Die Beschlüsse sind klar und eindeutig: Deutschland will bis 2022 aus der Atomenergie aussteigen , und bis 2050 soll die Stromversorgung zu mindestens 80 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Die Europäische Union hat für 2050 übrigens nahezu das gleiche Ziel ausgerufen. Doch der schwarz-gelben Regierung fehlt ein überzeugender Botschafter für die Energiewende. Wenn die Wende überhaupt vertreten wird, dann von jedem Minister eine andere. Der gewesene Umweltminister Norbert Röttgen versuchte seine Vision einer "ökologischen Modernisierung der Industriegesellschaft" durchzusetzen, für die er in seiner Partei keine Mehrheit hatte. Der Wirtschaftsminister Philipp Rösler stellt sich darunter den Bau neuer Kraftwerke vor. Sein Slogan: Kraftwerke, ja bitte! Der Bau- und Verkehrsminister Peter Ramsauer hofft auf mehr Geld für die Gebäudesanierung, das die Bedeutung seines Hauses wachsen lässt. Agrarministerin Ilse Aigner geht es um ein gutes Zusatzgeschäft für die Bauern. Das Ergebnis ist eine in sich oft widersprüchliche Botschaft, die im Land in etwa so ankommt: Energiewende? Die kommt ja eh nicht.

Der neue Umweltminister Peter Altmaier ist von Bundeskanzlerin Angela Merkel quasi zum Wende-Beauftragten ernannt worden. Doch kann er das als Fachminister mit Zuständigkeit für erneuerbare Energien sein? Er kann seinen Kollegen kaum hineinregieren, wenn die Kanzlerin weiter darüber schweigt, was sie eigentlich unter der Energiewende versteht. Nimmt Altmaier die Herausforderung an, sollte er die Generalüberholung des Energiesystems mit Optimismus und Überzeugung nach innen und nach außen vertreten. Seine Botschaft muss lauten: Wir schaffen das! Nur auf dieser Basis kann über die Details der Wende gestritten werden, ohne dass jedes Mal die Geschäftsgrundlage wieder infrage gestellt wird.

Das Jahr eins der Energiewende war geprägt von Dutzenden Baustellen: Netzausbau, Speicher, flexible Kraftwerke für den Notfall, Ausbau der erneuerbaren Energien. Doch diese Themen gehören zusammen und müssen im Kontext entschieden werden, weil der Systemwechsel sonst unbezahlbar zu werden droht. Zudem müssen die europäischen Nachbarn berücksichtigt werden. Es gibt einen erprobten Stromaustausch mit Österreich , der Schweiz , Frankreich, Polen , Tschechien und Dänemark . Deutschland ist keine Insel. Selbst wenn Bayern und Baden-Württemberg künftig mehr Strom lokal erzeugen und verbrauchen wollen, wird es weiterhin die Notwendigkeit geben, Italien , das kaum selbst Strom erzeugt, nicht abzuhängen. Dafür braucht es womöglich eine Hochspannungsleitung, die nicht in Stuttgart oder München endet, sondern in Basel oder Mailand . Nicht weniger wichtig ist es, das Gasangebot im Kontext der Stromversorgung zu diskutieren. An den kritischen Tagen im Februar zeigte sich, dass diese beiden Systeme enger zusammenhängen, als man sich das bisher vorgestellt hatte. Sie werden noch stärker zusammenwachsen, bis es bezahlbare Speichertechniken gibt.

Das größte Versagen der Regierung ist es aber, dass sie das bürgerschaftliche und wirtschaftliche Engagement für die Energiewende nicht zu würdigen weiß. Denn das ist ihre Basis. Tausende Energiegenossenschaften haben die Geschicke längst selbst in die Hand genommen. Seit dem ersten Stromeinspeisegesetz findet die Energiewende von unten statt – und bisher überwiegend gegen die etablierten Energiekonzerne.

Erschienen im Tagesspiegel