ÖkostromAuch der Süden braucht eine Energiewende

Ohne internationale Zusammenarbeit kann der Übergang zur Öko-Energie in Europa nicht gelingen. Auch die Mittelmeerländer müssen sich umstellen. Von Georgeta Vidican von Georgeta Vidican

Benzinknappheit in Kairo: Ende März standen die Autos in Schlangen vor Ägyptens Tankstellen.

Benzinknappheit in Kairo: Ende März standen die Autos in Schlangen vor Ägyptens Tankstellen.  |  © Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

Mit einer speziellen Technik oder einer nationalen Strategie alleine ist die Energiewende nicht zu schaffen. Wir brauchen umfassende Lösungsansätze und überregionale Kooperationen. Um den Ökoenergie-Ausbau in Europa richtig zu planen, muss man deshalb die technischen Potenziale der erneuerbaren Energien in den sogenannten Mena-Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas kennen. Die Mena-Länder reichen vom Marokko bis zum Iran. Eines der wichtigsten energiepolitischen Projekte dort – zumindest aus europäischer Sicht – ist die Desertec-Industrie-Initiative.

Ziel von Desertec ist es, die Energiemärkte Europas und einiger Mena-Länder in bisher beispielloser Form zu vereinen. Für Europa böte der Import von Ökostrom aus Nordafrika die Chance, die CO2-Reduktionsziele zu erreichen. Im südlichen Mittelmeerraum könnte der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Entwicklung gefördert werden. Die Wettbewerbsfähigkeit der Privatwirtschaft würde steigen, es entstünden neue Arbeitsplätze.

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Allerdings ist die immer billigere Photovoltaik mittlerweile zu einer harten Konkurrenz für die von der Desertec-Initiative favorisierte solarthermische Stromerzeugung herangewachsen. Zusätzlich erschweren die Folgen des Arabischen Frühlings den Wandel. Die Mena-Länder müssen auf eine nachhaltige Energieversorgung umsteigen: Bislang importieren die meisten Länder der Region fossile Energieträger, was angesichts eines steigenden Bedarfs die öffentlichen Haushalte stark belastet und die Energiesicherheit gefährdet. Gleichzeitig behindern eine hohe Jugendarbeitslosigkeit (in Ägypten bis zu 25 Prozent), wenig technologisches Know-how, ein begrenztes Engagement für den politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozess und schwache Institutionen die wirtschaftliche Entwicklung.

Zentrale Rolle für Deutschland

Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien werden durch internationales Geld gefördert. Den Mena-Ländern böte der finanzielle Zufluss eine Chance, ihr technologisches Know-how auszubauen, gegenüber weiter fortgeschrittenen Volkswirtschaften aufzuholen und einer dynamischen Privatwirtschaft Auftrieb zu verleihen. Eine wirtschaftliche Diversifizierung würde zudem dazu beitragen, dass der Ausstieg aus rentenökonomischen Strukturen gelingt – also aus einer Wirtschaftsform, die Transferleistungen gezielt einsetzt, um sich die politische Loyalität bei großen gesellschaftlichen Gruppen zu sichern. 

Georgeta Vidican

ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung "Wettbewerbsfähigkeit und soziale Entwicklung" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten in Fragen internationaler Entwicklungspolitik.

Damit eine umfassende, nachhaltige Energiewende gelingt, sind vor allem zwei Dinge nötig: ein neuer Gesellschaftsvertrag in den Mena-Ländern, der vor allem das System der Subventionierung fossiler Energieträger reformiert. Und neue Kanäle der Entwicklungszusammenarbeit auf Basis belastbarer Partnerschaften und regionaler Integration. Deutschland kommt dabei eine zentrale Rolle zu, denn wir sind in der Region einer der wichtigsten Entwicklungspartner.

Bisher gründet der Gesellschaftsvertrag in den meisten Mena-Ländern auf einer strategischen Umverteilung von Renten als Mittel zur Legitimierung von Politik. Die politisch herrschende Klasse festigte ihre Macht vor allem durch die starke Subventionierung fossiler Energieträger, die Bevölkerungsgruppen mit mittleren und höheren Einkommen unverhältnismäßig stark begünstigen.  

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte beachten Sie Ihren Ton. Danke, die Redaktion/mo.

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    sind - wie im Artikel beschrieben - hohe Subventionen für fossile Energieträger, die die Haushalte stark unter Druck setzen. Dies ist nicht nur in Ägypten so, sondern weltweit - selbst in Saudi-Arabien. Die weltweiten Subventionen für fossile Treibstoffe betrugen 2010 über 400 Milliarden US-Dollar - ein Vielfaches dessen, was für Erneuerbare ausgegeben wurde.

    Und ebenfalls im Artikel steht das Beispiel Nicaragua - ein Land, das bislang seine Stromerzeugung fast vollständig mit Ölkraftwerken leisten musste. Die Vervielfachung des Ölpreises in den letzten Jahren hat das Land schwer getroffen. Nun hat man einen ersten Windpark aufgestellt.

