Land GrabbingWie reiche Investoren die Ressourcen Afrikas zu Geld machen

Eine Datenbank zum globalen Land-Geschäft bestätigt: Investoren zielen auf arme Staaten mit schwachen Institutionen. Ihr Profit geht zumeist auf Kosten der Einheimischen. von 

Angestellter auf einer Plantage in Al-Aylafoun, in der Nähe der sudanesischen Hauptstadt Khartoum (Archivbild)

Angestellter auf einer Plantage in Al-Aylafoun, in der Nähe der sudanesischen Hauptstadt Khartoum (Archivbild)  |  © Ashraf Shazly/AFP/Getty Images

Der globale Landrausch hält an – und es gibt starke Indizien dafür, dass Investitionen in die fruchtbaren Böden der Entwicklungsländer tatsächlich zu Lasten der lokalen, kleinbäuerlichen Bevölkerung gehen. Das zeigt die erste Auswertung einer neuen Datenbank, der "Land Matrix" , die seit heute der Öffentlichkeit im Netz zugänglich ist.

Die "Land Matrix" sammelt Informationen über das Geschäft mit Land weltweit. Jeder kann Fälle melden. Was die Betreiber verifizieren können, stellen sie online. So wächst die Datenbasis stetig an. Hinter der Matrix stecken große Organisationen der Entwicklungspolitik und -forschung, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und die International Land Coalition, an der multilaterale Institutionen wie die Weltbank und die Vereinten Nationen ebenso beteiligt sind wie Nichtregierungsorganisationen.

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Der Run auf fruchtbares Land sei keine Blase, sondern ein langfristiger Trend, schreiben die Macher nach einer ersten Auswertung in einer parallel zur Datenbank veröffentlichten Studie . Zwar sei das Interesse nicht mehr so stark wie vor drei Jahren, kurz nach dem Höhepunkt der Nahrungsmittelkrise. Aber "das Phänomen könnte sogar größer sein als man bisher dachte". Die treibenden Faktoren jedenfalls seien auch künftig gültig: die steigende Nachfrage nach Nahrung, Wasser und Treibstoffen und das weltweite Bevölkerungswachstum. Das wahre Ausmaß des Landrauschs sei wegen des Mangels an Daten jedoch immer noch schwer einzuschätzen.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Deutschland scheint vor allem in Afrika Land zu erwerben. Die Land Matrix listet zehn deutsche Investitionen auf , darunter drei in Äthiopien und je zwei in Madagaskar und Mosambik . Nicht in jedem Fall ist bekannt, wer die Investoren sind oder was sie anbauen wollen. Dennoch vermitteln die verfügbaren Daten einen guten Eindruck von der Natur der Geschäfte. Die Land Matrix zeigt, dass die beteiligten Unternehmen ihr Geld in den Anbau von Energiepflanzen, Kaffee, Getreide oder Nutzholz stecken. Unter ihnen sind produzierende Unternehmen, etwa die Neumann-Gruppe, die in Uganda Kaffee anbaut und Menschenrechtsorganisationen zufolge für Vertreibungen verantwortlich ist, aber auch Finanzinvestoren wie der DWS Galof , ein Fonds der Deutschen Bank . Seine Manager investieren in eine Farm in Tansania , auf der vor allem Gerste für die Brauindustrie angebaut wird.

Überhaupt steht Afrika im Mittelpunkt des globalen Landgeschäfts: Dort finden die meisten Transaktionen statt. Der weit überwiegende Teil der verkauften oder verpachteten Flächen, etwa 70 Prozent, liegt in nur elf Ländern. Sieben davon sind afrikanisch: Sudan , Äthiopien, Mosambik, Tansania, Madagaskar, Sambia und die Demokratische Republik Kongo. Die wichtigsten Investoren hingegen kommen aus Indien , China , Malaysia , Südkorea , Indonesien und den Vereinigten Arabischen Emiraten; sie sind staatlich oder Unternehmen in privater Hand.

