Nahrungsmittel"Spekulanten treiben die Preise"

Die Preise für Nahrungsmittel schwanken wie noch nie, sagt Kraft-Foods-Manager Hubert Weber. Immer mehr Finanzinvestoren würden Geld in die Rohstoffmärkte pumpen. von Jahel Mielke

Frage: Herr Weber, 2011 haben die Kaffeepreise verrückt gespielt . Warum?

Hubert Weber: Die Rohstoffpreise sind seit Anfang des vergangenen Jahres um 35 Prozent gestiegen, und die Schwankungen haben stark zugenommen. In einem solchen Ausmaß haben wir das bisher noch nie beobachtet. Das liegt vor allem an Finanzinvestoren, die immer mehr Geld in die Rohstoffmärkte pumpen. Das Kapital ist durch die Euro-Krise frei geworden, weil nun weniger in Immobilienfonds, Aktien oder Staatsanleihen investiert wird. Bei Kaffee, Kakao, Weizen und Soja haben sich die Summen, mit denen an den Märkten spekuliert wird, fast verzehnfacht.

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Frage: Die Spekulanten sind aber nicht die einzige Ursache für die steigenden Preise.

Weber: Natürlich gibt es grundsätzliche Ursachen. Beim Kakao waren das die politischen Unruhen an der Elfenbeinküste , beim Kaffee war die Produktion leicht zurückgegangen. Solche Trends werden dann aber durch Finanzinvestoren deutlich verstärkt. Kaffee und Kakao sind ein Genussmittel, da ärgern sich die Verbraucher über steigende Preise. Bei Soja und Weizen aber führen Preissteigerungen in vielen Teilen der Welt zu Hunger . Eine weitere Ursache ist, dass immer mehr Anbaufläche für die Biospritproduktion genutzt wird. Deshalb entscheiden sich viele Bauern, statt Kaffee Zuckerrohr anzubauen, weil damit kurzfristig mehr Geld zu machen ist.

Frage: Aber die Warenterminbörsen, an denen spekuliert wird, hat es schon immer gegeben. Was ist heute anders?

Weber: Wir brauchen bei Kakao und Kaffee die Börsen, weil die Rohstoffe woanders produziert als verarbeitet werden. Zudem liegt zwischen der Ernte und der Verarbeitung viel Zeit. Die Börsen bieten eigentlich eine Möglichkeit zur Absicherung für Händler, Röster und Bauern. Doch durch die großen Finanzinvestoren, die in den vergangenen Jahren hinzugekommen sind, hat sich die Dynamik stark verändert. Die Spekulanten wollen möglichst viel Geld verdienen, und haben deshalb in einigen Fällen bewusst die Rohstoffe verknappt, um die Preise zu treiben. 

Hubert Weber

Hubert Weber (49), geboren in Schiffweiler, leitet seit September 2010 von Zürich aus das europäische Kaffeegeschäft des Nahrungsmittelkonzerns Kraft Foods. Vorher war er im Unternehmen für die Länder Deutschland, Österreich und Schweiz zuständig.

Frage: Muss die Politik eingreifen?

Weber: Wir fordern eine Gleichbehandlung der Teilnehmer am Markt und mehr Transparenz. Bisher ist in vielen Fällen nicht erkennbar, wer an den Märkten spekuliert. Zudem haben nicht alle Marktteilnehmer die gleichen Bedingungen:. Für einen Finanzinvestor, der letztendlich keine Ware abnimmt, liegt die Einlage bei 5.000 Dollar für einen Container mit Rohware. Produzent oder Röster müssen rund 90.000 Dollar bezahlen. Die Politik, aber auch die Börsenbetreiber, müssen diese Probleme dringend angehen. Nur dann bilden sich echte Preise und wir können verhindern, dass die Spekulanten die Rohstoffmärkte als Spielwiese nutzen.

Frage: Werden die Preise in diesem Jahr weiter steigen?

Weber: In den letzten Monaten sind die Preise gesunken, wegen der schwächeren Konjunkturaussichten. Aber wir vermuten mittel- bis langfristig auch 2012 einen weiteren Aufwärtstrend bei den Kaffeepreisen.

Frage: Wie geht Kraft Foods als Produzent damit um?

Weber: Wir müssen die Preissteigerungen weitergeben, zumindest zum Teil. Bei Röstkaffee sind 80 Prozent der Kosten durch den Rohstoff verursacht, das können wir kaum durch Einsparungen an anderer Stelle auffangen. Zudem müssen wir sehen, wie wir eine wachsende Weltbevölkerung langfristig versorgen, ohne dass die Kosten explodieren. Wir bemühen uns daher, effizientes Farmmanagement in den Ursprungsländern zu fördern, zum Beispiel durch Schattenbepflanzung oder spezielle Pflege der Pflanzen. Dadurch können wir höhere Erträge auf den Anbauflächen erzielen. Das ermöglicht den Bauern einen besseren Verdienst und sichert eine bessere Versorgung.

Frage: Gelingt es Kraft Foods, die Kosten an den Handel weiterzugeben?

