FinanzindustrieDer Banker-Versteher

Ein Anthropologe streift seit Monaten durch die Londoner Finanzszene und schreibt in einem Blog darüber. Das Projekt gibt einzigartige Einblicke in die Geldbranche.

In manchen Situationen sind Banker inzwischen sein Vorbild geworden. Zum Beispiel, wenn er mal wieder keine Lust hat, sich zu seiner morgendlichen Schwimmrunde aufzuraffen. "Jetzt reiß dich zusammen, du fauler Kerl!", sagt Joris Luyendijk dann zu sich selbst. "Die ganzen Banker, mit denen du gesprochen hast, sind schon seit Stunden auf den Beinen."

Luyendijks Leben dreht sich seit einem dreiviertel Jahr fast nur noch um Banker. Die Akteure der Londoner Finanzszene stehen im Mittelpunkt eines einzigartigen journalistischen Experiments: Einer anthropologischen Feldstudie zur Londoner Finanzszene, die Luyendijk quasi in Echtzeit im Internet dokumentiert. Bezahlt wird der Anthropologe und Journalist dafür von der britischen Tageszeitung "The Guardian", die sein "Banking Blog" auf ihrer Webseite veröffentlicht.

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Mit rund 100 Menschen, die in der Finanzszene ihr Geld verdienen, hat er sich in den vergangenen Monaten getroffen, hat vertrauliche Gespräche über ihren Arbeitsalltag, ihr Leben, ihre Gefühle geführt und darüber in seinem "Banking Blog" berichtet. Entstanden ist ein bemerkenswertes Psychogramm der Geldbranche und der Menschen, die darin arbeiten; über ihre Motivation und ihre Ängste, die Kultur in der Finanzwirtschaft und die ungeschriebenen Gesetze.

Eine Charaktereigenschaft seiner Gesprächspartner beeindruckt Luyendijk dabei immer wieder besonders. "Banker jammern nicht herum." Egal wie gestresst, frustriert oder überarbeitet sie sind - "Selbstmitglied kennen sie nicht."

An der öffentlichen Abrechnung des ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiters Greg Smith, der seinem Ex-Arbeitgeber Mitte März in der "New York Times" vorwarf, die Kunden rücksichtslos über den Tisch zu ziehen, hat Luyendijk vor allem eines überrascht: Dass es dem Sektor so lange gelungen ist, der Diskussion über die von Smith angesprochenen Punkte aus dem Weg zu gehen. In seinen Interviews stellte Luyendijk fest: Es sei allgegenwärtig in der Branche, auf die Kunden herabzublicken und sich stets fragen, wie man ihnen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen kann.

Da ist zum Beispiel der junge Investmentbanker, der mit Fusionen und Übernahmen sein Geld verdient: "Wenn wir intern über eine Präsentation vor einem potenziellen Kunden diskutieren, ist in neun von zehn Fällen immer die erste Frage: Und an welcher Stelle kassieren wir ab?", erzählte er Luyendijk.

Ihr eigenes Personal, ist der niederländische Anthropologe allerdings inzwischen überzeugt, behandeln die Banken genauso schlecht wie ihre Kunden. "Die Banker arbeiten unter einem enormen Erfolgsdruck und haben keinerlei Arbeitsplatzsicherheit", erzählt er. Jederzeit könne ein Londoner Banker seinen Job verlieren. "Das ist eine Sache von weniger als fünf Minuten", so Luyendijk: Das E-Mail-Konto wird gesperrt, das Telefon blockiert, und der Sicherheitsdienst begleitet den Banker zum Ausgang. "Man bekommt nicht einmal mehr die Zeit, selbst seinen Schreibtisch ausräumen, sondern muss einen Kollegen fragen", erzählt der Niederländer.

Leserkommentare
  1. Ich stimme Ihnen voll zu, das Einfühlungsvermögen wird diesen Menschen dort systematisch aberzogen. Das ist aber nur dann der Fall, wenn sie vorher bereits welches hatten. Laut einer Studie, von der ich kürzlich erfahren haben, sind ca. 10% dieser Banker Soziopathen - kein Wunder, das ist das optimale Umfeld für diese Brut: keine Menschlichkeit, dauernd Spiele, hohes Risiko, andere dominieren, etc.

    Ich kann jedem nur empfehlen, das Buch "Der Soziopath von nebenan" von Martha Stout zu lesen. 4% unserer Mitmenschen sind Soziopathen, empfinden also keine Reue, keine Schuldgefühle, keine Liebe - und wir müssen in der Lage sein, uns darauf einzustellen!

    Eine Leserempfehlung
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    die Verteilung von Soziopathen in anderen Branchen, wäre interessant.

    die Verteilung von Soziopathen in anderen Branchen, wäre interessant.

  2. "Es sei allgegenwärtig in der Branche, auf die Kunden herabzublicken und sich stets fragen, wie man ihnen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen kann."

    Stammt der aus der Konzernzentrale von REWE, Nestlé, VW, Mcdonalds oder Novartis - oder habe ich zu flüchtig gelesen?

    Diese Einstellung herrscht aller kuscheligen Werbung zum Trotz in allen Branchen und ist keine Spezialität der Banken.

    Herr L. unterhält sich ganz sicher auch nicht mit Schalterkräften, Betreuern von Mittelständlern oder Baufinanzierungsberatern, sondern mit der kleinen Elite der Londoner Investmentbanker - und alle nehmen es hier als das Abbild aller Bänker auf. >95% der Bänker haben weder die geschilderten Arbeitszeiten noch das Einkommen oder die Perspektive, von heute auf morgen auf die Straße gesetzt zu werden.

  3. die Verteilung von Soziopathen in anderen Branchen, wäre interessant.

    Antwort auf "Empathie"
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    Aber ich kann mir vorstellen, dass der Anteil generell in den Chefetagen stark ansteigt.
    Es wäre in der Tat interessant, noch mehr Studien hierzu durchzuführen. Der beste Weg ist jedoch immer noch, das Phänomen zu kennen, um sich konkret darauf einstellen zu können.

    Aber ich kann mir vorstellen, dass der Anteil generell in den Chefetagen stark ansteigt.
    Es wäre in der Tat interessant, noch mehr Studien hierzu durchzuführen. Der beste Weg ist jedoch immer noch, das Phänomen zu kennen, um sich konkret darauf einstellen zu können.

  4. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Anteil generell in den Chefetagen stark ansteigt.
    Es wäre in der Tat interessant, noch mehr Studien hierzu durchzuführen. Der beste Weg ist jedoch immer noch, das Phänomen zu kennen, um sich konkret darauf einstellen zu können.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wie ist denn "

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