Die Geschäftsleute suchen nach Staaten mit schwachen Landrechten, aber einem hohen Schutz für Investoren. Die erfassten Deals konzentrierten sich auf die ärmsten Länder mit schwachen Institutionen, die sehr schlecht in die Weltwirtschaft eingebunden seien und in denen viele Menschen hungerten, heißt es in der Land-Matrix-Studie. Dort treten die Investoren mit den lokalen Bauern in Konkurrenz um Land. Häufig zu deren Nachteil.

Investitionen zum Nutzen des Auslands

Selbst wenn es Brachland gebe, richte sich das Interesse der Geschäftsleute doch eher auf gut erschlossene, besiedelte und kultivierte Flächen, die hohe Ertragssteigerungen versprächen, so die Studie. "Das widerspricht der Meinung, das Investitionen sich zumeist auf nicht genutztes Land konzentrieren und dazu dienen, es produktiv zu machen." Auch ein weiteres Entwicklungsversprechen wird offenbar nicht eingelöst: Die Forscher finden kaum Hinweise darauf, dass durch die Landinvestitionen Jobs geschaffen würden.

Zudem seien die meisten Projekte auf den Export ausgerichtet. Die Versorgung der örtlichen Bevölkerung verbessern sie nicht. Im Gegenteil, kritisiert die Hilfsorganisation Oxfam , die die Land Matrix unterstützt. "Viele der Landübernahmen betreffen Flächen, auf denen Nahrungsmittel für die örtliche Bevölkerung angebaut wurden", sagt Frank Braßel, stellvertretender Kampagnenleiter von Oxfam Deutschland. Weil die Rechte der ansässigen Kleinbauern meist schwach sind, können sie sich in der Regel kaum wehren. Regierungsvertreter verkaufen das Land, das die Bauern nutzen, ohne dass diese Einfluss nehmen können und ohne Entschädigung.

Die "Land Matrix" zeigt auch, dass die Investitionen den Wasserverbrauch in den betroffenen Ländern stark steigen lassen. Gerade dort ist Wasser aber häufig knapp. "Land und Waser sind zentral für die Ernährung der Menschen", sagt Oxfam-Sprecher Braßel. "Es ist unfair, die Bedürfnisse reicher und aufstrebender Staaten und internationaler Unternehmen auf dem Rücken der in Armut lebenden Menschen in Afrika auszutragen." Er fordert verbindliche Regeln für globale Landgeschäfte, um den "seit der Kolonialzeit größten Landraub" zu stoppen.

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Leserkommentare
  1. ihren kargen Teller leer. So hart muss man es wohl ausdruecken. Es ist eines von vielen Beispielen, welche Zeiten angebrochen sind. Ruecksichtslos wird der Planet bis auf's letzte ausgepluendert, damit wir auch morgen noch das Schnitzel fuer "sagenhafte" 1.19 auf dem Teller liegen haben. Was danach kommt, interessiert niemanden.

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    • Bus-x
    • 27. April 2012 23:47 Uhr

    aber die Reichen fressen sich selbst auf. Gut so.

    Seite richtet fühlt man sich bestimmt gut.

    Aber sie hilft null.

  2. "Wenn du in deines Nächsten Weinberg gehst, so darfst du Trauben essen nach deinem Wunsch, bist du satt bist. Aber du sollst nicht in dein Gefäß tun."

    Hieß es in einer alten Schrift, da hat die noch Vernunft gesiegt. Heute würden wir den Mundraub als kriminell bezeichnen, die Täter wären Diebe und Schmarotzer.

    Verrückte Welt.

    Eine Leserempfehlung
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    Luther Bibel (1545): Wenn du in deines Nächsten Weinberg gehest, so magst du der Trauben essen nach deinem Willen, bis du satt habest; aber du sollst nichts in dein Gefäß tun.

    Das würde aufs Internet übertragen heißen: Streaming ist OK, aber Download von nicht-lizenzierten Quellen nicht.

    Wenn die C-Parteien ihre Bibel besser drin hätten, wären die Piraten gar nicht nötig gewesen.

