US-Präsident Barack Obama vor Ölpipelines in Cushing, Oklahoma, im März 2012 © Tom Pennington/Getty Images

Vor drei Wochen wagte er den Tabubruch. In Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma , dem wichtigsten Umschlagplatz für Rohöl in Amerika , baute er sich vor einer Pipelinewand auf und gab bekannt, den südlichen Teil der umstrittenen Keystone-XL-Pipeline zu genehmigen. "Heute werde ich meine Verwaltung anweisen, die bürokratischen Hürden zu überwinden", sagte er. "Dieses Projekt hat Priorität."

Barack Obamas Ansage ist eine energiepolitische Kehrtwende. All-of-the-above heißt die neue Strategie des US-Präsidenten. Er beendet damit den klassischen Konflikt Erneuerbare Energien versus Kohle und Atom. "Wir müssen jeden in Amerika produzierten Energieträger anzapfen", fordert Obama. Jeden Energieträger – das heißt eben auch Öl, Gas und Atom. Auch wenn Klima- und Umweltschützer, bislang treue Gefolge des demokratischen Präsidenten, das kaum hören mögen.

Seit Wochen betont Obama nun nicht nur seine Nähe zu den Ökos, sondern will auch die Ölliebhaber nicht zu kurz kommen lassen. Seit seinem Amtsantritt habe die nationale Öl- und Gasförderung jedes Jahr zugenommen, lässt er verlauten. Im vergangenen Jahr sei die Gasproduktion auf ein Allzeithoch gestiegen. Neue Förderfelder wurden ausgewiesen, mehr als 400 neue Fördergenehmigungen ausgegeben – und das trotz der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko . Obama, der neue Freund der Öllobby?

Pain at the Pump bestimmt den Wahlkampf

Wohl kaum. Es ist Wahlkampf, und wenig treibt die Amerikaner mehr um als der pain at the pump , der Schmerz über den steigenden Preis an der Tankstelle. "Obama versucht mit dieser Kehrtwende, eine offene Flanke zu schließen", sagt Arne Jungjohann, Klimaexperte im Washingtoner Büro der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. "Er will den Eindruck vermeiden, dass er gegen die Öl- und Gasindustrie  ist – und so angreifbar ist."

Allein im vergangenen Monat zogen die Benzinpreise um mehr als 30 Prozent an, inzwischen liegen sie bei knapp vier Dollar je Gallone. "Obwohl Obama inzwischen eine Position der Mitte eingenommen hat, versuchen die Republikaner, ihn im Wahlkampf als Gegner der heimischen Ölförderung und niedriger Ölpreise zu brandmarken", sagt Alexander Ochs, Leiter der Klima- und Energieabteilung des Worldwatch Institute in Washington. Ochs hält das für einen irrsinnigen Versuch. Schließlich könne die Regierung nur über Subventionen auf die Ölpreise einwirken – und eigentlich wollten die Republikaner ja weniger Eingriff des Staates. "Doch wenn es um heimische Kohle, Öl und Gas geht, ist man auf beiden Augen blind."

Obamas energiepolitische Einsätze und Erfolge zählen Klimaschützer an einer Hand ab – auch wenn sie teilweise milliardenschwer waren. Nach Schätzungen des Worldwatch Institute flossen aus dem Konjunkturpaket American Recovery Act Anfang 2009 rund 43 Milliarden Dollar in Energieeffizienzprogramme, in den Stromnetzausbau und an die Ökostrombranche.

Die Umweltbehörde Epa setzte ein Jahr später höhere Effizienzstandards sowie CO2-Obergrenzen für Autoflotten durch, ein weltweit beachteter Schachzug. Für Kraftwerke hat die Epa erst kürzlich strengere Grenzwerte eingeführt. "Sie markieren de facto das Aus für neue Kohlekraftwerke in den USA ", sagt Jungjohann. Nur Gaskraftwerke oder Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung und Speicherung (CCS) könnten sie erreichen – und letztere würden sich nicht rechnen. "Diese Regelung ist ein wichtiger Einschnitt in der Energiepolitik der USA."