Rebound-Effekt : Das unterschätzte Paradoxon der Klimapolitik

Deutschland erreicht seine Klimaziele nur durch mehr Energieeffizienz. Doch mehr Effizienz erhöht auch die Nachfrage nach Öl und Strom – ein Dilemma.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verkehrsminister Peter Ramsauer kurz nach einem Besuch im energieeffizienten "Effizienzhaus Plus" im vergangenen Dezember in Berlin © Henning Schacht/Getty Images

Sie gilt als zentraler Bestandteil der deutschen Energiewende – und als das Thema, das die Bundesregierung bisher am meisten vernachlässigt: die Energieeffizienz . Ohne besser gedämmte Häuser, sparsamere Autos und effizientere Haushaltsgeräte sind die klima- und energiepolitischen Ziele der Bundesregierung kaum zu erreichen. Das Dilemma ist nur: Eine steigende Energieeffizienz kann den Verbrauch von Treibstoff oder Strom sogar noch weiter ankurbeln – im Extremfall so stark, dass die Einspareffekte effizienterer Geräte komplett zunichte gemacht werden. "Rebound-Effekt" nennen Fachleute das Phänomen.

Das ist einfach zu erklären. Wer sich ein neues, sparsameres Auto zulegt, fährt damit vielleicht mehr, gerade weil jeder Kilometer im Verbrauch günstiger ist – oder weil der neue Hybridwagen ein cooles Statussymbol ist. Der alte Benzinschlucker wird womöglich als Zweitwagen genutzt, oder an die Kinder weitergegeben. Wer seine Wohnung dämmen lässt, spart erst einmal Heizenergie. Doch vielleicht nutzt er das Geld, das dadurch übrig bleibt, für einen zusätzlichen Urlaubsflug. Und auf gesamtwirtschaftlicher Ebene geht ein Teil der Energie-Ersparnis dadurch verloren, dass zur Herstellung neuer Dämmstoffe ebenfalls Energie nötig ist.

Auch Elektroautos einzuführen könnte umweltfreundlich sein, sofern der Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Doch um die neuen Motoren und Batterien herzustellen und das nötige Netz aus Strom-Tankstellen aufzubauen, wird zusätzliche Energie verbraucht. Wohnungen werden größer, Autos schwerer; so führt sparsamere Heiz- oder Antriebstechnik höchstens dazu, dass der Verbrauch stabil bleibt, statt ihn zu senken. Und wo der Verbrauch sinkt und mit ihm die Preise, wird zugleich auch der Anreiz für Verschwender geringer, sparsamer mit Ressourcen umzugehen.

Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Wie viel der Energie-Ersparnis dadurch verloren geht, ist schwer zu beziffern. Ein Beispiel: Im Haushalt sind strombetriebene Geräte seit Mitte der achtziger Jahre um rund 37 Prozent energieeffizienter geworden. Weil sie auch größer wurden und die Menschen sich mehr Apparate anschafften, stieg der Stromverbrauch insgesamt um 22 Prozent. Doch nicht überall ist das so leicht zu messen. Eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass der Rebound-Effekt je nach Zeit, Ort und Technologie zwischen 10 und 80 Prozent der ursprünglichen Energie-Einsparung zunichte machen könne.

Dem Ökonomen und Germanwatch-Klimaexperten Tilman Santarius gehen die bisherigen Untersuchungen nicht weit genug. Er schätzt in einer neuen Studie , dass der Rebound-Effekt langfristig mindestens die Hälfte der Effizienzvorteile neuer Technologien verpuffen lässt, vermutlich eher mehr. Und er wird noch grundsätzlicher: Solange die Wirtschaft weiter wachse wie bisher, werde sich daran nicht viel ändern, schreibt er. Klimaziele wie jenes des Weltklimarats IPCC , den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern bis 2050 um 80 oder gar 90 Prozent zu senken, werden dann praktisch unerreichbar.

Hintergrund der Studie ist ein Grundsatzstreit zwischen Ökonomen: Die einen glauben, der technische Fortschritt werde nachhaltiges, umweltschonendes Wirtschaftswachstum ermöglichen. Die anderen fordern die Abkehr vom Wachstumsparadigma und mehr Selbstgenügsamkeit. Ihre Debatte kreist um die Frage, ob sich Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln lässt . Nein, sagen die Skeptiker. Der Rebound-Effekt ist eines ihrer wichtigsten Argumente. Denn seit der Industrialisierung hat sich immer wieder gezeigt, dass mehr Effizienz gerade nicht zu einem niedrigeren Ressourcenverbrauch führt, sondern diesen im Gegenteil erhöht. Das bemerkten schon die Briten im 19. Jahrhundert. Damals wurde eine neue Technik entwickelt, um Kohle besser zu nutzen. Doch die höhere Produktivität des Energieträgers verursachte eine höhere Nachfrage.

Verlagsangebot

DIE ZEIT wird 70 ...

... und ihre Journalisten erzählen von den Geschichten ihres Lebens. Von Geheimnissen und Irrtümern unserer Zeitung. Und von den besten Lesern der Welt. Eine Festausgabe.

Mehr erfahren

Kommentare

55 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

......

"Wie die durch höhere Effizienz freiwerdenden Ressourcen genutzt werden, obliegt uns. Hier gibt es kein Naturgesetz das dies sicher voraussagen kann."

