Agrar-Spekulation"Die Deutsche Bank verhält sich verantwortungslos"

Der Handel mit Nahrungsindexfonds sollte verboten werden, sagt der UN-Sonderberichterstatter Olivier de Schutter. Im Interview warnt er vor einer Hungerkrise im Sahel. von 

Frauen arbeiten auf einem Feld in Burkina Faso, 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Ouagadougou.

Frauen arbeiten auf einem Feld in Burkina Faso, 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Ouagadougou.  |  © Raphael de Bengy/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr De Schutter, die Menschen in der Sahelzone hungern , die Nachrichten aber sind widersprüchlich: Manche Organisationen fordern, die finanziellen Hilfen schnell aufzustocken, um Nahrung zu beschaffen – andere sagen, die Verteilung von Lebensmitteln im großen Maßstab könnte die lokalen Märkte zerstören und die Lage verschlimmern. Je nach Quelle sind zwischen sieben und 14 Millionen Menschen in Gefahr. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Olivier De Schutter: Mancherorts gibt es genügend Lebensmittel, aber die Preise sind so hoch, dass die Armen sich nichts kaufen können. Ihnen würde es helfen, wenn sie ein Einkommen hätten. Anderswo waren die Ernten sehr schlecht, und es kann tatsächlich hilfreich sein, Nahrung in diese Gegenden zu schicken. Es gibt Regionen, in denen überall Mangel herrscht, und andere, in denen Nahrung nur innerhalb bestimmter Grenzen knapp ist. So erklären sich die unterschiedlichen Zahlen. Meinen Informationen zufolge sind in der gesamten Sahelzone zehn Millionen Menschen gefährdet. Allein die Hälfte davon lebt in Niger . Wenn die internationale Gemeinschaft nicht schnell mehr Hilfe leistet, könnte die Zahl sogar auf 23 Millionen steigen.

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ZEIT ONLINE: Vielleicht waren die bisherigen Hilfsappelle nicht dringlich genug.

De Schutter: Niemand will Panik verursachen, ich auch nicht. Natürlich muss man die Regierungen und die internationale Gemeinschaft alarmieren. Aber in diesem Stadium wäre es gefährlich, von einer Hungersnot zu sprechen. Es könnte die Spekulation anheizen. Nahrungsmittel würden gehortet werden, die Preise könnten unkontrollierbar steigen. Dann würde das Reden von einer Hungersnot zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

ZEIT ONLINE: Der Begriff der Hungersnot ist sehr genau definiert. Trifft er im Sahel zu?

Olivier de Schutter

ist seit Mai 2008 Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Am 25. Oktober 2013 stellt er der Generalversammlung seinen Abschlussbericht vor. Seine Amtszeit endet im April 2014. De Schutter lehrt an der Katholischen Universität von Louvain (Löwen) in Belgien und ist Fakultätsmitglied an der Global Law School der New York University. Der Schwerpunkt seiner Arbeit gilt den internationalen Menschenrechten und den Grundrechten in der Europäischen Union.

De Schutter: In der Sprache der Vereinten Nationen ist die Hungersnot die fünfte und schlimmste Stufe einer Nahrungsknappheit: Stufe zwei wird "Stress" (stress) genannt, Stufe drei "Krise" (crisis) , Stufe vier "Notlage" (emergency) , und Stufe fünf "Hungersnot" (famine) . Dafür gibt es sehr genaue Kriterien. Aber wir sollten eine Sprache benutzen, die von Politik und Öffentlichkeit verstanden wird, statt uns streng an offizielle Definitionen zu halten. Das wäre nützlich, um etwas zu bewegen. In Somalia wurde die Hungersnot im vergangenen Jahr erst im Juli ausgerufen. Das war ein Fehler – wir waren mindestens drei oder vier Monate zu spät. Im Juli hatten viele Menschen ihre Dörfer, ihr Land und ihre Herden schon verlassen. Sie waren völlig abhängig von Nahrungshilfe geworden, erhielten aber zunächst keine. Im Sahel hat dieser Migrationsprozess schon begonnen.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Lage konkret in einzelnen Ländern?

De Schutter: Im Tschad betrug die Getreideernte im vergangenen Jahr nur 40 Prozent des Vorjahreswertes. In Mauretanien waren es 66 Prozent, in Niger 60 Prozent, in Burkina Faso auch 60 Prozent. Dort ist Nahrung knapp. Besonders schlimm ist die Lage für die Hirten . Wegen der Dürre fand ihr Vieh nicht mehr ausreichend Futter; jetzt sterben die Tiere in großer Zahl. Ihre Eigentümer können nur versuchen, sie möglichst schnell zu verkaufen. Aber weil es so viele Tiere sind, erhalten sie kaum Geld dafür.

ZEIT ONLINE: Was muss im Kampf gegen den Hunger jenseits der akuten Nothilfe getan werden?

De Schutter: Die Regierungen im Sahel sind besser als früher auf Krisen vorbereitet. Sie haben ihre Frühwarnsysteme verbessert und können schneller reagieren, sofern der politische Wille da ist. Auch haben sie Nahrungsreserven aufgebaut. Wir sollten dafür sorgen, dass sie langfristig gut durchdachte Strategien entwickeln, um auch auf künftige Krisen schnell reagieren zu können. Hungerkrisen haben etwas mit Naturkatastrophen zu tun, aber auch mit schlechter Regierungsführung und mangelhafter Vorbereitung.

ZEIT ONLINE: Brauchen wir strengere Regeln gegen Spekulation auf den Nahrungsmärkten?

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