Weber: Ja, bisher schon. Der Markt ist sehr wettbewerbsintensiv, aber alle Anbieter sind durch die steigenden Rohstoffkosten in der gleichen Situation.

Leserkommentare
    • IQ130
    • 10. April 2012 13:58 Uhr

    Man kann fast jedes Thema anschneiden und landet bei der Diskussion über Spekulanten. Nennen wir sie einfach Finanzassis.

    Sie zocken im Grunde die Armen ab, die sich kaum gegen höhere Lebensmittelpreise wehren können. Darauf baut das ganze Spekulatentum.

    Es wäre die Politik gefragt, doch ist sie ohnmächtig geworden. Finanzassis diktieren der Politik die Bedingungen, unter denen Staaten existieren dürfen (!).

    Eine Steuer auf solchen Irrsinn (0,1 bis 0,3%)könnten Spekulanten wenigstens ein wenig bremsen.

    Ansonsten bleibt nur der Verzicht auf Kaffee. Doch wer will das schon?

    9 Leserempfehlungen
  1. Es sollte sich doch langsam rumgesprochen haben, dass Spekulanten die Schwankungen am Markt verstaerken, wie auch im Artikel richtig angesprochen.
    Aber fuer die Preissteigerung selbst sind sie nicht verantwortlich.

    3 Leserempfehlungen
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    • a.bit
    • 10. April 2012 14:50 Uhr

    Ich habe mal gelesen (nein, keine Quelle zur Hand), dass in den USA seit den 40ern oder 50ern Zwiebel-Futures, also Spekulation auf Zwiebelpreise, verboten sind (seit einem Jahr mit besonderem Preisausschlag, dessen Ursache sich später als versuchter Versicherungsbetrug herausstellte), und dass seitdem von allen Gemüsesorten die Zwiebeln die höchsten Preisschwankungen haben.

    Sie behaupten, der umgekehrte Fall sei die Regel. Gibt es dafür eine Quelle? Oder ein Modell? Der mir intuitiv erscheinende Mechanismus ist eher mit o.g. konsistent.

    • Otto2
    • 10. April 2012 16:47 Uhr

    Die Spekulanten "verstaerken" die Schwankungen am Markt. Das heißt im Klartext: Die Spekulationen führen zu wesentlich größeren Preissteigerungen als sie der reale Markt hergibt. Im Ergebnis kommt es zu Überreaktionen/Fehlreaktionen der Marktteilnehmer, die ihrerseits dadurch die Grundlage für neue Spekulationen schaffen. Ein fehlgeleitetes, irres System.

    Hier mal eine Grafik, wie sich der Kaffeepreis ergibt:
    PDF: http://www.gepa.de/p/cms/...

    S. 12: Kaffeepreis über die Jahre (bis 2007 auch da wird über die stark schwankenden Kaffeepreise gejammert, ganz ohne Biotreibstoff)

    S. 14: Preisanteile (GEPA Kaffee ca. 1 Cent/Tasse. Da wundere ich mich nicht sehr, dass die Preise für fair gehandelten Kaffee gar nicht so unerträglich sind.)

  2. Nahrungsmittelspekulation

    ...wie mit Nahrungsmitteln spekuliert wird, welche Gefahren es birgt und was deshalb geschehen muss.

    http://goo.gl/gGugQ

    Eine Leserempfehlung
  3. fürs WACHSTUM.

    Über das Thema Nahrungsmittelspekulation lässt sich schön aufregen. Vor allem wenn man bedenkt, dass zumeist auf Rohstoffe spekuliert wird, die nur als Zahlen, nicht aber real existieren, diese Spekulationen sich aber auf die Preise für real vorhandene Rohstoffe auswirken. Als Folge können sich viele in der dritten Welt nicht mal mehr den billigsten Fraß leisten.
    Im Gegensatz dazu schaue ich in unsere Supermärkte und muss mich von Kunden anwidern lassen. Anwidern deshalb, weil sie trotz zum Bersten gefüllter Regale einen Veitstanz aufführen, weil ausgerechnet das, was sie wollen, gerade nicht da ist.

    Die Ursache für Nahrungsmittelspekulationen ist klar, zuviel nutzlos gehortetes Geld. Wenn wir solche Spekulationen nicht wollen, dann müssen wir dieses Geld abschöpfen und vernichten, indem wir Schulden begleichen.

    Aber wir selbst müssen uns auch Gedanken machen über unser Anspruchsdenken einer rundum Vollversorgung mit allem.

    MfG
    AoM

    2 Leserempfehlungen
  4. Spekulation mit Nahrungsmitteln gehören in der Tat verboten.

    In der Generation der Großeltern hieß es immer: Mit Essen spielt man nicht. Vielleicht war diese Ansage gar nicht so falsch und ist auch heute nicht anachronistisch? Es mag Aussagen und Ansichten geben, die einfach zeitlos sind.

    Wer Spekulanten ihr neu gefundenes Spielzeug wegnehmen möchte, kann hier mitzeichen:

    http://openpetition.de/pe...

