Schlecker-InsolvenzFrau Kaaf bewirbt sich im Baumarkt

Das erste Vorstellungsgespräch seit dreizehn Jahren: Ute Kaaf spürt, dass sie einen Job finden wird. Aber so einen guten wie bei Schlecker? von 

Ute Kaaf

Ute Kaaf  |  © Anne-Sophie Lang für ZEIT ONLINE

Sie wacht immer noch pünktlich um viertel nach sechs auf. Jeden Morgen, ohne Wecker. Ute Kaafs Kopf weiß, dass sie nicht mehr aufstehen muss, um ihre Filiale aufzuschließen. Ihr Körper hält trotzdem an der jahrelangen Routine fest. Seit ihr Laden zu ist und sie plötzlich arbeitslos, fühlt sich Kaaf ein wenig so, als führe jemand anderes das neue, ungewohnte Leben an ihrer statt. Als schaue sie sich selbst zu.

Auch vor ihrem ersten Bewerbungsgespräch nach der Schlecker-Pleite fühlt sie sich so. Die Stelle in einem Baumarkt im Kölner Nordosten nennt sich "Mitarbeiterin Servicecenter und Kasse". 23 Stunden auf vier Tage in der Woche verteilt, Früh- oder Spätschicht. Das passt, denn Kaaf sucht nur eine Teilzeitstelle, um ihrer Mutter im Haushalt helfen zu können. Der Job ist der zweite Vermittlungsvorschlag vom Arbeitsamt , der erste passte nicht: Ein Schmuckgeschäft suchte jemanden mit Erfahrung in der Branche.

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Vor dem Gespräch ist der 48-Jährigen heiß und kalt. Sie ist gut vorbereitet und nervös. Für ihre eigene Arbeitskraft werben, das hat sie seit mehr als zehn Jahren nicht machen müssen. In ihrer Umhängetasche steckt ein Klemmhefter mit Stellenbeschreibung, Zeugnissen und mit einem Spickzettel, auf dem sie sich Antworten auf mögliche Fragen aufgeschrieben hat.

Schlecker-Pleite

Am 29. März schickte die Drogeriekette Schlecker die Kündigungen: Rund 10.000 Beschäftige, die meisten davon Frauen, fanden sie in ihren Briefkästen. Kurz zuvor war die letzte Hoffnung vieler "Schlecker-Frauen" geplatzt. Eine Auffanggesellschaft scheiterte nicht zuletzt am Widerstand der FDP. Nun beginnt für die meisten Beschäftigten von Schlecker eine neue Zeit: Einige schreiben erstmals in ihrem Leben eine Bewerbung, viele sind gering qualifiziert und werden es nicht leicht haben. ZEIT ONLINE begleitet die frühere Schlecker-Filialleiterin Ute Kaaf auf der Suche nach neuer Arbeit.

Bislang erschienen: Der Abschied von Schlecker fällt schwer, Frau Kaaf bewirbt sich im Baumarkt

Eine Stunde braucht sie mit dem Bus zum Baumarkt. Sie ist früh dort, schaut sich den Markt an, die Servicetheke im Eingangsbereich, an der sie arbeiten würde. Reklamationen entgegennehmen, Kunden beraten, kassieren. Für den Job hatte sie sich erst am Samstag beworben. Die Bewerbungsmail war kaum abgeschickt, als schon Kaafs Telefon klingelte und sie zum Gespräch eingeladen wurde, zum Kennenlernen, sagte die Frau am anderen Ende. Der Markt sucht dringend jemanden.

Auf die anderen zehn Bewerbungen – bei Drogerien, bei einem Reformhaus, bei Supermärkten – bekam sie bislang bestenfalls Empfangsbestätigungen. Ute Kaaf geht dennoch davon aus, wieder Arbeit zu finden. In Köln und Umgebung gibt es im Einzelhandel viele freie Teilzeitstellen. "Da mache ich mir keine Gedanken mehr", sagt sie. Die Erkenntnis erleichtert sie. Die große Frage ist nur, ob es Arbeit wird, die sie gerne macht. So wie die bei Schlecker.

Die Marktleiter fragen nach dem Zeugnis. Sie erklärt das.

Alle Fragen und Antworten, die sich Kaaf notiert hat, hat sie im Bewerbungsgespräch vor Nervosität wieder vergessen. Die beiden Marktleiter fragen nach ihrem Zeugnis aus ihrer Zeit als Filialleiterin, das sie nicht zeigen kann. Sie hat es zweimal bei Schlecker angefordert, aber immer noch nicht bekommen. Sie erklärt das. Die Marktleiter sind freundlich, das Gespräch läuft gut. Sie bitten sie, einen Tag lang zur Probe zu arbeiten. Eine Dreiviertelstunde dauert das Kennenlernen, danach braucht Kaaf erst einmal einen Kaffee.

Kürzlich hat sie ihren Arbeitslosengeldbescheid bekommen, 902 Euro stehen ihr vorerst zu. Auf einen Teil ihres Märzgehalts wartet sie wie viele ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen immer noch, obwohl die insolvente Drogeriekette etwas anderes versprochen hat. Die Probearbeit im Baumarkt wird einer der wenigen Termine sein, die Kaaf in der nächsten Woche hat. Ansonsten besucht sie ihre Mutter, kümmert sich um den Haushalt, sucht im Internet weiter nach Stellen.

