ArbeitslosigkeitDer Abschied von Schlecker fällt schwer

13 Jahre arbeitete Ute Kaaf für Schlecker. Sie tat das gern, aber nun muss sie gehen. ZEIT ONLINE begleitet sie auf der Suche nach neuer Arbeit.

Ute Kaaf

Ute Kaaf

In den 48 Jahren ihres Lebens hat Ute Kaaf noch nie eine Bewerbung abgeschickt. Es war einfach nicht nötig, ihre Jobs bekam sie über persönliche Kontakte. Bis vor kurzem schwante ihr auch nicht, dass es nötig werden würde. Hätte Schlecker überlebt, Kaaf wäre bis zur Rente geblieben. Zwölf Jahre lang war sie Filialleiterin im Kölner Außenbezirk Flittard. Jetzt muss sie zum Bewerbungstraining. Ob und wann sie einen neuen Job findet, weiß sie nicht. Aber Ute Kaaf ist keine, die leicht verzweifelt.

Als sie erfährt, dass ihr Arbeitgeber pleite ist, steht sie gerade am Herd. Die Nachricht kommt im Radio. Kaaf fällt der Kochlöffel runter. Sicher, es hat Gerüchte gegeben. Seit Oktober, November blieben Warenlieferungen aus. Schlecker könne seine Lieferanten nicht mehr bezahlen, hieß es. Und Kaaf weiß ja, dass ihre Filiale Verlust macht und damit keine Ausnahme ist. Dennoch ist die Pleite ein Schock. Sie klammert sich an den Gedanken, dass es ihren Laden, dass es sie schon nicht treffen wird.

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Anfang März erfährt sie vom Betriebsrat, dass es anders kommt. Ihr Laden wird geschlossen. Ob ihr gekündigt wird, ist noch ungewiss. Von neuen Entwicklungen hört sie meist zuerst in den Medien, nicht von Schlecker. Sie schläft kaum, isst wenig, raucht viel.

Ute Kaaf hat bis dahin mit Schlecker gute Erfahrungen gemacht. Als junge Frau bricht sie eine Lehre zur Rechtsanwalts-Gehilfin ab, danach arbeitet sie als Pharma-Telefonistin. In einer Zeitungsannonce liest sie, dass die Drogeriekette Verkäuferinnen sucht. Sie stellt sich vor und bekommt den Job. Nach einem halben Jahr leitet sie schon eine kleine Filiale, später dann eine größere, fast 300 Quadratmeter.

Beide liegen nah an ihrem Wohnort, in fünf Minuten ist sie auf der Arbeit. Klar, sagt sie im Nachhinein, ideal seien die Arbeitsbedingungen nicht gewesen. Sie ist oft alleine im Laden. Aber insgesamt ist die Arbeit für sie ein Glücksfall. Ihr Büro mit Pflanzen, Bildern und Kaffeemaschine wird ihr zweites Zuhause. Überwachung, Überfälle, all das betrifft sie nicht. Trotzdem ist sie seit Jahren Mitglied bei ver.di. Für alle Fälle. Weil es immer heißt: Bei Schlecker weiß man nie.

Schlecker-Pleite

Am 29. März schickte die Drogeriekette Schlecker die Kündigungen: Rund 10.000 Beschäftige, die meisten davon Frauen, fanden sie in ihren Briefkästen. Kurz zuvor war die letzte Hoffnung vieler "Schlecker-Frauen" geplatzt. Eine Auffanggesellschaft scheiterte nicht zuletzt am Widerstand der FDP. Nun beginnt für die meisten Beschäftigten von Schlecker eine neue Zeit: Einige schreiben erstmals in ihrem Leben eine Bewerbung, viele sind gering qualifiziert und werden es nicht leicht haben. ZEIT ONLINE begleitet die frühere Schlecker-Filialleiterin Ute Kaaf auf der Suche nach neuer Arbeit.