    Naja, die C-Parteien und die Bibel. Vielen Mitgliedern und Anhängern ist heute das Alte Testament näher als das Neue. Nennt sich Kapitalismus.

  3. " ... auf der vor allem Gerste für die Brauindustrie angebaut wird ... "

    Monokulturen funktionieren auch in Arfrika nur mit viel Chemie in Form von Pflanzenschutzmitteln und Dünger.

    Die Folgen sind bekannt.

    Eine Leserempfehlung
  4. Es ist nun wahrlich nichts neues, dass in Afrika vor Allem in Rohstoffe investiert wird. Nur welches Land in Afrika hat denn aus deutscher Sicht starke Institutionen und soll man deshalb auf Investitionen verzichten?

    Die einen Verlangen, dass in Afrika Milliarden an Entwicklungshilfegeldern aus Industriestaaten ausgegeben werden. Und die anderen beuten die Rohstoffe für Milliarden aus.

    Es gibt ein fehlendes Glied: Die Entwicklungshilfe wird für importierte Güter ausgegeben, für die man Rohstoffe braucht, die in Afrika abgebaut werden.

    Landwirtschaft kann ein Weg zu längerfristigen Investitionen in afrikanischen Staaten sein und ist auch bei Exportorientierung nicht grundsätzlich schlecht. Wichtig wäre, dass die Güter, wenn möglich, die weiteren Verarbeitungsschritte auch dort erfahren, und dass auch eine lokale Zulieferindustrie entsteht.

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    ...allerdings könnte man sowohl deutschen Investoren wie auch Lieferanten mehr auf die Finger schauen.

    Man könnte auch die afr. Institutionen stützen, ihnen ein starkes Landrecht verordnen und Schutz vor ausländischen Plünder... äh Investoren. Zur Zeit geschieht allzu oft genau das Gegenteil. Zugang für Investoren wird gefordert und im Sinne der Globalisierung sollen Land und Märkte freigegeben werden. Prinzip Hoffnung, irgendwas wird es schon irgendwann nutzen, der Markt regelt das schon usw.

    Die EU ruiniert in Afrika immer noch den Textilmarkt und die Landwirtschaft mit ihren Alt- und Überflußprodukten und mit ihren Elektronik-Müllexporten ruiniert sie dort die Umwelt.

  5. 5. mr.dax

    Börsenexperte Dirk Müller zu Land Grabbing

    http://goo.gl/qn6WG

  6. Es ist der gleiche Prozess, in dem vor 30 Jahren Fischereirechte von Ausländern vor den afrikanischen Küsten erworben wurden. Die Begründung war damals wie heute, dass die Ressourcen ungenutzt seien, im Fall der Fischerei, weil die lokalen Flotten technisch nicht in der Lage seien, sie auszubeuten, da zu weit off-shore, und im Fall der Landnahme, dass das Land brach liege. In beiden Fällen handelt es sich Schutzbehauptungen von lokalen korrupten Eliten. Land in Afrika ist fast nie ungenutzt, nur wegen fehlender Technologie und Kapita sehr extensiv bewirtschaftet, z.B. für Viehzucht, Feuerholzsammeln, oder immer noch ´´shifting cultivation´´. Auch ist Land in Afrika oft nicht sehr fruchtbar, nicht vergleichbar mit temperierten Zonen und fruchtbares Land, wo es das gibt, ist schon intensiv besiedelt. Es besteht das Risiko, dass sog. Brachland in überschaubarer Zeit versteppt oder sonstwie verödet, wenn es nicht äusserst schonend behandelt wird.
    Die Initiatoren der Land Matrix sollten sich nicht auf die Registrierung der Fehlentwicklungen beschränken, sondern die betreffenden Regierungen aktiv beraten und nötigenfalls sanft unter Druck setzen, damit sie für ihre Bevölkerung das beste aus dem auländischen Interesse machen und besonders zusehen, dass die Rechte der traditionellen Nutzer gewahrt bleiben. Gerade die Staaten die heute für die Landnahme verantwortlich sind, weisen nämlich bei sich zu Hause keine gute Bilanz bei der Achtung traditioneller Rechte auf.

