VerstaatlichungBolivien ist auf ausländisches Geld angewiesen

Boliviens Präsident enteignet einen Stromversorger: zum Wohle der Arbeiterklasse, sagt er. In Wahrheit weiß auch Morales, dass sein Land Investoren braucht. von 

Boliviens Präsident Evo Morales

Boliviens Präsident Evo Morales  |  © Joaquin Sarmiento/Reuters

Es ist eine Art Tradition in Bolivien . Immer wieder zum 1. Mai verstaatlicht Evo Morales ein Unternehmen, vorzugsweise aus dem Energiesektor. Es begann am Tag der Arbeit des Jahres 2006, als der Präsident die Verstaatlichung der Öl- und Gasindustrie verkündete und gleich zwei Raffinerien besetzen ließ. Seither sind Treibstoffverkäufer, Elektrizitätswerke und Stromversorger enteignet worden. Im Jahr 2008 traf es mit Entel auch eine Telekommunikationsfirma – dieses Mal TDE, eine Tochter des spanischen Stromkonzerns Red Electrica .

Jedes Mal beschwört Morales sein Handeln als einen Akt der Gerechtigkeit. Die Botschaft: Das Land müsse – zum Wohl des Volkes und der Arbeiterklasse – die Kontrolle über seine Ressourcen zurückgewinnen, die bislang von ausländischen Kapitalisten geplündert worden seien.

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Der Staatspräsident verdankt seinen politischen Aufstieg – neben seinem Kampf um die Rechte der Coca-Bauern – den Auseinandersetzungen um das private Geschäft mit den Bodenschätzen. Der Streit hatte kurz nach der Jahrtausendwende Bolivien lahmgelegt. Mit der Enteignung der Öl- und Gasfirmen im Jahr 2006 löste er ein Wahlversprechen ein; mit jeder weiteren Verstaatlichung festigt er sein Image als Kämpfer für die Rechte der Benachteiligten.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Das ist linker Populismus in Reinform, und dennoch steckt ein Körnchen Wahrheit in Morales' Parolen. Wie viele Länder Lateinamerikas sah sich Bolivien in den neunziger Jahren unter dem Druck von Weltbank und Weltwährungsfonds zu Privatisierungen gezwungen. Der wirtschaftliche Erfolg war begrenzt. Trotz seines Ressourcenreichtums ist Bolivien das ärmste Land Lateinamerikas geblieben. Wenn Morales die damals privatisierten Unternehmen jetzt wieder verstaatlicht, wie es auch Venezuela, Ecuador und Argentinien tun , so scheint es, als mache er die damaligen Fehler wieder rückgängig. Tatsächlich ist ein Großteil der fossilen Ressourcen weltweit unter staatlicher Kontrolle, ob in Saudi-Arabien , Venezuela , Brasilien oder Mexiko . Und das Beispiel Norwegens zeigt, dass ein Staat sehr wohl in der Lage sein kann, Ölfelder profitabel und zum Wohl der Bevölkerung auszubeuten.

Doch Bolivien ist nicht Norwegen. Bisher gereichte die Verstaatlichungspolitik dem Land eher zum Nachteil. In den vergangenen sechs Jahren ist die Menge des im Land geförderten Rohöls stark gesunken, die Gasreserven schrumpfen, und der Treibstoff, der importiert werden muss, wird immer teurer. Zugleich gingen Pläne der Regierung bislang nicht auf, die Branche stärker zu industrialisieren.

Das bolivianische Dilemma

Das Dilemma Boliviens, das sich auch in anderen Sektoren der Rohstoff-Förderung zeigt: Es mag sein, dass private Investoren die Gewinne aus dem Energiegeschäft für sich behalten und dem Land nichts bleibt. Aber ohne sie hat Bolivien weder das Kapital noch das Know-How, seine Rohstoff-Industrie entscheidend weiter zu entwickeln. Auch für den nötigen Ausbau der Stromerzeugung braucht es Geld, das sich der Staat nun im Ausland leihen muss. Die von den Verbrauchern gezahlten Tarife sind nicht hoch genug, um die Investitionen selbst zu stemmen.