Bislang erschienen: Der Abschied von Schlecker fällt schwer, Frau Kaaf bewirbt sich im Baumarkt

Kaaf führt ihren Laden in Vollzeit mit zwei Verkäuferinnen, die je 16,5 Stunden arbeiten. Eine davon beschäftigt Schlecker in einer anderen Filiale weiter. Kaaf freut sich für sie. Sie hat gehofft, dass sie selbst auch bleiben darf: weil sie fast 13 Jahre dabei war und immer zuverlässig; weil sie fast 50 Jahre alt ist. Aber weil sie keine Kinder mehr zu versorgen hat – beide Söhne sind erwachsen – fällt Ute Kaaf durch die Sozialauswahl.

Sie überlegt, auf Kündigungsschutz zu klagen. Aber die Gewerkschaft macht ihr wenig Hoffnung. Und eigentlich will sie auch nicht zurück, sagt sie. "Den ganzen psychischen Stress zweimal durchmachen? Dann lieber kurz und schmerzlos." Zuletzt hofft sie auf die geplante Transfergesellschaft, die ihr mehr Zeit geben würde. Das Veto der FDP macht sie wütend. 

Die Arbeitslosigkeit belastet Kaaf. Es belastet sie, morgens aufzustehen ohne konkretes Ziel, ohne zu wissen: Bald schließe ich den Laden auf. Und ihr fehlt der Kontakt zu ihren Kunden. In der Woche nach der Kündigung beginnt sie, im Internet und in Zeitungen nach Jobangeboten zu suchen. Sie würde gern in der Drogeriebranche bleiben, will sich bei Rossmann und dm bewerben. Sie kann sich aber auch vorstellen, das Abitur nachzumachen. Dass es so oder so nicht leicht werden wird, weiß sie. Bei Schlecker verdient sie zuletzt fast 17 Euro pro Stunde. "Das krieg' ich nicht mehr", sagt sie. Kaafs Glück ist, dass ihr Lebensgefährte und ihre Söhne sie unterstützen. Dadurch fällt sie etwas weicher als manche Kolleginnen. Auch als einige, die sie gut kennt. Mit ihnen telefoniert sie zurzeit viel.

Ihr erstes persönliches Gespräch auf dem Arbeitsamt führt Ute Kaaf am 5. April. Es läuft gut, der Betreuer ist ihr sympathisch. Kaaf, die kaum Fleisch isst, sagt ihm, dass sie ungern in Metzgereien arbeiten würde. Er schickt sie zum Bewerbungstraining und schlägt ihr eine Stelle in einem Fachgeschäft für Schmuck und Uhren vor. "Das könnte ich mir vorstellen", sagt sie. Ihr Wunschjob ist es aber nicht. Einer, der ihrem alten ähnlicher ist, wäre ihr lieber.

Die Schaufenster von Kaafs alter Filiale lassen keinen Blick ins Innere mehr zu. Ihre Chefin hat sie mit Geschenkpapier abgeklebt, mit der Rückseite nach außen. Bei einigen der breiten Streifen schimmern Blümchenmuster durch. Hineingehen will Kaaf nicht. Sie ist keine, die leicht verzweifelt, aber als sie vor ihrem ehemaligen Arbeitsplatz steht, kommen ihr Tränen. "Ich hab' es gerne gemacht", sagt sie.

ZEIT ONLINE wird Ute Kaaf in den kommenden Wochen in einer Reportageserie begleiten.Weitere Folgen der Serie finden sie dann auf www.zeit.de/wirtschaft.

 
Leserkommentare
  1. sind eine Besonderheit und Bereicherung der deutschen Sprache. Auch Ihre Leser werden sie lesen und verstehen können. Nur Mut!

    Rechtsanwaltsgehilfin
    Pharmatelefonistin

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    Immerhin lässt die Schreibweise deutliche Schlüsse auf das ungefähre Alter der Verfasserin zu.

