De Schutter: Es gibt zwei Wege, dagegen vorzugehen. Am leichtesten ist es, die Transparenz der Märkte zu erhöhen, auf denen Agrargüter physisch gehandelt werden. So kann man Unsicherheit vermeiden, die Finanzinvestoren verführen könnte, auf steigende oder fallende Preise zu wetten. Im Moment geht die internationale Politik in diese Richtung, angeführt von den G 20.

Die andere Option ist ebenso wichtig, aber viel komplizierter: die Finanzmärkte direkt zu regulieren. Dessen haben sich die G 20 nicht ausreichend angenommen; und die Finanzlobby leistet starken Widerstand. Fortschritte gibt es einzig in den USA , wo Investoren seit vergangenen Oktober nur noch bis zu bestimmten Grenzen mit Agrargütern spekulieren dürfen. Die Europäische Union ist da sehr viel langsamer. Das liegt aber nicht nur an der starken Finanzlobby. Es ist einfach schwer, gute Spekulation von gefährlichen Finanzwetten zu unterscheiden.

ZEIT ONLINE: Gute Spekulation?

De Schutter: Auch Händler, die mit physischen Agrarprodukten handeln, müssen sich gegen Preisschwankungen absichern. Dafür brauchen sie Derivate. Hier erfüllen die Finanzmärkte eine nützliche Funktion.

ZEIT ONLINE: Sollten Indexfonds für Rohstoffe verboten werden? Die Deutsche Bank ist harsch kritisiert worden , weil sie mit solchen Fonds handelt.

De Schutter: Rohstoff-Indexfonds sollten verboten werden. Die Deutsche Bank ist in diesem Markt führend, aber sie verhält sich verantwortungslos. Sie tut so, als hätte sie keinen Einfluss auf die Entwicklung der Preise. Es stimmt, dass es Preisschwankungen schon immer gegeben hat. Aber seit institutionelle Investoren um das Jahr 2006 anfingen, mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu spekulieren, werden die Agrarmärkte durch reine Finanzlogik beherrscht. Angebot, Nachfrage und Lagerbestand hingegen spielen nur noch eine winzige Rolle. Das hat den Markt wirklich destabilisiert – selbst große Konzerne wie Nestlé oder Danone beklagen, dass es für sie sehr schwer geworden ist, vorherzusehen, wie die Preise sich entwickeln.

ZEIT ONLINE: Auch in der realen Welt wird die Konkurrenz um knappe natürliche Ressourcen härter. Ackerland ist zum begehrten Anlageobjekt geworden.

De Schutter: Dass reiche Investoren sich fruchtbares Land in Entwicklungsländern sichern, ist ein besorgniserregendes Phänomen. Die Verbraucher der reichen Länder, die Geld besitzen , treten dadurch in Konkurrenz zur lokalen Bevölkerung, die über keine Nachfragemacht verfügen. Ich fürchte, dass sich die weltweite Ungleichheit dadurch noch verschärft.

Was nicht heißen soll, das Investitionen in Ackerland per se schlecht sind. Die Investoren aber sollten die lokalen Landrechte nicht antasten und die Bauern mit einbeziehen. Sie sollten den Farmern technische Unterstützung geben und Kredite gewähren. Im Gegenzug würden die Bauern ihre Ernte an den Investor verkaufen. Sie könnten ein zusätzliches Einkommen erzielen, und er hätte eine stabile Bezugsquelle. Solche Arrangements könnten funktionieren. Nicht nachhaltig sind aber große Monokulturen, die vor allem für den Export produzieren, keine Jobs schaffen und sehr viel fossile Energie verbrauchen.

ZEIT ONLINE: Meist erfährt man von Negativbeispielen. Können Sie einen Fall nennen, in dem Kleinbauern und Investoren gut zusammenarbeiten?

De Schutter: Die Investition einer niederländischen Firma in Mali . Das Unternehmen stellt Biodiesel her und hat lokale Bauern unter Vertrag genommen, um Jatropha anzubauen. Normalerweise bauten die Leute dort Mais an. Jetzt wächst auf ihren Feldern Mais und Jatropha. Die Niederländer gaben Dünger, die Ernten stiegen. So haben die Bauern jetzt mehr Mais als zuvor, und sie verdienen zusätzlich Geld durch den Verkauf der Energiepflanze. Möglich war das aber nur, weil die Bauern auf eine gute Balance zwischen Nahrungspflanzen und Ölpflanzen geachtet haben, und weil sie von vornherein gut organisiert waren. So hatten sie eine starke Verhandlungsposition und konnten mit dem Investor einen vorteilhaften Vertrag aushandeln.