Windräder und Kuh bei Husum, Schleswig-Holstein © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Wer sich auf dem Weg nach Sylt in die Nordostseebahn setzt, der juckelt stundenlang durch die weiten, leeren Landschaften Schleswig-Holsteins . Die Fahrt geht vorbei an grasenden Schafen, müde kauenden Schwarz-Bunten – und vor allem an unzähligen Windrädern.

Mehr als 2.700 Windmühlen mit einer Kapazität von mehr als 3.200 Megawatt drehen sich in Schleswig-Holstein. Obwohl hier nicht gerade viel Platz ist: Schleswig-Holstein ist Deutschlands zweitkleinstes Bundesland. Theoretisch entspricht die installierte Kapazität der Leistung von drei Atomkraftwerken. Der Ökostrom-Anteil am Stromverbrauch im Land liegt bei rund 48 Prozent. Nur Niedersachsen hat im vergangenen Jahr mehr neue Windräder ans Netz genommen als Schleswig-Holstein.

Das wird sich kaum ändern. Egal, wie die Landtagswahl am kommenden Sonntag ausfallen wird: Am Ausbau der Windenergie wird nicht gerüttelt. Schleswig-Holstein ist voller Windfreunde, egal, wohin man schaut. Die Union hat sich sogar das Ziel auf die Fahnen geschrieben, das Bundesland im Jahr 2020 rein rechnerisch komplett mit Ökostrom zu versorgen.

Für Jost de Jager, den schleswig-holsteinischen Spitzenkandidaten und aktuellen Wirtschaftsminister, ist Windkraft in Schleswig-Holstein "unverzichtbar". Koalitionspartner FDP warb bereits 2009 für den Ausstieg aus der Atomkraft. Ähnlich sehen es die Oppositionsparteien. Selbst die Piraten stellen in ihrem dünnen Wahlprogramm fest: "Die Energieerzeugung ist in Schleswig-Holstein ein wichtiger Wirtschaftsfaktor". Der Ökostromanteil solle steigen. Um wie viel Prozent? Das wollen die Piraten lieber nicht verraten.

So oder so: Für die Windkraftlobby sind das traumhafte Verhältnisse. "Es gibt in Schleswig-Holstein einen übergreifenderen Konsens als auf Bundesebene, die Energiewende umzusetzen – und zwar über alle Parteigrenzen hinweg", sagt Hermann Albers, der nicht nur dem Bundesverband Windenergie vorsitzt, sondern selbst aus Schleswig-Holstein stammt und dort einen Windpark betreibt.

Windenergie als Wirtschaftsfaktor

Der Grund für die Unterstützung ist einfach: Windkraft hilft der Wirtschaft. Das strukturschwache Flächenland Schleswig-Holstein schafft es im ökonomischen Bundesländer-Vergleich in der Regel nur ins Mittelfeld. Landwirtschaft und Tourismus sind die wichtigsten Wirtschaftszweige, Werften- und Fischereisterben haben dem Land in der Vergangenheit zugesetzt. Mit Kiel und Lübeck gibt es hier im Norden gerade mal zwei Großstädte; ansonsten eben viel Weite. Und viele Windräder.

Die Politik setzt voll auf die Förderung der Windkraft. Bereits in drei Jahren will das Bundesland seine Kapazität auf rund 9.000 Megawatt fast verdreifacht haben – zum Ärger mancher Bürger, die um Gesundheit und Immobilienwerte fürchten. Ganz Deutschland wollen die Friesen und Dithmarscher mit ihrem Ökostrom beglücken: 2020 wollen sie bis zu zehn Prozent des bundesdeutschen Stromverbrauchs decken. "Wir sind ein Windenergieland", sagt Wirtschaftsminister de Jager.

Das liegt vor allem an der Geschichte. In kaum einem anderen Bundesland ist die Windenergie derart tief verwurzelt wie in Schleswig-Holstein. Hier ging 1987 Deutschlands erster Windpark Westküste ans Netz. Jahre zuvor hatten bereits Landwirte und Technikfreaks an Windrädern getüftelt. 1983 wurde im Kaiser-Wilhelm-Koog an der Westküste, einem der windreichsten Gebiete Deutschlands, Growian errichtet. Die Großwindanlage war mit drei Megawatt damals die größte Windkraftanlage der Welt. Ein Prestigeprojekt der deutschen Ingenieurskunst, das allerdings floppte und nach nur wenigen Jahren abgebaut wurde.