Bolivien ist abhängig vom Ausland – und offenbar will selbst Evo Morales die ausländischen Geldgeber deshalb nicht komplett verprellen. Ein Indiz dafür ist eine weitere Nachricht vom 1. Mai, über die allerdings weit weniger berichtet wurde als über die Verstaatlichung des Stromversorgers TDE. Im Süden Boliviens liegt ein Gasfeld namens "Margarita", aus dem am Dienstag erstmals Gas gefördert wurde. Den größten Teil an "Margarita" halten das spanische Unternehmen Repsol und die britische BGE. Repsol-Chef Antonio Brufau wurde anlässlich der Einweihung von "Margarita" freundlich begrüßt. Auch bei BGE macht man sich offenbar keine Sorgen um das künftige Geschäft. Weitere Investitionen in das Gasfeld sind geplant.

Die bolivianische Regierung habe ihren Ton gegenüber ausländischen Investoren gemäßigt, schreiben Analysten. Vielleicht reagierte Spaniens Regierung deshalb relativ gelassen auf Morales' Ankündigung, TDE zu enteignen. Zwar fordert sie eine Entschädigung von Bolivien, aber sie bemüht sich auch, den Fall herunterzuspielen. Er sei "keine Attacke auf Spanien" und nicht mit der Verstaatlichung von YPF in Argentinien zu vergleichen, sagten ihre Sprecher. Man ist im Gespräch. Und Bolivien hat bereits angekündigt, einen "gerechten Preis" für TDE zu zahlen. 

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Leserkommentare
  1. <em>Bolivien ist auf ausländisches Geld angewiesen</em>

    Wenn man ein Energieunternehmen rekommunalisiert, bedeutet das in der Regel mehr Geld im Staatshaushalt. Vorallem, wenn der private Betreiber vorher keinerlei Investitionen getätigt hat und die Gewinne nach Spanien geflossen sind.

    <em>Auch für den nötigen Ausbau der Stromerzeugung braucht es Geld, das sich der Staat nun im Ausland leihen muss.</em>

    Die privaten Firmen müssen es sich genauso leihen und schlagen ihre Zinsen für diese Schulden auf die Konsumenten um. Vermutlich kann ein Staat sich sogar deutlich billiger längerfristig finanzieren. Gerade in der Energieversorgung sind private Investoren doch garnicht fähig zu längerfristigen Planungen. Da wird nur bis zum nächsten Quartalsbericht gedacht.

    Im Idealfall wird der Strom in staatlicher Hand billiger für die Menschen, da das Unternehmen nichtmehr Gewinne erwirtschaftet für irgentwelche Aktionäre, sondern nurnoch kostendeckend wirtschaften muss. Dieses Geld fliesst 1 zu 1 in den Binnenkonsum.

    Morales hat schon richtig gehandelt. Genauso wie Kirchner. Südamerika wird der erste Kontinent dieser Erde sein, der sich von den unschönsten Seiten des Kapitalismus befreien kann. Ich gönne es diesen Ländern. Sind sie doch Jahrzehnte Experimentierfeld gewesen für diese neoliberale Experimente der Chicago Boys.

    Eine Leserempfehlung
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    1) Wenn man ein Energieunternehmen kommunalisiert, hat man ein Unternehmen. Kein Geld.

    Der Cashflow muss positiv sein, damit man Geld hat. Man muss ja auch investieren. Und man muss das Unternehmen managen.

    Abgesehen davon führt das ganze dazu das alle Privatunternehmen

    2) "Firmen können sich schwerer Geld leihen als Private."
    => Das gilt definitiv für Deutschland und den Klitschen die Private Public Partnerships machen wollen. Aber das gilt sicher nicht bei Bolivien und BP (oder so) Also ICH würde Bolivien kein Geld leihen.

    Ergo: Es bleibt dabei: Das Problem ist immer ein korrupter Staat. Nicht die Privatwirtschaft. Und ob ein Staat weniger korruption hat wenn alle Firmen staatlich ist? Glaub nicht. Da zahlen sich die "Manager" (Beamten) dann alles aus.
    Ach ja: Wenn ein Unternehmen einen Beamten besticht, dann handelt das Unternehmen gegen irgendwelche Kodexe. Aber der Beamte ist der Verräter. Nicht die Firma, die handelt ja rational, im Auftrag ihrer Aktionäre. Der Beamte ist derjehnige der nicht im Auftrag seines Souveräns handelt.

