts weggeworfen. Und niemand muss hier sterben."

Es ist heiß in der Batikfabrik, unter jedem Wachstopf steht ein Propangaskocher. Immer wieder gleitet eine Tafel weißes Wachs in die Masse, wischt sich einer der Männer mit einem Tuch den Schweiß vom Körper. "Das ist keine Arbeit für Frauen, zu hart", erklären die Männer mit ihren Batikstempeln.

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