 Husum, Deutschlands Windhauptstadt

In den 1990ern entstand in Schleswig-Holstein die Idee der Bürgerwindparks. Hier beteiligen sich Privatleute als Genossen an einem Windpark – und profitieren direkt von den Einnahmen aus dem Ökostromverkauf. Der Landkreis Nordfriesland ist inzwischen eine Hochburg dieses Bürgerengagements: Rund 90 Prozent der Windparks sind fest in der Hand der lokalen Bevölkerung. "Unsere Idee der Bürgerbeteiligung ist Vorbild für ganz Deutschland", sagt Windlobbyist Albers. "Sie schafft Akzeptanz, ganze Dorfgemeinschaften entscheiden sich für Windparks."

Das wurde auch im vergangenen Jahr deutlich, als Kommunen neue Standorte für Windräder ausweisen konnten. Das Land will die exklusive Fläche für Windparks landesweit in den kommenden Jahren von 1,2 Prozent auf 1,5 Prozent erhöhen. Kein Landkreis preschte dabei mit derart ehrgeizigen Plänen vor wie Nordfriesland: Hier boten die Kommunen gleich acht mal so viel Fläche an, wie das Land eigentlich vorsah.

Das EEG lässt die Kasse klingeln

Warum das so ist, verraten die jüngsten Zahlen des Bundesverbands der Elektrizitäts- und Wasserwirtschaft . Direkt nach Bayern profitiert kein anderes Bundesland so stark vom Erneuerbaren-Energien-Gesetz wie das hoch verschuldete Schleswig-Holstein, so eine Studie. Das EEG sieht vor, dass Windparkbetreiber jede produzierte Kilowattstunde Windenergie per Umlage auf den Strompreis vergütet bekommen. Stürmt es im Norden, dann klingeln die Kassen der Windparks. Unterm Strich blieben Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr 379 Millionen Euro.

Ein profitabler Windpark in einer Kommune ist daher für eine Gemeinde wie ein Sechser im Lotto. Rund 40 Millionen Euro Gewerbesteuern flossen nach Angaben des Branchenverbands windcomm den Kommunen des Landes zu, und zwar jährlich. Durch weitere Windräder auf den neu ausgewiesenen Flächen könnten noch einmal 30 Millionen Euro hinzukommen. "Diese Einnahmen sind inzwischen zentral für die Haushalte der Kommunen", sagt Albers.

Nordfrieslands Kreisstadt Husum hat sich inzwischen gar zur geheimen Windhauptstadt Deutschlands gemausert. In dem Hafenstädtchen findet jährlich die Husum Wind Energy statt, die weltgrößte Messe für Windenergie. In diesem Jahr erwarten die Veranstalter allein 46.000 Besucher aus 90 Nationen. Der weltweit größte Windradproduzent Vestas aus Dänemark hat Husum zum Sitz seiner Deutschlandzentrale auserkoren. Im 60 Kilometer entfernten Rendsburg betreibt Konkurrent Repower sein weltweit größtes Schaltzentrum und koordiniert den Betrieb von 3.000 Windrädern weltweit.   

Milliardeninvestitionen in neue Windparks

Windenergie ist inzwischen ein Milliardengeschäft für Schleswig-Holstein. Es soll weiter wachsen. Allein an Land schätzt windcomm den Investitionsbedarf in neue Anlagen auf rund drei Milliarden Euro. Dazu kommen die ehrgeizigen Pläne für den Ausbau der Offshore-Windkraft. Hier greift die Landesregierung tief in die Tasche: Mit 11,5 Millionen Euro finanziert sie allein gerade den Bau eines Hafenterminals auf Helgoland. Vor Deutschlands einziger Hochseeinsel sollen drei Offshore-Windparks entstehen. Auch Büsum und Brunsbüttel wollen sich als Servicehäfen für die Offshore-Industrie etablieren.

Nur ein Manko gibt es in der Erfolgsgeschichte – und das ist die Arbeitsmarktstatistik. Gerade einmal rund 8.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen an der Windenergie in Schleswig-Holstein.