NRW : Altena versucht's eine Nummer kleiner

Keine westdeutsche Kommune schrumpft so schnell wie Altena in Nordrhein-Westfalen. Doch die Stadt hat den Kampf gegen die Pleite längst aufgenommen.
Blick auf Altena: Im Vordergrund die Lenne, auf dem Berg im Hintergrund die Burg der Stadt. © Bürgermeisteramt Altena

Wenn Andreas Hollstein aus seinem Büro im ersten Stock des Rathauses schaut, liegt alles vor ihm. Gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, sieht er den "toten Teil" der Stadt. Mehr als zwanzig Ladenlokale stehen dort leer. Etwas weiter links liegt der heruntergekommene Bahnhof, die Schattenseite von Altena. "Unsere Pinkelrinne", sagt Hollstein.

Der Bürgermeister von Atena sieht beim Blick aus seinem Amtszimmer aber auch: Die schicke neue Uferpromenade an der Lenne im Stadtzentrum. Die Baustelle für den neuen "Eventaufzug" oberhalb der Stadt. Das "Generationenbüro Stellwerk", in dem Ehrenamtliche die Senioren und Jugendlichen der Stadt zusammenbringen. Anzeichen, dass der Wandel vorankommt.

Altena, nahe Hagen gelegen, ist eine schrumpfende Stadt. In ganz Nordrhein-Westfalen verlieren Kommunen seit Jahren in hohem Tempo an Einwohnern, vor allem im Osten des Bundeslandes, im Sauerland, in Lippe, Höxter, der ländlichen Gegend rund um Siegen . Zwischen 2008 und 2030 wird die Bevölkerung in diesen Landstrichen um zehn Prozent kleiner werden, schätzen Fachleute . Altena aber schrumpft schneller. 1970 lebten in der Stadt noch 32.000 Einwohner. Heute sind es 18.000. Hollstein sagt: "Wir sind die am schnellsten schrumpfende Kommune Westdeutschlands".

Besonders das Ende mehrerer großer Industriebetriebe in den Achtziger Jahren macht der Stadt immer noch zu schaffen. Damals zogen viele junge Einwohner wegen der schlechten Arbeitsmarktchancen weg. Heute hat die Stadt das gleiche Problem wie viele Kommunen der Region: Sie ist zu weit weg und gleichzeitig zu nah dran an den Ballungsgebieten rund um Köln und dem Ruhrgebiet. Zu weit weg, um als "Speckgürtel" von der Anziehungskraft der Großstädte zu profitieren. Zu nah, weil viele junge Leute aus den Kleinstädten in die Metropolen ziehen. Mit der Zahl der Einwohner sinken auch die Steuereinnahmen .

Der Bürgermeister verprellt erstmal alle

Deshalb müssten Kommunen wie Altena das Schrumpfen lernen, wollen sie überleben. Es lohnt sich, nach Altena zu fahren, denn hier kann man lernen, wie das geht: eine Stadt verkleinern. Die Stadt ist mittlerweile ein Vorbild für andere geworden.

Hollstein kann sich noch an die Zeit erinnern, als das anders war. 1999 wurde er Bürgermeister. "Als ich hier angefangen habe, haben die noch alte Politik gemacht", sagt er. Alte Politik, das heißt: Geld ausgeben, "goldene Bänder durchschneiden". Wenn Kommunen neue Gebäude bauen, übernimmt oft das Bundesland einen Großteil der Investitionskosten. Deshalb bauen Bürgermeister meist sehr gerne. Den Unterhalt der Gebäude aber muss die Kommune selbst zahlen. Auf Dauer wird das teuer.

Als Hollstein ins Amt kam, tat er deshalb etwas Unpopuläres. Er baute keine neuen städtischen Einrichtungen, sondern begann sie zu schließen. Ein Novum für die damalige Zeit. Als er eines der zwei Freibäder dichtmachen wollte, stellten sich 3.000 Bürger gegen ihn. Hollstein zog vor Gericht. "Es kann nicht sein, dass der Rat sparen muss, und die Bürger einfach sagen: Nö, wir geben das Geld trotzdem aus", sagt er. Hollstein gewann den Prozess, das Freibad wurde geschlossen.

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Normaler Wandel

Im Leben bzw. in der Welt bleibt bekanntlich nichts wie es ist. Und es entwickelt sich auch nicht alles in gleichem Ausmaß in die gleiche Richtung. Normal ist, dass überall, wo Wettbewerb herrscht, die unterschiedlichen Fähigkeiten z.B. von Menschen und Institutionen, den für sie relevanten Anforderungen zu entsprechen und die damit verbundenen Herausforderungen zu bestehen, über Richtung und Tempo der Veränderung bestimmen. So entstehen oder behaupten sich die Arbeitsplätze insbesondere in den starken wirtschaftlichen Zentren oder um diese herum, wo eine Vielzahl struktureller Synergien genutzt werden können, während sie in der Peripherie abnehmen. Und so wanderen die Menschen, sofern sie mobil sind, dort hin, wo die Arbeitsplätze sind, nämlich aus den peripheren Räumen in die wirtschaftlichen Zentren. Dies führt zwangsläufig zu einer wachsenden strukturellen Ausdifferenzierung. Erst recht in einer alternden Gesellschaft, in der die Zahl der erwerbsfähigen Menschen abnimmt.

Insofern steht dieses Beispiel für eine Entwicklung, die wir auch anderenorts in Deutschland, in Europa und weltweit beobachten können. Wir werden Kompetenzen entwickeln müssen, diese strukturelle Transformation sinnvoll zu managen.