Schlecker-Märkte meidet sie mittlerweile: zu viele Erinnerungen. Nur am Tag vor ihrem Bewerbungsgespräch, da brauchte sie dringend Waschmittel. Sie unterhielt sich kurz mit den Verkäuferinnen und ging schnell wieder. Und widerstand dem Impuls, im Regal Produkte geradezurücken.
 

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Leserkommentare
  1. ...Gewerkschaft ist mir noch gut in Erinnerung, schlimmste mittelalterliche Arbeitsbedingungen, keine Telefone, Ausbeutung pur, Boykottaufrufe. Und jetzt, auf einmal, sollen das doch ganz gute Arbeitsplätze gewesen sein?

  2. wenn Arpeitsplätze bei Schlecker als "gut" angesehen werden...

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    Die Frau sucht etwas, das zu ihren Teilzeitvorstellungen wegen ihres privaten Engagements für ihre Mutter (mit vermutlich Pflegegeld) und ihren Einkommensvorstellungen paßt.

    Da war das Schmuckgeschäft nicht der Knaller. Vielleicht ist es aber der Baumarkt.

    Bisher gab es drei Arbeitsplätze, von denen sie den Schlecker-Job wohl am passendsten fand.

    • footek
    • 27. April 2012 15:24 Uhr

    ...hübsch verpackt mit einem sentimentalen Anstrich.
    Ja so ist es eben, wenn man den Job verliert, unspektakulär und irgendwie banal, es lohnt sich einfach nicht darüber zu schreiben.

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    Freie Autorin

    Hallo footek,

    die Serie beschreibt, wie es für eine von rund 10.000 von der Schlecker-Pleite Betroffene weitergeht. Ihren Fortgang konnten wir natürlich selbst nicht erahnen, er hängt von Frau Kaaf ab. Sicher ist das Beschriebene in gewissem Sinne Alltag. Aber es ist Alltag, der die bisher größte Unternehmenspleite des Jahres und ihre Folgen (hoffentlich) für Leser, die das interessiert, greifbar macht. Die menschliche Seite der Nachricht.

    Viele Grüße

    A. Lang

    • incei
    • 27. April 2012 15:25 Uhr

    "wenn Arpeitsplätze bei Schlecker als "gut" angesehen werden..."

    meine totale zustimmung..

    die gute frau ackert jeden tag für jmd. der alle arbeit delegiert hat und das auch noch in den bankrott..

    wie war das mit dem a für ein u vor machen nochmal? ;)

    • grrzt
    • 27. April 2012 15:28 Uhr

    "Der Job ist der zweite Vermittlungsvorschlag vom Arbeitsamt, der erste passte nicht: Ein Schmuckgeschäft suchte jemanden mit Erfahrung in der Branche." Also ich krieg en Horn! Ihr hab angeblich einen auf die Arbeitgeber zugeschnittene Vermittlung (passgenau, gell?), und dann so was! Wahrscheint hat der Arbeitgeber in seinem Stellenangebot aucgh die Notwendigkeit spezifscher Kenntisse betont. Klar, arbeiten bei Schlecker qualifiziert ja auf toll für einen Job in einem Schmuckgeschäft.

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    Nur zum Thema passgenaue Auswahl der Bewerber/Firmen

    Einige Jahre zurück.

    Dem Arbeitsamt gemeldet ein Ausbildungsplatz in einem techn. Beruf/Mechaniker
    Anforderungsprofil:

    männlich (wg. rein männlicher Belegschaft und fehlender Sanitäreinrichtungen für Frauen)

    Realschulabschluß mit sehr guten Noten in den "MINT"-Fächern

    Mindestens 16 und im Besitz eines Führerscheins für Kleinkrafträder, da der Ausbildungsbetrieb NICHT mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar

    Nicht ein passender Bewerber, i.d. R. Hauptschulabbrecher, die Krönung des ganzen war:

    weiblich
    15 Jahre alt
    kein Schulabschluß
    von Führerschein gar nicht zu reden, auch kein Mofa
    Hobbies:Kochen,Backen,Fernsehen
    Berufswunsch: ev. Kosmetikerin

    • grrzt
    • 27. April 2012 15:29 Uhr
  3. Die Frau sucht etwas, das zu ihren Teilzeitvorstellungen wegen ihres privaten Engagements für ihre Mutter (mit vermutlich Pflegegeld) und ihren Einkommensvorstellungen paßt.

    Da war das Schmuckgeschäft nicht der Knaller. Vielleicht ist es aber der Baumarkt.

    Bisher gab es drei Arbeitsplätze, von denen sie den Schlecker-Job wohl am passendsten fand.

  4. Schlecker? War das nicht diese ausbeuterische Firma mit den unmöglichen Arbeitsbedingungen? Die ich deswegen boykottieren sollte? Was ich auch getan habe? Offensichtlich erfolgreich?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitsamt | Bewerbungsgespräch | Einzelhandel | Haushalt | Schlecker | Waschmittel
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