Sie gilt als zentraler Bestandteil der deutschen Energiewende – und als das Thema, das die Bundesregierung bisher am meisten vernachlässigt: die Energieeffizienz . Ohne besser gedämmte Häuser, sparsamere Autos und effizientere Haushaltsgeräte sind die klima- und energiepolitischen Ziele der Bundesregierung kaum zu erreichen. Das Dilemma ist nur: Eine steigende Energieeffizienz kann den Verbrauch von Treibstoff oder Strom sogar noch weiter ankurbeln – im Extremfall so stark, dass die Einspareffekte effizienterer Geräte komplett zunichte gemacht werden. "Rebound-Effekt" nennen Fachleute das Phänomen.

Das ist einfach zu erklären. Wer sich ein neues, sparsameres Auto zulegt, fährt damit vielleicht mehr, gerade weil jeder Kilometer im Verbrauch günstiger ist – oder weil der neue Hybridwagen ein cooles Statussymbol ist. Der alte Benzinschlucker wird womöglich als Zweitwagen genutzt, oder an die Kinder weitergegeben. Wer seine Wohnung dämmen lässt, spart erst einmal Heizenergie. Doch vielleicht nutzt er das Geld, das dadurch übrig bleibt, für einen zusätzlichen Urlaubsflug. Und auf gesamtwirtschaftlicher Ebene geht ein Teil der Energie-Ersparnis dadurch verloren, dass zur Herstellung neuer Dämmstoffe ebenfalls Energie nötig ist.

Auch Elektroautos einzuführen könnte umweltfreundlich sein, sofern der Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Doch um die neuen Motoren und Batterien herzustellen und das nötige Netz aus Strom-Tankstellen aufzubauen, wird zusätzliche Energie verbraucht. Wohnungen werden größer, Autos schwerer; so führt sparsamere Heiz- oder Antriebstechnik höchstens dazu, dass der Verbrauch stabil bleibt, statt ihn zu senken. Und wo der Verbrauch sinkt und mit ihm die Preise, wird zugleich auch der Anreiz für Verschwender geringer, sparsamer mit Ressourcen umzugehen.

Wie viel der Energie-Ersparnis dadurch verloren geht, ist schwer zu beziffern. Ein Beispiel: Im Haushalt sind strombetriebene Geräte seit Mitte der achtziger Jahre um rund 37 Prozent energieeffizienter geworden. Weil sie auch größer wurden und die Menschen sich mehr Apparate anschafften, stieg der Stromverbrauch insgesamt um 22 Prozent. Doch nicht überall ist das so leicht zu messen. Eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass der Rebound-Effekt je nach Zeit, Ort und Technologie zwischen 10 und 80 Prozent der ursprünglichen Energie-Einsparung zunichte machen könne.

Dem Ökonomen und Germanwatch-Klimaexperten Tilman Santarius gehen die bisherigen Untersuchungen nicht weit genug. Er schätzt in einer neuen Studie , dass der Rebound-Effekt langfristig mindestens die Hälfte der Effizienzvorteile neuer Technologien verpuffen lässt, vermutlich eher mehr. Und er wird noch grundsätzlicher: Solange die Wirtschaft weiter wachse wie bisher, werde sich daran nicht viel ändern, schreibt er. Klimaziele wie jenes des Weltklimarats IPCC , den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern bis 2050 um 80 oder gar 90 Prozent zu senken, werden dann praktisch unerreichbar.

Hintergrund der Studie ist ein Grundsatzstreit zwischen Ökonomen: Die einen glauben, der technische Fortschritt werde nachhaltiges, umweltschonendes Wirtschaftswachstum ermöglichen. Die anderen fordern die Abkehr vom Wachstumsparadigma und mehr Selbstgenügsamkeit. Ihre Debatte kreist um die Frage, ob sich Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln lässt . Nein, sagen die Skeptiker. Der Rebound-Effekt ist eines ihrer wichtigsten Argumente. Denn seit der Industrialisierung hat sich immer wieder gezeigt, dass mehr Effizienz gerade nicht zu einem niedrigeren Ressourcenverbrauch führt, sondern diesen im Gegenteil erhöht. Das bemerkten schon die Briten im 19. Jahrhundert. Damals wurde eine neue Technik entwickelt, um Kohle besser zu nutzen. Doch die höhere Produktivität des Energieträgers verursachte eine höhere Nachfrage.

Effizienz kurbelt das Wachstum an, so erhöht sich der Verbrauch

Ein ähnlicher Mechanismus greife auch, wenn die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital effizienter genutzt werden können, schreibt Santarius. Letztlich führe jeder Produktivitätsschub zu mehr Wachstum, ganz egal, ob durch ihn Arbeit, Kapital oder eben Energie effizienter nutzbar seien. Durch das Wachstum aber steige immer auch die Nachfrage nach Energie und Ressourcen. Auf diese Art führt Energieeffizienz zu mehr Verbrauch.

Die Politik hat bislang kaum Rezepte gegen das Dilemma. Zwar könnte sie theoretisch versuchen, finanzielle Gewinne aus Effizienzgewinnen durch eine Ökosteuer abzuschöpfen und so den Zusatzverbrauch an Energie zu verhindern. Doch in der Praxis wäre eine derartige Steuer so komplex, dass sie sich kaum realisieren ließe. Denkbar wäre auch, dem Verbrauch absolute Grenzen zu setzen. Aber auch das funktioniert allenfalls in der ökonomischen Theorie. Die Obergrenze müsste global gelten, um Verlagerungen von energieintensiven Branchen ins Ausland zu verhindern. Die unendliche Debatte um das Kyoto-Protokoll zeigt, dass es praktisch unmöglich ist, eine solche Grenze politisch durchzusetzen.

Abschied vom Wachstum

Das aber stellt die Ziele der Klima- und Energiepolitik in Frage. Zwar kommen viele Studien zu dem Schluss, dass Deutschland und Europa ihren Energiebedarf komplett aus erneuerbaren Energien decken und die Klima-Vorgaben des IPCC erreichen können. "Aber keine berücksichtigt irgendwelche Rebound-Effekte", kritisiert Santarius. Alle gingen davon aus, dass die Wirtschaft weiter wachse.

Santarius hingegen will eine grundsätzliche Wachstumsdebatte . Es gehe nicht darum, den Kapitalismus komplett abzuschaffen, erklärt er. "Aber wir müssen über seine Rahmenbedingungen diskutieren. Erst wenn wir uns vom Wachstum lösen, können Effizienzstrategien funktionieren."

Der Abschied vom Wachstumsparadigma aber ist vielleicht eine unlösbare Aufgabe. Denn bislang weiß niemand, wie Gesellschaften auch ohne Wachstum florieren könnten: Nicht die Wirtschaftswissenschaften, die eine "Ökonomie der Mäßigung" erst entwickeln müssten, wie Santarius sie fordert. Nicht die Politik, die schon aus sozialpolitischen Gründen auf Wachstum angewiesen ist. Auch die Bürger nicht. Es werde wohl Jahre dauern, den Wandel zu erreichen, schreibt Santarius. In der Zeit würden wohl weitere Belege für seine These geliefert: "Dass Rebound-Effekte eine hinreichende Verminderung des absoluten Naturverbrauchs vereiteln, so lange die Wirtschaft weiter wächst."