Drogenkrieg"Legalize it!" klingt nur gut

Es klingt verführerisch: Drogen legalisieren und so die Gewalt in Mexiko bekämpfen. Die Macht der Kartelle wird dadurch aber nicht zerschlagen.

Mexikos Krieg gegen die Drogen ist gescheitert. Jeder neue Leichenfund zeigt es nur noch klarer: Die kriminellen Kartelle beantworten die Strategie der militärischen Stärke von Präsident Felipe Calderón mit Gegengewalt. Je mehr sie sich genötigt sehen, ihre Macht zu beweisen, desto grausamer wird ihr Morden.

Wenn aber der Einsatz von 50.000 Soldaten und Polizisten die Gewalt derart eskalieren lässt, ist es sinnlos, noch mehr Sicherheitskräfte zu schicken. Deshalb gewinnt der Ruf nach einer anderen Strategie an Kraft. Lateinamerikas Staatschefs wollen, dass der Verkauf der Drogen legalisiert wird. Während des vor wenigen Wochen in Cartagena abgehaltenen Amerika-Gipfels führten Juan Manuel Santos (Kolumbien), Evo Morales (Bolivien), Otto Pérez Molina (Guatemala) und Mexikos Präsident Calderón die Debatte an.

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Liberale Ökonomen und Medien wie der britische Economist fordern schon lange: "Legalize it!" Sie haben bestechende Argumente. Würde der Konsum von Heroin und Kokain in den USA und Europa gestattet, brächen auf einen Schlag die exorbitanten Profite aus dem Drogengeschäft zusammen, sagen sie. Denn wenn jeder die bislang verbotenen Substanzen ganz legal über die Grenze bringen könnte, gäbe es keinen Grund mehr, überhöhte Endverkaufspreise zu verlangen. Die Kartelle verlören eine wichtige Einnahmequelle. Zugleich ginge die Beschaffungskriminalität zurück und der Staat könnte sich besser um die Gesundheit der Süchtigen kümmern als bisher.

Drogen sind nur ein Teil des Geschäfts

Möglich, dass die Befürworter des legalen Rauschs damit richtig liegen. Aber selbst wenn man ihre Forderungen umsetzte: Die Gewalt in Mexiko würde nicht verschwinden. Die ökonomische Macht der Banden würde nicht gebrochen, sagen Fachleute wie Edgardo Buscaglia, Fachmann für Korruption und organisierte Kriminalität am Instituto Tecnológico Autónomo de México (ITAM). Denn das organisierte Verbrechen in Mexiko verdient sein Geld längst auch mit anderen illegalen Geschäften.

Die Kartelle schmuggeln Migranten und Waffen, entführen Menschen und erpressen deren Familien, fälschen Kreditkarten und machen Vermögen mit Produktpiraterie. Wer sie schachmatt setzen will, muss ihre Konten sperren, ihre Geldflüsse unterbrechen und ihre Firmen zerschlagen. Gar nichts bringt es hingegen, den jeweils amtierenden Mafiaboss zur Strecke zu bringen. Sobald einer aus dem Verkehr gezogen ist, steigt sein Nachfolger auf. Oder rivalisierende Kronprinzen kämpfen um die Macht und heizen die Gewaltspirale noch weiter an.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

An Nachwuchs herrscht kein Mangel. In Mexiko gibt es viele junge Leute ohne Ausbildung, ohne Arbeit und ohne Aussicht auf eine gesicherte Zukunft. Sie werden Ni-Nis genannt, die "Weder-nochs". Etwa 35 Millionen der Mexikaner sind zwischen 12 und 29 Jahre alt; zu den Ni-Nis gehört schätzungsweise ein Fünftel davon. Um zu überleben, suchen sie ein Auskommen in der informellen Wirtschaft. Sie schlagen sich als Parkplatzwächter oder Straßenhändler durch – oder als Dealer oder Auftragskiller. "Lieber sterbe ich jung und reich als alt und ruiniert, wie mein Vater", sagte einer der jugendlichen Gewaltverbrecher vor einem Jahr dem Reporter der mexikanischen Zeitschrift emeequis.

