Sie wacht immer noch pünktlich um viertel nach sechs auf. Jeden Morgen, ohne Wecker. Ute Kaafs Kopf weiß, dass sie nicht mehr aufstehen muss, um ihre Filiale aufzuschließen. Ihr Körper hält trotzdem an der jahrelangen Routine fest. Seit ihr Laden zu ist und sie plötzlich arbeitslos, fühlt sich Kaaf ein wenig so, als führe jemand anderes das neue, ungewohnte Leben an ihrer statt. Als schaue sie sich selbst zu.

Auch vor ihrem ersten Bewerbungsgespräch nach der Schlecker-Pleite fühlt sie sich so. Die Stelle in einem Baumarkt im Kölner Nordosten nennt sich "Mitarbeiterin Servicecenter und Kasse". 23 Stunden auf vier Tage in der Woche verteilt, Früh- oder Spätschicht. Das passt, denn Kaaf sucht nur eine Teilzeitstelle, um ihrer Mutter im Haushalt helfen zu können. Der Job ist der zweite Vermittlungsvorschlag vom Arbeitsamt , der erste passte nicht: Ein Schmuckgeschäft suchte jemanden mit Erfahrung in der Branche.

Vor dem Gespräch ist der 48-Jährigen heiß und kalt. Sie ist gut vorbereitet und nervös. Für ihre eigene Arbeitskraft werben, das hat sie seit mehr als zehn Jahren nicht machen müssen. In ihrer Umhängetasche steckt ein Klemmhefter mit Stellenbeschreibung, Zeugnissen und mit einem Spickzettel, auf dem sie sich Antworten auf mögliche Fragen aufgeschrieben hat.

Eine Stunde braucht sie mit dem Bus zum Baumarkt. Sie ist früh dort, schaut sich den Markt an, die Servicetheke im Eingangsbereich, an der sie arbeiten würde. Reklamationen entgegennehmen, Kunden beraten, kassieren. Für den Job hatte sie sich erst am Samstag beworben. Die Bewerbungsmail war kaum abgeschickt, als schon Kaafs Telefon klingelte und sie zum Gespräch eingeladen wurde, zum Kennenlernen, sagte die Frau am anderen Ende. Der Markt sucht dringend jemanden.

Auf die anderen zehn Bewerbungen – bei Drogerien, bei einem Reformhaus, bei Supermärkten – bekam sie bislang bestenfalls Empfangsbestätigungen. Ute Kaaf geht dennoch davon aus, wieder Arbeit zu finden. In Köln und Umgebung gibt es im Einzelhandel viele freie Teilzeitstellen. "Da mache ich mir keine Gedanken mehr", sagt sie. Die Erkenntnis erleichtert sie. Die große Frage ist nur, ob es Arbeit wird, die sie gerne macht. So wie die bei Schlecker.

Die Marktleiter fragen nach dem Zeugnis. Sie erklärt das.

Alle Fragen und Antworten, die sich Kaaf notiert hat, hat sie im Bewerbungsgespräch vor Nervosität wieder vergessen. Die beiden Marktleiter fragen nach ihrem Zeugnis aus ihrer Zeit als Filialleiterin, das sie nicht zeigen kann. Sie hat es zweimal bei Schlecker angefordert, aber immer noch nicht bekommen. Sie erklärt das. Die Marktleiter sind freundlich, das Gespräch läuft gut. Sie bitten sie, einen Tag lang zur Probe zu arbeiten. Eine Dreiviertelstunde dauert das Kennenlernen, danach braucht Kaaf erst einmal einen Kaffee.

Kürzlich hat sie ihren Arbeitslosengeldbescheid bekommen, 902 Euro stehen ihr vorerst zu. Auf einen Teil ihres Märzgehalts wartet sie wie viele ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen immer noch, obwohl die insolvente Drogeriekette etwas anderes versprochen hat. Die Probearbeit im Baumarkt wird einer der wenigen Termine sein, die Kaaf in der nächsten Woche hat. Ansonsten besucht sie ihre Mutter, kümmert sich um den Haushalt, sucht im Internet weiter nach Stellen.

Schlecker-Märkte meidet sie mittlerweile: zu viele Erinnerungen. Nur am Tag vor ihrem Bewerbungsgespräch, da brauchte sie dringend Waschmittel. Sie unterhielt sich kurz mit den Verkäuferinnen und ging schnell wieder. Und widerstand dem Impuls, im Regal Produkte geradezurücken.