    In allen diesen Länder brauchen vor Allem Kleinunternehmen und Handwerksbetriebe eine bezahlbare und verlässliche Stromversorgung. Strom auf fossiler Basis ist dort schon lange weder zuverlässig noch bezahlbar.

  2. Anzunehmen, ein neuer "Geseschaftsvertrag" wäre überhaupt möglich, in korrupten, durch Bürgerkriege zerrissenen Ländern, erscheint mir ein wenig naiv.

    Und unsere eigene korrupte Politik hat nur ein strategisches Ziel: sich weiterhin die Taschen zu füllen.

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  3. Wenn die Solarzellen so gut werden, das es reicht, sie in Italien aufzustellen, dann bezahlen wir in Deutschland auch nicht mehr für ein Seekabel nach Nordafrika. Entweder Nordafrikas Staaten nutzen jetzt die Chance für den Solarstromerexport oder eben nicht. Zur Selbstbestimmung gehört auch Selbstverantwortung. Das ändert auch keine sozial-intelektuelle Interpretation.

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  4. sind - wie im Artikel beschrieben - hohe Subventionen für fossile Energieträger, die die Haushalte stark unter Druck setzen. Dies ist nicht nur in Ägypten so, sondern weltweit - selbst in Saudi-Arabien. Die weltweiten Subventionen für fossile Treibstoffe betrugen 2010 über 400 Milliarden US-Dollar - ein Vielfaches dessen, was für Erneuerbare ausgegeben wurde.

    Und ebenfalls im Artikel steht das Beispiel Nicaragua - ein Land, das bislang seine Stromerzeugung fast vollständig mit Ölkraftwerken leisten musste. Die Vervielfachung des Ölpreises in den letzten Jahren hat das Land schwer getroffen. Nun hat man einen ersten Windpark aufgestellt.

    In allen diesen Länder brauchen vor Allem Kleinunternehmen und Handwerksbetriebe eine bezahlbare und verlässliche Stromversorgung. Strom auf fossiler Basis ist dort schon lange weder zuverlässig noch bezahlbar.

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    Antwort auf "[...]"
  5. mittels PV und/ oder Wind soll wohl ein Witz sein ?
    Die Herstellungskosten einer Kwh liegen bei PV bei 20 cent je KWh, bei Fossil unter 10 cent.
    Sollen jetzt die Südländer den Strom noch stärker subventionieren, damit sie ihn exportieren können ?
    Auch in Nordafrika gibt es Ingenieure, auch dort wird über den Erzeugerpreis nachgedacht und über die Versorgungssicherheit.
    Bitte also keinen Rassismus.
    Solarstrom und Windstrom sind leider nur für reiche Staaten, die diese Stromarten subventionieren können, akzeptabel.
    Auch die Windanlagenhersteller( nselbst in China ) haben zurZeit grosse Absatzprobleme. Woran das wohl liegen mag ?

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    • qayplm
    • 07. Mai 2012 14:37 Uhr

    Mal wieder jemand, der KEINE Ahnung hat. Wie kommen Sie auf 20ct Stromgestehungskosten bei der PV bitte?
    Aktuelle Investitionskosten für Großanlagen 1000-1300 €/kWp
    Da sind wir bei BRD-Einstrahlungsverhältnissen schon bei ca. 12ct/kWh (normaler Kalkulationszins und 20 Jahre Nutzungsdauer).
    Jetzt raten Sie mal, wie hoch die Stromgestehungskosten im Mittelmeerraum sind, wo die Sonne doppelt so viel scheint?

    PV-Strom ist dort bereits günstiger zu produzieren als fossil. Zumindest "tagsüber".

    Quellen liefere ich gerne.

  6. Die Herstellungskosten ein kWh PV Strom sind nur so hoch, weil sie durch Subventionnen hochgetrieben werden.

    Im Mittelmeerraum funktioniert Strom aus PV ach ohne Subventionen.

  7. gutem Gewissen Geld in die falschen Hände zu spielen. Photovoltaik ist ein Markenzeichen für Ineffektivität auf Dauer. So dumm sind die im Süden auch wieder nicht.
    Für Desetec fehlt leider das Geld. Ist aber ein guter Ansatz.

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  8. Aus dem Artikel: "Damit eine ... Energiewende gelingt, sind vor allem zwei Dinge nötig: ein neuer Gesellschaftsvertrag in den Mena-Ländern..."

    Ja, wohl richtig. Und damit entpuppen sich die Ideen dieses Aufsatzes als komplett illusorisch. Wenn man sieht, wie das Projekt "gemeinsame Währung" schon an - Verhältnis - geringen kulturellen Unterschieden innerhalb der Euro-Raumes scheitert, möchte die Verfasserin, dass die nordafrikanischen Staaten mal eben ihren gesamten Gesellschaftsvertrag ändern? Das ist zwar logisch zu Ende gedacht, wird aber nicht gehen.

    Lehrreich ist dieser Artikel nur insofern, als dass er zeigt, dass es eben vielfach nicht das Fehlen finanzieller Mittel ist, welches eine wirtschaftliche Entwicklung in westlichem Sinne verhindert, sondern das politisch-kulturelle Umfeld. Außenstehende können hier wenig tun.

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