    PS: Das ganze verstaatlichen treibt nur den Risikoaufschlag für investitionen hoch. Dadurch werden ganze Sektoren unrentabel. Denn auch in Bolivien kricht das Öl nicht freiwillig in die Fässer.

    • xpeten
    • 02. Mai 2012 20:47 Uhr

    für die Menschen, da das Unternehmen nicht mehr Gewinne erwirtschaftet für irgentwelche Aktionäre, sondern nur noch kostendeckend wirtschaften muss."

    Dieser "Idealfall" ist nur leider kaum zu erwarten, eine lediglich kostendeckende Energieerzeugung würde sicher recht schnell zum schleichenden Niedergang führen und enden wie in der DDR.

    • lamara
    • 02. Mai 2012 21:58 Uhr

    die südamerikanischen Sozialisten werden es genauso vergeigen wie alle anderen Sozialisten auch.

  2. ...bräuchten wir auch dringend in Deutschland !

    Mit dem Lebenstandard im bitterarmen Bolivien geht es dank Morales steil bergauf, [...]

    Gekürzt. Verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Die Redaktion/mak

  3. Bolivien ist noch ein klassisches Entwicklungsland, könnte allerdings in absehbarer Zeit statistisch in die Gruppe der „middle income countries“ aufsteigen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg in den letzten Jahren deutlich an, erreichte 2010 circa 19,2 Mrd. USD. Das rechnerische Pro-Kopf-Einkommen betrug somit circa 1.840 USD. Für 2011 wird ein deutliches BIP-Wachstum von über 4% vorausgesagt.

    Diese Sätze stammen nicht von mir, sondern von der Website des "Auswärtigen Amtes".

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    BIP-Wachstum ist nicht Wirtschaftswachstum und Wirtschaftswachstum ist nicht BIP KKP PP-Wachstum. Aber am ende zählt nur das. (Von der BIP seite gesehen, Umwelt Glücklichkeit etc. unberücksichtigt)

    Davon (BIP in USD) müssen Sie nämlich noch die Preissteigerung, und in solchen Ländern ganz wichtig: das Bevölkerungswachstum abziehen.

    Und dann noch mal auf das Nachbarland Brasilien schauen :-)

    Eigendlich müsste nach Abzug aller dieser Faktoren Bolivien stärker wachsen, immerhin könnte der Catshing Up Effekt da besser wirken.

  4. Nur durch Verstaatlichung kann in Zukunft die Weltenergieversorgung garantiert werden. Der Westen ist noch immer auf Öl aus Extremkrisenregionen angewiesen, weil private Energiekonzerne in ineffizienten Kraftwerken viel zu teuren Strom erzeugen.

    Nur eine Verstaatlichung kann das Preismonopol brechen und dieser Entwicklung entgegenwirken!

    Mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

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    Sie messen hier mit zweierlei maß. Wenn Sie jedes fetzchen den privaten vorwerfen, und dem Staatlichen alles dirchgehen lassen, dann ist Planwirtschaft natürlich besser.

    Es braucht einen starken Staat. Keinen großen.

  5. <em>Die von den Verbrauchern gezahlten Tarife sind nicht hoch genug, um die Investitionen selbst zu stemmen</em>

    Ich dachte die meisten Rohstoffe weltweit werden in staatlicher hand gefördert? Wie bekommen Saudi-Arabien oder Venezuela das hin? Ich bin mir sicher, Chavez lässt seinen Kumpel Morales nicht hängen wenn es darum geht Know-How auszutauschen. Vermutlich läuft das bei den beiden sogar völlig umsonst und ohne Hintergedanken.

    Und wieso sollten private Investoren sich überhaupt an diesem Verlustgeschäft beteiligen? Scheint ja laut Frau Endes nicht viel dabei herauszuspringen.

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    Daher kann das mit den Tarifen stimmen. Auch wird Energie in solchen ländern häufig den Bürgern weit unter Weltmarktpreis verkauft, die es entsprechend verschleudern, anstatt das alle von einem lukrativeren verkauf profitieren.

  6. 1) Wenn man ein Energieunternehmen kommunalisiert, hat man ein Unternehmen. Kein Geld.

    Der Cashflow muss positiv sein, damit man Geld hat. Man muss ja auch investieren. Und man muss das Unternehmen managen.

