Kann eine ökologisch orientierte Wirtschaft dazu beitragen, die Armut zu verringern? In drei Wochen beginnt in Rio de Janeiro die Konferenz der Vereinten Nationen zu nachhaltiger Entwicklung, kurz Rio+20 genannt; die Vorverhandlungen laufen schon jetzt. In ihnen ist die Frage, ob grünes Wachstum die Armut bekämpfen kann, ein wichtiger Streitpunkt.

Vor 40 Jahren, auf der ersten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm, erklärte die damalige indische Ministerpräsidentin Indira Ghandi noch: "Armut ist der größte Umweltverschmutzer". Erst müsse die Armut verringert werden, dann könnten wir uns um den Umweltschutz kümmern. Ähnliche Argumente sind derzeit auch in Deutschland zu hören: Umwelt- und Klimaschutz seien etwas für Zeiten, in denen die Wirtschaft wachse. In Zeiten schwacher Konjunktur müssten den Unternehmen diese Ausgaben aber erspart bleiben.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) unter der Leitung des Deutschen Achim Steiner hat im vergangenen Jahr ein Konzept der Green Economy vorgelegt, mit dem sie dieses Denken überwinden wollte. Zwei Mythen will die Unep widerlegen: Erstens, dass wirtschaftliche Entwicklung und ökologische Nachhaltigkeit nicht miteinander vereinbar seien und zweitens, dass sich deshalb nur die reichen Länder den Luxus einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaft leisten könnten.

Das Unep macht eine ganz andere Rechnung auf: Ab etwa 2017 werden seinen Berechnungen zufolge mit Investitionsstrategien, die sich an grünen Zielen orientieren, höhere Wirtschaftswachstumsraten erzielt als mit herkömmlichen Strategien. Der Abstand vergrößert sich bis 2040 immer mehr. Gleichzeitig werden durch eine grüne Investitionsstrategie die Treibhausgasemissionen verringert, die Wälder geschützt, die Landwirtschaft produktiver gemacht sowie die Städte mit energieeffizienter Infrastruktur versorgt. Es werden Arbeitsplätze geschaffen, und die Armut wird verringert.

Die notwendige Investitionssumme dafür beläuft sich dem Unep zufolge auf weniger als ein Zehntel der globalen jährlichen Bruttoinvestitionen. Um nachhaltiges Wachstum und Einkommenszuwächse zu sichern, würde es ausreichen, zwei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung jährlich in zehn verschiedenen Sektoren so zu investieren, dass ökologische Ziele Vorrang bekommen.

Wer Natur nutzt, soll zahlen

Ein wichtiges Element der Vorschläge: Für die Nutzung von Naturkapital soll bezahlt werden. Wer es pflegt, etwa indem er Tropenwälder oder bedrohte Arten schützt, muss im Gegenzug entlohnt werden. Dadurch verändern sich Preis- und Kostenstrukturen, und ökologische Investitionen werden attraktiver. 

Dennoch ist das Konzept der Green Economy auf den Vorverhandlungen zu Rio+20 heiß umstritten, und zwar sowohl zwischen reichen und armen Ländern als auch innerhalb dieser beiden großen, heterogenen Gruppen. Ein Problem ist, dass die Erfolge einer grünen Investitionsstrategie sich erst nach etwa zehn Jahren umstellen. Zuvor verursacht sie Zusatzkosten. Daraus ergeben sich Fragen: Wer gewinnt, wer verliert? Wie verteilt sich das globale Wachstum auf die unterschiedlichen Sektoren und Länder? Wer trägt die Übergangskosten? Wohin mit den nicht mehr nachgefragten Arbeitskräften und woher sollen die mit den neuen Qualifikationsprofilen kommen?