    Immerhin lässt die Schreibweise deutliche Schlüsse auf das ungefähre Alter der Verfasserin zu.

  2. dies wird oft und gerne übersehen. Was man Schlecker vorwerfen kann ist, dass er viel zu lange an unrentablen Standorten festgehalten hat und damit letztlich die Insolvenz aller Standorte herbeiführte. So bitter es für die Betroffene sein mag: ein anderer Arbeitgeber hätte die Filiale wohl schon vor Jahren geschlossen.

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  3. die in Brüssel gemacht wird, und will aber auch niemanden dort sehen, der dies korrigieren könnte? Es ist und bleibt letztlich Schäubles Entscheidung, ob er im Fall des Falles Chef der Euro-Gruppe werden will.

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    SCHLECKER mit der EU zu tun?

    SCHLECKER mit der EU zu tun?

  4. wäre doch ohnehin kaum zu halten gewesen. Sie wußte es und wartete ab, in der Hoffnung, ihre defizitär arbeitende Filiale würde es nicht treffen? Seltsam.

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    Ach ja, jeder Mitarbeiter bei einem defizitären Unternehmen sollte also vorsorglich kündigen und gehen? In was für einem Wolkenkuckucksheim leben (oder besser gefragt: arbeiten) Sie denn? Haben Sie schon mal in Handel oder Industrie gearbeitet?
    Dieser Kommentar ist an hochnäsiger Ignoranz kaum zu übertreffen.

    solange sie keinen neuen Arbeitsplatz gefunden hat.Und da lag vielleicht auch der Hase im Pfeffer. Außerdem ist es schwierig sich aus der Deckung eines langjährigen Arbeitsplatzes zu trauen, wenn sich der Stundenlohn um die Hälfte auf eine Grundvergütung unter 8,50 € verringert.

    Ach ja, jeder Mitarbeiter bei einem defizitären Unternehmen sollte also vorsorglich kündigen und gehen? In was für einem Wolkenkuckucksheim leben (oder besser gefragt: arbeiten) Sie denn? Haben Sie schon mal in Handel oder Industrie gearbeitet?
    Dieser Kommentar ist an hochnäsiger Ignoranz kaum zu übertreffen.

    solange sie keinen neuen Arbeitsplatz gefunden hat.Und da lag vielleicht auch der Hase im Pfeffer. Außerdem ist es schwierig sich aus der Deckung eines langjährigen Arbeitsplatzes zu trauen, wenn sich der Stundenlohn um die Hälfte auf eine Grundvergütung unter 8,50 € verringert.

  5. bringt erfahrungsgemäß nichts. Da werden Sprüche gekloppt.

    Was man wissen muss einschließlich Musterschreiben steht im Internet. Man kann auch die Firmen abtelefonieren (gelbe Seiten).

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  6. Ach ja, jeder Mitarbeiter bei einem defizitären Unternehmen sollte also vorsorglich kündigen und gehen? In was für einem Wolkenkuckucksheim leben (oder besser gefragt: arbeiten) Sie denn? Haben Sie schon mal in Handel oder Industrie gearbeitet?
    Dieser Kommentar ist an hochnäsiger Ignoranz kaum zu übertreffen.

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    Wenn eine Firma seit Jahren Probleme hat, dann schau ich, wenn ich dort beschäftigt bin, ob es etwas geben könnte, wo ich mein weiteres Arbeitsleben verbringen kann.

    Diese Einstellung ist doch nicht hochnäsig oder gar ignorant. Sie ist realitisch, denn wie die Frau im Artikel sagt, will und muss sie bis zur Rente arbeiten. Rente ist noch einige Jahre hin und da ist ein solcher Wackelkandidat, der gegen Ende nicht einmal mehr beliefert wurde, kaum der Arbeitgeber, dem ich zutraue, mein Gehalt noch zu überweisen.

    Der Kölner Raum ist bei der Suche nach etwas Neuem wahrlich nicht das Schlechteste und sie hätte vor Monaten schon damit anfangen können.

