Angestellter auf einer Plantage in Al-Aylafoun, in der Nähe der sudanesischen Hauptstadt Khartoum (Archivbild) © Ashraf Shazly/AFP/Getty Images

Der globale Landrausch hält an – und es gibt starke Indizien dafür, dass Investitionen in die fruchtbaren Böden der Entwicklungsländer tatsächlich zu Lasten der lokalen, kleinbäuerlichen Bevölkerung gehen. Das zeigt die erste Auswertung einer neuen Datenbank, der "Land Matrix" , die seit heute der Öffentlichkeit im Netz zugänglich ist.

Die "Land Matrix" sammelt Informationen über das Geschäft mit Land weltweit. Jeder kann Fälle melden. Was die Betreiber verifizieren können, stellen sie online. So wächst die Datenbasis stetig an. Hinter der Matrix stecken große Organisationen der Entwicklungspolitik und -forschung, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und die International Land Coalition, an der multilaterale Institutionen wie die Weltbank und die Vereinten Nationen ebenso beteiligt sind wie Nichtregierungsorganisationen.

Der Run auf fruchtbares Land sei keine Blase, sondern ein langfristiger Trend, schreiben die Macher nach einer ersten Auswertung in einer parallel zur Datenbank veröffentlichten Studie . Zwar sei das Interesse nicht mehr so stark wie vor drei Jahren, kurz nach dem Höhepunkt der Nahrungsmittelkrise. Aber "das Phänomen könnte sogar größer sein als man bisher dachte". Die treibenden Faktoren jedenfalls seien auch künftig gültig: die steigende Nachfrage nach Nahrung, Wasser und Treibstoffen und das weltweite Bevölkerungswachstum. Das wahre Ausmaß des Landrauschs sei wegen des Mangels an Daten jedoch immer noch schwer einzuschätzen.

Deutschland scheint vor allem in Afrika Land zu erwerben. Die Land Matrix listet zehn deutsche Investitionen auf , darunter drei in Äthiopien und je zwei in Madagaskar und Mosambik . Nicht in jedem Fall ist bekannt, wer die Investoren sind oder was sie anbauen wollen. Dennoch vermitteln die verfügbaren Daten einen guten Eindruck von der Natur der Geschäfte. Die Land Matrix zeigt, dass die beteiligten Unternehmen ihr Geld in den Anbau von Energiepflanzen, Kaffee, Getreide oder Nutzholz stecken. Unter ihnen sind produzierende Unternehmen, etwa die Neumann-Gruppe, die in Uganda Kaffee anbaut und Menschenrechtsorganisationen zufolge für Vertreibungen verantwortlich ist, aber auch Finanzinvestoren wie der DWS Galof , ein Fonds der Deutschen Bank . Seine Manager investieren in eine Farm in Tansania , auf der vor allem Gerste für die Brauindustrie angebaut wird.

Überhaupt steht Afrika im Mittelpunkt des globalen Landgeschäfts: Dort finden die meisten Transaktionen statt. Der weit überwiegende Teil der verkauften oder verpachteten Flächen, etwa 70 Prozent, liegt in nur elf Ländern. Sieben davon sind afrikanisch: Sudan , Äthiopien, Mosambik, Tansania, Madagaskar, Sambia und die Demokratische Republik Kongo. Die wichtigsten Investoren hingegen kommen aus Indien , China , Malaysia , Südkorea , Indonesien und den Vereinigten Arabischen Emiraten; sie sind staatlich oder Unternehmen in privater Hand.

Die Geschäftsleute suchen nach Staaten mit schwachen Landrechten, aber einem hohen Schutz für Investoren. Die erfassten Deals konzentrierten sich auf die ärmsten Länder mit schwachen Institutionen, die sehr schlecht in die Weltwirtschaft eingebunden seien und in denen viele Menschen hungerten, heißt es in der Land-Matrix-Studie. Dort treten die Investoren mit den lokalen Bauern in Konkurrenz um Land. Häufig zu deren Nachteil.

Investitionen zum Nutzen des Auslands

Selbst wenn es Brachland gebe, richte sich das Interesse der Geschäftsleute doch eher auf gut erschlossene, besiedelte und kultivierte Flächen, die hohe Ertragssteigerungen versprächen, so die Studie. "Das widerspricht der Meinung, das Investitionen sich zumeist auf nicht genutztes Land konzentrieren und dazu dienen, es produktiv zu machen." Auch ein weiteres Entwicklungsversprechen wird offenbar nicht eingelöst: Die Forscher finden kaum Hinweise darauf, dass durch die Landinvestitionen Jobs geschaffen würden.

Zudem seien die meisten Projekte auf den Export ausgerichtet. Die Versorgung der örtlichen Bevölkerung verbessern sie nicht. Im Gegenteil, kritisiert die Hilfsorganisation Oxfam , die die Land Matrix unterstützt. "Viele der Landübernahmen betreffen Flächen, auf denen Nahrungsmittel für die örtliche Bevölkerung angebaut wurden", sagt Frank Braßel, stellvertretender Kampagnenleiter von Oxfam Deutschland. Weil die Rechte der ansässigen Kleinbauern meist schwach sind, können sie sich in der Regel kaum wehren. Regierungsvertreter verkaufen das Land, das die Bauern nutzen, ohne dass diese Einfluss nehmen können und ohne Entschädigung.

Die "Land Matrix" zeigt auch, dass die Investitionen den Wasserverbrauch in den betroffenen Ländern stark steigen lassen. Gerade dort ist Wasser aber häufig knapp. "Land und Waser sind zentral für die Ernährung der Menschen", sagt Oxfam-Sprecher Braßel. "Es ist unfair, die Bedürfnisse reicher und aufstrebender Staaten und internationaler Unternehmen auf dem Rücken der in Armut lebenden Menschen in Afrika auszutragen." Er fordert verbindliche Regeln für globale Landgeschäfte, um den "seit der Kolonialzeit größten Landraub" zu stoppen.