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    Verlangen Sie da nicht ein wenig viel? Das Problem von afrikanischen Regierungen ist nicht, dass sie nicht beraten werden wuerden, dafuer gibt es unendlich viele Organisationen die sowas anbieten. Das Problem ist, das in den meisten Staaten die Regierung eben zuerst an sich denken und nur an sich selbst denken und was gibt es schoeneres als Land zu verkaufen, dass einem nicht gehoert? Die eingenommenen Mrd gehen dann zu unseren Freunden in die Schweiz nd man hat ausgesorgt und solange es so ein Politiker nicht voellig uebertreibt und sich dem Westen zum Feind macht, droht ja auch keine Konsequenz. Man schaue sich doch bur die Geschichte des Kongos an, ein sehr rohstoffreiches Land, dessen Reichtum zum Fluch wurde. Und fuer die Potentaten ist einerlei, ob es sich um Land, Diamanten Kupfer oder sonst was handelt, Hauptsache cash money fuer die Regierenden. Aber auch zu Zeiten des Kolonialismus konnten die Kolonialherren immer kleine Gruppen zur Unterdrueckung der Mehrheit billig kaufen. Die einzige Moeglichkeit waere, dass auch die Investoren gesamtschuldnerisch mithaften muessten fuer offensichtliche Rechtsbrueche, aber soweit geht man ja noch nicht einmal innerhalb Deutschlands, wie man bei der Schwarzarbeit auf Grossbaustellen sieht. Wenn der Generalunternehmer mitbestraft wuerde und nicht behaupten koennte er wusste ja nichts, waere sowas schnell beseitigt.

    Sie haben wahrscheinlich recht, was die NGOs abelangt. Die Weltbank führt mit ihren Schuldnern (und das sind die meisten Länder in Afrika) einen ´´policy dialogue´´, in dem solche Dinge zur Sprache kommen. Es ist so gut wie sicher, dass so ein Dialog über Landveräusserungen oder -verpachtungen mit den betreffenden Regierungen auf Ministerebene bereits stattfindet. Selbst wenn die Einflussnahme nicht immer den Erfolg hat, dass der deal abgeblasen wird, sollte der Druck nicht nachlassen. Viele Regierungen reagieren schon auf ´´naming and shaming´´, was zumindest bessere Konditionen für traditionelle Landnutzer bringen kann.

  7. 7. Ja...

    ...allerdings könnte man sowohl deutschen Investoren wie auch Lieferanten mehr auf die Finger schauen.

    Man könnte auch die afr. Institutionen stützen, ihnen ein starkes Landrecht verordnen und Schutz vor ausländischen Plünder... äh Investoren. Zur Zeit geschieht allzu oft genau das Gegenteil. Zugang für Investoren wird gefordert und im Sinne der Globalisierung sollen Land und Märkte freigegeben werden. Prinzip Hoffnung, irgendwas wird es schon irgendwann nutzen, der Markt regelt das schon usw.

    Die EU ruiniert in Afrika immer noch den Textilmarkt und die Landwirtschaft mit ihren Alt- und Überflußprodukten und mit ihren Elektronik-Müllexporten ruiniert sie dort die Umwelt.

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    Das wird der Welt doch nicht gerecht.

    Wir sollten uns der dritten Dimension bemächtigen und nicht nur unterscheiden zwischen EU, Afrika und Nationen.

    Den Fehler begeht die Wirtschaft doch auch nicht.

    Warum tun wir als Bürger dies immer?

  8. kann es allein durch die ökologisch unsinnige Verpflichtung zur Beimischung von Biotreibstoffen geben, vermutet ActionAid Autor Tim Rice.

    http://www.actionaid.org....

    Land Grabbing zur Erzeugung von Biotreibstoffen führt zu Vertreibung und Enteignung der lokalen Landbevölkerung, deren Eigentumsrechte lediglich Gewohnheitsrecht oder überliefert sind (mangels Grundbüchern etc) und zum Verbrauch von Flächen, die dringend für die Lebensmittelerzeugung gebraucht werden.

    kassandra

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