    So jedenfalls habe ich das schon zweimal gemacht und kenne das auch von anderen Menschen.

    Der Kommentar ist realistisch und hat mich Hochnäsigkeit nicht das Geringste zu tun. Man wird ja wohl davon ausgehen können, dass wenn das Unternehmen in dem man arbeitet nur noch rote Zahlen schreibt, die betriebsbedingte Kündigung nicht fernliegt! Sofern man denkt...

    Das hat nichts mit Hochnäsigkeit, sondern mit einem Appell an Eigenverantwortlichkeit zu tun!
    Leider eine Tugend, die in der heutigen Gesellschaft mit ihrer "Der Staat wird´s schon richten"-Einstellung mehr und mehr an Popularität verliert.

    Wenn eine Firma seit Jahren Probleme hat, dann schau ich, wenn ich dort beschäftigt bin, ob es etwas geben könnte, wo ich mein weiteres Arbeitsleben verbringen kann.

    Diese Einstellung ist doch nicht hochnäsig oder gar ignorant. Sie ist realitisch, denn wie die Frau im Artikel sagt, will und muss sie bis zur Rente arbeiten. Rente ist noch einige Jahre hin und da ist ein solcher Wackelkandidat, der gegen Ende nicht einmal mehr beliefert wurde, kaum der Arbeitgeber, dem ich zutraue, mein Gehalt noch zu überweisen.

    Der Kölner Raum ist bei der Suche nach etwas Neuem wahrlich nicht das Schlechteste und sie hätte vor Monaten schon damit anfangen können.

    So jedenfalls habe ich das schon zweimal gemacht und kenne das auch von anderen Menschen.

    Der Kommentar ist realistisch und hat mich Hochnäsigkeit nicht das Geringste zu tun. Man wird ja wohl davon ausgehen können, dass wenn das Unternehmen in dem man arbeitet nur noch rote Zahlen schreibt, die betriebsbedingte Kündigung nicht fernliegt! Sofern man denkt...

    Das hat nichts mit Hochnäsigkeit, sondern mit einem Appell an Eigenverantwortlichkeit zu tun!
    Leider eine Tugend, die in der heutigen Gesellschaft mit ihrer "Der Staat wird´s schon richten"-Einstellung mehr und mehr an Popularität verliert.

  7. den gibts wohl nur fuer Leute, denen nach wenigen Monaten gesagt werden muss, dass sie fuer den Job nicht geeignet sind.
    Aber H4 ist ja auch irgendwie ein "Ehrensold", kommt jedenfalls aus derselben Kasse.

    4 Leserempfehlungen
  8. Jahrelang stand Schlecker wegen unsozialer Arbeitsbedingungen zu Recht am Pranger. Wir sollten alle zufrieden sein, dass dieser Schandfleck hoffentlich bald ganz verschwindet - und Aldi mit Konsorten am besten gleich hinterher.
    Wer hat plötzlich all diese rührseligen Geschichten veranlasst über den ach so tollen Arbeitgeber Schlecker? Das nennt man wohl Krokodilstränen ...

    15 Leserempfehlungen
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    rührt nur daher, da es in der Mehrheit Frauen betrifft.
    Die männlichen "Privilegien" bei Arbeitslosigkeit sind ja hinreichend behauptet. Solches muss nicht journalistisch begleitet werden. Am Ende zeigt sich noch, dass es hier seltenst Privilegien dafür um so mehr "positive" Diskriminierung im Interesse weiblicher Beschäftigung gibt.

    rührt nur daher, da es in der Mehrheit Frauen betrifft.
    Die männlichen "Privilegien" bei Arbeitslosigkeit sind ja hinreichend behauptet. Solches muss nicht journalistisch begleitet werden. Am Ende zeigt sich noch, dass es hier seltenst Privilegien dafür um so mehr "positive" Diskriminierung im Interesse weiblicher Beschäftigung gibt.

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