In einem Land, dessen Wirtschaftspolitik vornehmlich darin besteht, ausländische Investitionen anzuziehen und Märkte zu öffnen, gibt es nicht einmal im Ansatz eine Sozialpolitik, die diese verlorene Generation in die Gesellschaft integrieren könnte. So groß ist das Versagen des Staates, dass mancherorts das organisierte Verbrechen den Wohltäter gibt und Schulen, Kirchen und Straßen baut. Demgegenüber sind die Behörden machtlos, denn sie sind selbst von den Kartellen unterwandert. Siebzig Prozent der Kommunalverwaltungen, sagt Korruptionsexperte Buscaglia, seien von den Banden gekapert. Weit mehr als die Hälfte der Wahlkämpfe würden vom organisierten Verbrechen beeinflusst, die Stimmen gekauft, hochrangige Politiker von den Banden bezahlt.

Armut und Perspektivlosigkeit, das Fehlen einer effektiven Wirtschafts- und Sozialpolitik, dazu ein Ausmaß von Korruption, das der Mafia große Macht über staatliche Institutionen und gesellschaftliche Eliten verleiht: Dies sind die Zutaten der Gewalt in Mexiko. Den Drogenkonsum zu legalisieren mag sinnvoll sein. Doch die Spirale der Gewalt wird das alleine nicht stoppen können.

 
Leserkommentare
    • fegalo
    • 07.05.2012 um 21:49 Uhr

    WER soll denn eigentlich die Drogen legalisieren? Die USA? Mexiko? Deutschland? Die ganze Welt?

    Allein, dass die Autorin diese Frage völlig ausklammert, zeigt, wie abgehoben die gesamten Überlegungen sind.

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  1. 34. Belege

    Wenn das einzige Problem an meinem Posting war, dass ich für längst bekannte Tatsachen keine Belege geliefert habe - na dann Bitteschön:

    Dass der "War on Drugs" für die USA auch eine willkommene Begründung ist, um in anderen Ländern zu operieren: http://de.wikipedia.org/w...
    Zitat:
    Im Rahmen des „War on Drugs“ greifen die USA auch immer wieder außenpolitisch ein. [...] Invasion in Panama teil, durch die Manuel Noriega gestürzt wurde. Die USA warfen ihm Verstrickungen in den Drogenhandel vor und nutzten diese als Begründung der Invasion, allerdings hauptsächlich um von dem geplanten Vertragsbruch der Torrijos-Carter-Verträge, dem eigentlichen Grund der Invasion, abzulenken.

    Dass US-Geheimdienste selbst ihre Finger im Drogenhandel haben:
    "Gleichzeitig beteiligten sich jedoch wiederholt US-Behörden selbst an illegalen Drogengeschäften, u. a. in der Iran-Contra-Affäre, bei der die CIA an der Drogeneinfuhr aus Südamerika beteiligt war, in Haiti, Panama sowie in China, Burma und Thailand und Afghanistan."
    oder
    http://de.wikipedia.org/w...
    Die von ihm behauptete Duldung und Mitwisserschaft der CIA führte zu einem Skandal in den USA. In Teilen stützte sich Webb auf die Ergebnisse einer Untersuchungskommission unter Senator John Kerry 1986. Zwei interne Untersuchungen der CIA belegten später seine Behauptungen."

    4 Leserempfehlungen
    • max13
    • 07.05.2012 um 22:27 Uhr

    Es gibt etwa 5000 Argumente für eine Legalisierung und kein einziges für die Beibehaltung der derzeitigen Politik. Der interessierte Leser findet diese bei den entsprechenden Organisationen (z.B. Drug Policy Alliance, LEAP, ENCOD, Transform).

    Um auf das im Artikel genannte Problem einzugehen: Ähnlich wie zur Zeit der gescheiterten Alkoholprohibition in den USA* haben die exorbitanten Gewinne durch den Handel von illegalisierten Rauschmitteln doch erst dazu geführt, dass die Kartelle so mächtig wurden, wie sie heute in weiten Teilen Lateinamerikas sind. Ein Entzug der größten Einkommensquelle würde dem Staat die Möglichkeit geben, andere Straftaten dieser Organisationen effektiver zu bekämpfen.

    *"By 1926, he and his fellow gangsters were making $3.6bn (in 1926 money!). To give some perspective, that was more than the entire expenditure of the US government. The criminals could outbid and outgun the state. So they crippled the institutions of a democratic state and ruled, just as drug gangs do today in Mexico, Afghanistan, and ghettoes from South Central Los Angeles to the banlieues of Paris. They have been handed a market so massive that they can tool up to intimidate everyone in their area, bribe many police and judges into submission, and achieve such a vast size the honest police couldn't even begin to get them all."
    http://www.independent.co...