    Je mehr mitzeichnen, desto eindrucksvoller die Aussage!

    9 Leserempfehlungen
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    Sie wissen doch, wenn Sie etwas verbieten wird es umso interessanter. Ganz abgesehen davon, dass das Einhalten von Verboten kontrolliert werden muss. Wer soll das tun?

    Wenn Sie eine Maschine nachhaltig stoppen wollen, müssen Sie die Treibstoffzufuhr kappen. Der Treibstoff für Spekulationen ist ein Überschuss an Geld, der nicht mehr in den realen Wirtschaftskreislauf geführt werden kann, ohne eine Inflation auszulösen.
    Dieses überschüssige Geld muss abgeschöpft werden. Es kann umverteilt werden, aber ich bin für Vernichtung.

    MfG
    AoM

  5. trägt auch der Biospritwahnsinn.

    3 Leserempfehlungen
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    "Nicht unerhebliche Schuld trägt auch der Biospritwahnsinn."
    ###
    Im Gegenteil!
    1.: Deutschland betreibt eine Nahrungsmittel-ÜBERproduktion, die ein vernünftiges Erzeugerpreisniveau für die Produzenten nahezu verunmöglicht. Somit ist jeder Quadratmeter, auf dem als Alternative "Pflanzen für den Tank" angebaut werden, ein sehr gut genutzter Quadratmeter.
    2.: E 10 ist im Schnitt 4 Cent pro Liter preiswerter als "normales Super". bei einer Tankfüllung von 50 l sind das ohne zusätzlichen Billig-Tankstellen-Suchverkehr 2 €. Zugegeben nicht viel, aber "Kleinvieh macht auch Mist".

    • a.bit
    • 10. April 2012 14:50 Uhr

    Ich habe mal gelesen (nein, keine Quelle zur Hand), dass in den USA seit den 40ern oder 50ern Zwiebel-Futures, also Spekulation auf Zwiebelpreise, verboten sind (seit einem Jahr mit besonderem Preisausschlag, dessen Ursache sich später als versuchter Versicherungsbetrug herausstellte), und dass seitdem von allen Gemüsesorten die Zwiebeln die höchsten Preisschwankungen haben.

    Sie behaupten, der umgekehrte Fall sei die Regel. Gibt es dafür eine Quelle? Oder ein Modell? Der mir intuitiv erscheinende Mechanismus ist eher mit o.g. konsistent.

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    Bei Arte gab's vor Längerem mal eine Doku über die starken Preissteigerungen bei Reis vor einigen Jahren (2008?).

    Im Grunde hat es funktioniert, wie das Interview bereits andeutet. Durch irgendeine geplatzte Börsenblase, war viel geflohenes Kapital auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Ein großer Zwischenhändler erkannte seine Chance, behielt den Reis länger als üblich in seinen Depots und bot ihn erst zum Weiterverkauf an, als der sich der Preis stark erhöht hatte.

    Am Ende zeigte sich, dass eigentlich immer genügend Reis da war, nur halt leider der Markt nicht optimal funktionierte wegen den gigantischen Gewinnmöglichkeiten.

    Ich glaube, ich hab' die Doku bei Youtube gefunden:
    http://www.youtube.com/wa...

    • Slater
    • 10. April 2012 15:02 Uhr

    für begrenzte Güter gelten marktwirtschaftliche Gesetze ganz
    einfach nicht,
    man kann sich heutzutage nur wundern warum Länder wie
    Saudi Arabien ihr Öl so billig verschenken und nicht 10 Jahre
    warten und dann das doppelte kassieren oder schon jetzt
    einfach fordern,
    manche Staaten wie Russland können vielleicht kaum auf
    aktuelle Einnahmen verzichten, aber gerade in Nahost geht
    viel Geld doch sowieso in Staatsfonds oder in teure Paläste

    Grundnahrungsmittel, Wasser, Energie, Infrastruktur, ÖPNV, Medizin, Polizei,
    die wichtigsten Grundlagen gehören in Staatshand und müssen fair verteilt werden,

    alle Länder die nicht genug selber anbauen können,
    müssen sich grundlegend neu aufstellen und auf feste
    Verträge hoffen oder die Bevölkerung ziehen lassen..

    wenn das geregelt ist, dürfen alle Luxusprodukte wie
    auch Kaffee rein marktwirtschaftlich gehandelt werden,
    und seien es mal mit 3 Jahren Mondpreisen,
    dann gibts eben nur Wasser zu trinken

    über Spekulationssteuern, Monopole usw. kann man dann
    immer noch diskutieren, aber aus komfortabler Situation
    der relativen Unwichtigkeit heraus

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    dass Länder wie Saudi-Arabien ihr Öl "verschenken", würden Sie nämlich eine bestimmte Preisgrenze überschreiten würden sie flux in die Achse des Bösen rutschen und wären auch schwupps ihr Öl und Land sowie Volk und Paläste los. Von freiem Handel kann da kaum eine Rede sein.

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