Doch das Gesetz gibt es. Natürlich ist es kein Naturgesetz sondern eines der Wirtschaftswissenschaften. Höhere Effizienz setzt Ressourcen frei. Bedeutet das das Angebot steigt und damit die Preise für die Ressource sinken. Daraus folgt wiederum das die Ressource stärker genutzt wird (solange genügend Nachfrage da ist)
Wie der Artikel so schön sagt: Effizienzsteigerung führt zu Wachstum und Wachstum erhöht den Ressourcenverbrauch.
Das einzige Mittel das wir kennen um diese Kette zu durchbrechen sind technologische Durchbrüche. Die sind aber sehr selten und unvorhersehbar.

Das "Gesetz" wurde inzwische noft genug in der Realität beobachtet udn nachgewiesen.

Tolles Beispiel!

Gerade das Auto.

Ist doch egal wann und wo man die Fahrer fragt, die brauchen immer so 7-8 Liter auf 100 km.

Schon immer.

Spricht für mich stark für den Reboundeffekt.
Oder die Deppen in der Automobilindustrie haben es in den letzten 30 Jahren versäumt Energie zu sparen.
Das glaube ich aber weniger.
Eher glaube ich, all diese Einsparungen wurden aufgefressen von Schnickschnkack im Auto.

Auf jeden Fall, ein tolles Beispiel, das Auto.

Dilemma

Wohl das erste mal, dass man dieses Wort im Zusammenhang mit Klimaproblemen liest. Vorher war ja alles einfach, klar und eindeutig.

Das kriegt man aber wieder hin durch Wachstumsbegrenzung. Sprich Verbote Reglementierung und Verteuerung. Scheinbar keinesfalls durch technischen Forstchritt. Als doch nichts Neues.

Und dabei ist es so einfach CO2 Ausstoß zu reduzieren....

....wenn man will. Natürlich braucht es einige wenige Reglungen. Aber das wäre unbürokratisch und würde die Würde und Bedeutung der Beamtenschaft ungenügend hervorheben. Das lässt hiesige die Weltanschauung nicht zu. Selbst wo das Mittel, das die wesentlichsten Änderungen effizient tragen würde, macht man eine bürokratisches Desaster daraus und gefährdet damit die Glaubwürdigkeit des CO2 Handelssystems.

Aber es geht nicht darum, den CO2 Ausstoß effizient einzudämmen. Es geht darum von den Wählern wahrgenommen zu werden dies zu tun. Da die Wahrnehmung des Wählers aber die Realität schlecht abbildet und er oft aggressiv auf Unannehmlichkeiten reagiert, ist eine grüne Teuerung des CO2 Ausstoßes nur mit (Hinter)List und Tücke erlaubt.

Die kann behoben werden, wenn die Energiepreise um den

Betrag steigen um den Eingespart wurde. Ich finde beim Heizöl kann man das gut beobachten. In unserem Fall 1965- 9500 l pa Heizöl 2012 - 3400 lpa -

Die verhältnismäßigen Ausgaben dafür sind eher gestiegen als gesunken.

Beim PKW hat die Politik offensichtlich der Lobby nachgegeben. Wie können SUV´s eine umweltfreundliche Plakette bekommen, das ist mir unverständlich.

Ganz einfach

weil der moderne SUV sehr wenige SCHADSTOFFE ausstößt

Die ganze Plaktekkettenkleberei bezieht sich auf die Umgebungsluftrichtlinie der EU und die Euro Normen und da werden eben SCHADSTOFFE reglementiert.
Der Schadstoffausstoß ist aber nicht mit dem Kraftstoffverbrauch verbunden. Ein moderner SUV (Euro 6) stößt nur 2% von den Schadstoffen aus, die ein 20 JAhre alter Dieselkleinwagen (Euro 1) emittiert. Deshalb SUV grüne Plakette, Kleinwagen keine Plakette.

Guter Artikel...

Da ist es das Kernproblem. "Wachstum". Zu oft wird Ignoriert, dass Wachstum nie ein lineares Wachstum ist, sondern Exponentiell. Damit einher geht eine fundamentale Fehleinschätzung, die jeder von Uns, aus dem Bauch heraus , leistet, solange er sich solche Prozesse nicht sehr gezielt bewußt macht.

Die Meisten von Uns kennen die Geschichte vom Schachbrett, auf dass der König dem Erfinder des Schachs, Spielfeld für Spielfeld, Weizenkörner legen soll, wobei sich bei jedem Schritt die Menge der Körner verdoppelt. Vierundsechzig mal.

Die meisten von Uns machen sich keien Begriff von der unglaaublichen Geschwindigkeit mit der die Menge am Ende auf das 400 Fache der Weltweizenproduktion von 2004 Anwächst. Doch genau da liegt das Problem. Wachstum ,genau dieser Art ist der Kernbegriff und das Ziel all unserer Wirtschaftspolitik.

Nun muß man sich klar machen, dass es noch nie gelungen ist, Wachstum nennenswert auf globaler Ebene vom Energieverbrauch abzukoppeln.

Ohne diese Abkopplung aber die nur über echte Effizienzgewinne möglich ist, kann und wird die Wirtschaft noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts zu einem Stillstand oder kommen oder sogar Schrumpfen.

Die verschiedenen Analysen Über Peak Oil, Gas und Kohle sind da eindeutig.
Auch bei Effizienzsteigerungen ist mehr als ein Faktor 2 Unwahrscheinlich..

http://physics.ucsd.edu/d...

http://www.peak-oil.com/2...