    5 Leserempfehlungen
  2. Verehrte Frau Endres, nun, Ihr Zitat des Herrn Edgardo Buscaglia bestätigt doch nur die seit Jahrzehnten verfehlte Drogenpolitik. Natürlich hat sich das organisierte Verbrechen inzwischen diversifiziert.
    Lesen Sie doch einfach mal das Interview mit dem Nobelpreisträger Milton Friedman http://www.spiegel.de/spi...
    Da steht sehr deutlich drin, warum es heute, 20 Jahre später, noch mehr Süchtige und billig käufliche Gewalttäter ("Ni-Nis") gibt...
    Kontrollierte Legalisierung wäre zumindest ein Anfang, die Gewalt zu reduzieren.

    5 Leserempfehlungen
  3. Zum Artikelthema kann ich übrigens nur wärmstens ein Interview mit dem "bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit", Noam Chomsky, empfehlen:

    http://chomsky.info/inter...

    Chomsky hat zwar schon viel zum "War on Drugs" geschrieben, aber der obige Link passt hier am besten, weil es da ganz explizit um das Artikelthema geht - die mexikanischen Drogenkartelle, der Schmuggel in die USA usw.. Wer sich für das Thema interessiert, der wird dort viele interessante und plausible Argumente finden. Auch warum die Situation noch immer so ist wie sie ist, obwohl die Vorteile einer Legalisierung völlig offensichtlich sind.

    3 Leserempfehlungen
    • xpeten
    • 07.05.2012 um 22:57 Uhr

    der Süchtigen kümmern als bisher."

    Im Gegensatz zum Aufwand, der für Alkoholsüchtige betrieben wird (die allein in Deutschland einen volkswirtschaftlichen Schaden von jährlich 200 Mrd. Euro verursachen),

    wäre dies ein überschaubares Unterfangen,

    da deren Zahl im Verhältnis zu Alkohol- und Medikamenten-Abhängigen verschwindend gering ist.

    Eine Leserempfehlung
  4. Redaktion

    Liebe Leser,

    Danke für die vielen guten Kommentare. Ein paar Anmerkungen:

    @likwit, @_zeitzeuge_: Welcher Geschäftszweig den Kartellen die größten Einnahmen bringt, ist statistisch schwer zu belegen. Dass mehr als 60 Prozent der Gewinne aus dem Cannabisverkauf kommen soll, ist eine Zahl, die ich bisher nicht kannte. Auf den Seiten des Office of Nacional Drug Control Policy, das Sie als Quelle anführen, (http://1.usa.gov/JaoFJ4) finde ich aber eine Distanzierung und einen Verweis auf http://bit.ly/JbZiVT. Zitat: "The claim that 60 percent of Mexican DTO gross drug export revenues come from marijuana should not be taken seriously."

    Der von mir zitierte Forscher und UN-Berater Buscaglia sagt: Die Kartelle "bringen Migranten auf illegalen Wegen über die Grenze, schmuggeln Waren, handeln mit Raubkopien. ... Allein diese drei Dinge bringen mehr ein als der Drogenhandel." (http://bit.ly/ghz6Y6)

    Soweit ich weiß, dreht sich die Lebalisierungsdebatte in den USA v.a. um Cannabis. Auf dem Amerikagipfel wurde aber generell über eine Legalisierung von Drogen diskutiert, auch von Heroin und Kokain. (http://bit.ly/HFveWk)

    @Tad Baste: Friedman sagt ja dasselbe wie andere Liberale: Der Drogenkrieg ist gescheitert (genau!), also Legalisierung. Das greift imho zu kurz, weil die Verflechtungen zwischen Behörden und Mafia, soziale Probleme etc. ausgeklammert werden. Anders bei Chomsky (@Herr Vorragend), dessen Argumente mir ziemlich plausibel scheinen.

    Beste Grüße,
    Alexandra Endres

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    Wer kleine Schritte ablehnt und auf den grossen Sprung wartet, bleibt auf der Strecke. Ebenso gilt: man bleibt nicht stehen - man geht vorwaerts oder rueckwaerts. Durch Untaetigkeit verschlimmert sich die Situation weiter. Mehr gibts nicht zu sagen.

    Wer kleine Schritte ablehnt und auf den grossen Sprung wartet, bleibt auf der Strecke. Ebenso gilt: man bleibt nicht stehen - man geht vorwaerts oder rueckwaerts. Durch Untaetigkeit verschlimmert sich die Situation weiter. Mehr gibts nicht zu sagen.

    • Ullrik
    • 07.05.2012 um 23:39 Uhr

    eigentlich möchte ich nur hin und wieder einen Joint rauchen. Und dabei weder Angst vor irgendwelchen Streckmitteln, noch vor der Justiz haben.

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