    Abgesehen davon führt das ganze dazu das alle Privatunternehmen

    2) "Firmen können sich schwerer Geld leihen als Private."
    => Das gilt definitiv für Deutschland und den Klitschen die Private Public Partnerships machen wollen. Aber das gilt sicher nicht bei Bolivien und BP (oder so) Also ICH würde Bolivien kein Geld leihen.

    Ergo: Es bleibt dabei: Das Problem ist immer ein korrupter Staat. Nicht die Privatwirtschaft. Und ob ein Staat weniger korruption hat wenn alle Firmen staatlich ist? Glaub nicht. Da zahlen sich die "Manager" (Beamten) dann alles aus.
    Ach ja: Wenn ein Unternehmen einen Beamten besticht, dann handelt das Unternehmen gegen irgendwelche Kodexe. Aber der Beamte ist der Verräter. Nicht die Firma, die handelt ja rational, im Auftrag ihrer Aktionäre. Der Beamte ist derjehnige der nicht im Auftrag seines Souveräns handelt.

    PS: Das ganze verstaatlichen treibt nur den Risikoaufschlag für investitionen hoch. Dadurch werden ganze Sektoren unrentabel. Denn auch in Bolivien kricht das Öl nicht freiwillig in die Fässer.

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    dann bliebe das geld in bolivien und wanderte nicht nach spanien.
    bolivien ist über jahrhunderte ausgebeutet worden. wissen sie, was "potosi" ist? machen sie sich mal schlau, dann werden sie verstehen, wieso morales nicht nur so handeln muss, sondern warum er die pflicht hat, so zu handeln.
    wenn man die geschicke dieses landes betrachtet, so ist morales ein absoluter glücksfall, er ist ein integerer mann, der sich um das wohl breiter bevölkerungsschichten kümmert, auch wenn es weniger breiten bevölkerungsschichten nicht gefällt.

    Oder Baut Bolivien Mercedes? Betreibt Bolivien Schweizer Banken? Schneidert Bolivien Dior Kleider? Baut Bolivien Edeluhren?

    Nein das Korruptionsgeld bleibt nicht im Land.

    Wut über die Vergangenheit hilft da nicht.

    Nur Korruptionsbekämpfung.

  7. BIP-Wachstum ist nicht Wirtschaftswachstum und Wirtschaftswachstum ist nicht BIP KKP PP-Wachstum. Aber am ende zählt nur das. (Von der BIP seite gesehen, Umwelt Glücklichkeit etc. unberücksichtigt)

    Davon (BIP in USD) müssen Sie nämlich noch die Preissteigerung, und in solchen Ländern ganz wichtig: das Bevölkerungswachstum abziehen.

    Und dann noch mal auf das Nachbarland Brasilien schauen :-)

    Eigendlich müsste nach Abzug aller dieser Faktoren Bolivien stärker wachsen, immerhin könnte der Catshing Up Effekt da besser wirken.

  8. Daher kann das mit den Tarifen stimmen. Auch wird Energie in solchen ländern häufig den Bürgern weit unter Weltmarktpreis verkauft, die es entsprechend verschleudern, anstatt das alle von einem lukrativeren verkauf profitieren.

    Antwort auf "Seltsame Logiken"
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    <em>Auch wird Energie in solchen ländern häufig den Bürgern weit unter Weltmarktpreis verkauft</em>

    Da fängst doch schon an. Wieso sollte ein Land seine produzierte Energie auf den Weltmarkt schmeissen? Wieso sollten arme Rohstoffländer genauso viel für ihre Energie zahlen wie reiche Nicht-Rohstoffländer?

    In Libyen z.B. war Strom kostenlos. Weil das Land so rohstoffreich war, dass man jedem kostenlos Srom geben könnte und trotdem noch exportieren.

    Ich finde schon allein der Gedanke ist hirnrissig, die Versorgung der Bevölkerung mit den eigenen Rohstoffen nicht dem Verkauf vorzuziehen. Die Versorgung der eigenen Bevölkerung ist Priorität Nr. 1. Wer diese der Privatwirtschaft überlässt, handelt verantwortungslos.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Geld | Verstaatlichung | Bolivien | Bodenschätze | Enteignung | Lateinamerika
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