TarifverhandlungenMuskelspiele um Prozente

Der Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst macht auch Industriearbeitsplätze teurer. Metall- und Chemiegewerkschaft sind beflügelt, doch die Lage ist dort komplizierter. von Alfons Frese

Werftarbeiter im Bremerhaven

Werftarbeiter im Bremerhaven  |  © Christian Charisius/Reuters

Anerkennende Worte sind selten zu hören in den Industriegewerkschaften, wenn es um den bunten Haufen von ver.di geht. In diesen Tagen ist das anders. "Bemerkenswert" und "respektabel" finden IG-Metaller den Tarifabschluss für den Öffentlichen Dienst . Und bei der IG Chemie fällt das Urteil ähnlich aus. Vor allem die 3,5 Prozent, die ver.di für dieses Jahr für die gut zwei Millionen Beschäftigten bei Bund und Kommunen rausgeholt hat, waren kaum erwartet worden. Diese 3,5 Prozent sind nun in der Tarifwelt – und machen den Metallern und Chemikern das Geschäft nicht eben einfacher. Denn unter 3,5 Prozent, das ist allen klar, können die Industriegewerkschaften nun kaum abschließen. Dafür laufen die Geschäfte noch immer zu gut in der Industrie. Doch kommt tatsächliche eine Vier vor das Komma?

Mit gut dreieinhalb Millionen Beschäftigten ist die Metall- und Elektroindustrie der industrielle Kern der deutschen Wirtschaft. Für diesen Bereich will die IG Metall 6,5 Prozent mehr Geld , eine Übernahmeverpflichtung für Ausgebildete sowie mehr Mitbestimmung für Betriebsräte beim Einsatz von Leiharbeit. Nach den Osterferien kommt langsam Fahrt in das Tarifgeschehen: Die Arbeitgeber werden demnächst ein erstes Angebot vorlegen. Trotzdem wird die IG Metall noch etwas Rabatz machen und Anfang Mai die Republik mit Warnstreiks überziehen. Das gehört dazu und erleichtert die Kompromissfindung. Spätestens am 11. Mai soll dann der neue Vertrag stehen.

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Etwas länger dauert es in der Chemie. Frühestens am 24. Mai werden sich hier die Tarifparteien für die 550.000 Beschäftigten einigen. Auf den ersten Blick ist das einfacher möglich als in der Metallindustrie, denn die IG BCE fordert nur sechs Prozent und dazu weitere Instrumente zur Gestaltung alters- und belastungsgerechter Arbeit. Für die ostdeutschen Chemie- und Bergbauunternehmen ist das im vergangenen Herbst bereits gelungen: Ab 2013 werden Arbeitszeitfonds in den Unternehmen eingerichtet, die von den Arbeitgebern jährlich mit 2,5 Prozent der Jahresbruttoentgeltsumme ausgestattet werden. Aus diesen Fonds werden dann Arbeitszeitverkürzungen finanziert, etwa für Beschäftigte ab 60, für Schichtarbeiter oder bei Eltern- oder Pflegezeiten.

Metaller haben in der Krise zurückgesteckt

Diese tarifpolitische Innovation möchte die IG BCE gern auf den Westen übertragen – und sieht sich da mit einem Konter der Arbeitgeber konfrontiert, die die Leute "länger und flexibler" arbeiten lassen wollen. Deshalb steckt in diesem Punkt vermutlich mehr Konfliktstoff als beim Geld. Die Chemiearbeitgeber weisen darauf hin, dass ihre Beschäftigten 2011 "mit dem deutschlandweit höchsten Tarifabschluss (plus 4,1 Prozent) bereits an der guten Entwicklung beteiligt wurden". Deshalb fällt es der Gewerkschaft voraussichtlich leichter, in diesem Jahr eine Drei vor dem Komma zu akzeptieren – wenn man sich bei dem Thema "Lebensarbeitzeit und Demografie" verständigt.

In der Metallindustrie liegen die Dinge anders. Hier hat die IG Metall in der Krise zurückgesteckt und macht nun zumindest unterschwellig Nachholbedarf geltend. "Es ist schwierig, unter vier Prozent zu bleiben", heißt es nach dem Abschluss im Öffentlichen Dienst selbst in Kreisen der Metallarbeitgeber. Vermutlich gilt das auch für den Fall, dass die IG Metall sich mit ihren Forderungen zur Azubi-Übernahme und Leiharbeitsregulierung durchsetzt. Noch sperren sich die Arbeitgeber vehement dagegen – aber das gehört zum Spiel. Denn die Firmen sind ja froh über jeden Azubi und übernehmen den in der Regel auch nach der Ausbildung. Und wenn einer absolut nichts taugt, muss er nicht übernommen werden – wie in der Stahlindustrie, wo es eine Übernahmepflicht gibt.

Was die Unternehmer an diesem Punkt, aber auch bei der Leiharbeit stört, ist die Ausweitung der Mitbestimmung. "Macht der Betriebsrat künftig die Personalplanung?", argwöhnt so mancher Firmenchef. Und wie immer wird es am Ende auf einen Kompromiss hinauslaufen: Je mehr Mitbestimmung, desto geringer die Prozentzahl. Und umgekehrt. Aber wie man an dieser Formel auch dreht und schraubt: Irgendwie muss für die IG Metall eine Vier rauskommen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Mal davon abgesehen, dass der größte Teil der Erhöhung sowieso von der Inflation aufgefressen wird sehe ich nicht, wer davon profitiert hat. Ausgerechnet die wichtigste Komponente, der Sozialausgleich von 200 Euro wurde abgelehnt.
    Das heißt wieder einmal, dass lediglich die höher Verdienenden überhaupt irgendeine Form von Gewinn daraus ziehen während die Niedriglöhner wieder einmal in die Röhre gucken!

    Auf zwei Jahre gesehen kommt dabei nicht viel rum.
    Dafür aber wurden auch weder die Arbeitsbedingungen noch in irgendeiner Form die Sozialprobleme in den Bereichen behoben!
    Deswegen ist es am Ende ein Nullsummenspiel. Das das gerne anders dargestellt wird gehört offensichtlich auch zum "Spiel"

    Eine Leserempfehlung
  2. Der Lohn oder die Gewinnmaximierung?

    Beim ÖD (Staatsaufgaben) liegen die Ursachen tiefer.

    Verzicht auf Steuern seitens des Staates in Verbindung mit Steuerhinterziehung.

    Das jetzige Schuldgeldsystem tut sein übriges, wobei die Umverteilung - ohne Korrektiv, von Arm nach Reich, munter weitergeht!

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  • Schlagworte Ver.di | Arbeitgeber | Betriebsrat | Demografie | Elektroindustrie | Fonds
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