NachhaltigkeitMit grünem Wachstum gegen die Armut

Eine ökologische Modernisierung der Wirtschaft würde armen Ländern helfen, sagt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Aber das Konzept ist umstritten. von Imme Scholz

Vier ghanaische Kinder stehen im Dorf Brepaw Kpeti vor der Wand einer Lehmhütte

Vier ghanaische Kinder stehen im Dorf Brepaw Kpeti vor der Wand einer Lehmhütte (Archivbild)  |  © dpa

Kann eine ökologisch orientierte Wirtschaft dazu beitragen, die Armut zu verringern? In drei Wochen beginnt in Rio de Janeiro die Konferenz der Vereinten Nationen zu nachhaltiger Entwicklung, kurz Rio+20 genannt; die Vorverhandlungen laufen schon jetzt. In ihnen ist die Frage, ob grünes Wachstum die Armut bekämpfen kann, ein wichtiger Streitpunkt.

Vor 40 Jahren, auf der ersten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm, erklärte die damalige indische Ministerpräsidentin Indira Ghandi noch: "Armut ist der größte Umweltverschmutzer". Erst müsse die Armut verringert werden, dann könnten wir uns um den Umweltschutz kümmern. Ähnliche Argumente sind derzeit auch in Deutschland zu hören: Umwelt- und Klimaschutz seien etwas für Zeiten, in denen die Wirtschaft wachse. In Zeiten schwacher Konjunktur müssten den Unternehmen diese Ausgaben aber erspart bleiben.

Anzeige

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) unter der Leitung des Deutschen Achim Steiner hat im vergangenen Jahr ein Konzept der Green Economy vorgelegt, mit dem sie dieses Denken überwinden wollte. Zwei Mythen will die Unep widerlegen: Erstens, dass wirtschaftliche Entwicklung und ökologische Nachhaltigkeit nicht miteinander vereinbar seien und zweitens, dass sich deshalb nur die reichen Länder den Luxus einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaft leisten könnten.

Imme Scholz

ist stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), einem der führenden Institute weltweit in Fragen globaler Entwicklung und internationaler Entwicklungspolitik.

Das Unep macht eine ganz andere Rechnung auf: Ab etwa 2017 werden seinen Berechnungen zufolge mit Investitionsstrategien, die sich an grünen Zielen orientieren, höhere Wirtschaftswachstumsraten erzielt als mit herkömmlichen Strategien. Der Abstand vergrößert sich bis 2040 immer mehr. Gleichzeitig werden durch eine grüne Investitionsstrategie die Treibhausgasemissionen verringert, die Wälder geschützt, die Landwirtschaft produktiver gemacht sowie die Städte mit energieeffizienter Infrastruktur versorgt. Es werden Arbeitsplätze geschaffen, und die Armut wird verringert.

Die notwendige Investitionssumme dafür beläuft sich dem Unep zufolge auf weniger als ein Zehntel der globalen jährlichen Bruttoinvestitionen. Um nachhaltiges Wachstum und Einkommenszuwächse zu sichern, würde es ausreichen, zwei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung jährlich in zehn verschiedenen Sektoren so zu investieren, dass ökologische Ziele Vorrang bekommen.

Wer Natur nutzt, soll zahlen

Ein wichtiges Element der Vorschläge: Für die Nutzung von Naturkapital soll bezahlt werden. Wer es pflegt, etwa indem er Tropenwälder oder bedrohte Arten schützt, muss im Gegenzug entlohnt werden. Dadurch verändern sich Preis- und Kostenstrukturen, und ökologische Investitionen werden attraktiver. 

Dennoch ist das Konzept der Green Economy auf den Vorverhandlungen zu Rio+20 heiß umstritten, und zwar sowohl zwischen reichen und armen Ländern als auch innerhalb dieser beiden großen, heterogenen Gruppen. Ein Problem ist, dass die Erfolge einer grünen Investitionsstrategie sich erst nach etwa zehn Jahren umstellen. Zuvor verursacht sie Zusatzkosten. Daraus ergeben sich Fragen: Wer gewinnt, wer verliert? Wie verteilt sich das globale Wachstum auf die unterschiedlichen Sektoren und Länder? Wer trägt die Übergangskosten? Wohin mit den nicht mehr nachgefragten Arbeitskräften und woher sollen die mit den neuen Qualifikationsprofilen kommen?

Leserkommentare
  1. Wo sollen die vielen neuen Menschen noch hin?
    und vor allen Dingen wer ernährt sie auf Dauer?

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tom310
    • 30. Mai 2012 2:37 Uhr

    Nebeneinander sitzend passt die gesamte Weltbevölkerung auf die Insel Mallorca.

  2. Die Erfahrung hat gezeigt, dass steigender Lebensstandard mit schrumpfender Bevölkerungszahlen gleich zu setzen ist. So einfach ist es. Also keine Angst vor mehr Wohlstand für unsere Mitmenschen in anderen Ländern.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • spacko
    • 29. Mai 2012 21:00 Uhr

    Die Erfahrung hat gezeigt, dass Verbesserung der Lebensbedingungen (sei es durch medizinische Versorgung, Entwicklungshilfe etc) für "unsere Mitmenschen in anderen Ländern" zunächt mal mehr Kinder bringt und nicht mehr Wohlstand. Die Bevölkerungsexplosion frisst das Wirtschaftswachstum einfach weg.
    Moderner Wohlstand lässt sich in archaischen Kulturen nicht installieren. Erklären Sie mal grüne Politik in Somalia oder auch nur in Ägypten...

    Ja, die schrumpfende Bevölkerung steht am Ende der Entwicklung. Deutschland hat für den demographischen Übergang ca. 100 Jahre gebraucht, China circa 30 Jahre, aber auch nur wegen repressiver und gewalttätiger Mittel.

    Aber die Staaten dort stehen noch am Anfang der Entwicklung. Und die ersten Schritte dieser Entwicklung sind ersteinmal steigende Bevölkerungszahlen. Mit steigender wirtschaftlicher Prosperität werden sie diese Entwicklung auch in ihrem Portemonnaie nachzeichnen können.

  3. mit grüner Technologie, indem wir ihr Essen in unseren Tanks verfahren.
    http://www.focus.de/wisse... und
    http://www.zeit.de/wirtsc...

    2 Leserempfehlungen
  4. es wird uns nichts anderes übrig bleiben.

    Peak Oil, Auseinandersetzungen, auch militärische, um knapper werdende Rohstoffe, galoppierender Flächenverbrauch, sinkende Bevölkerungszahlen in den entwickelten Ländern, wie soll da wohl Dauerwachstum aufrecht erhalten werden?

    Bis zur industriellen Revolution hat es übrigens praktisch kein Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens gegeben. Die klassische Ökonomie (Adam Smith, David Ricardo) interessiert sich denn auch wenig für eine Wachstumstheorie, sondern - und hier wird es spannend - viel mehr für eine Verteilungstheorie.

    Und genau hier liegt der Grund für den Wachstumsfetischismus der politischen Klasse. Wachstum ist die unpolitischste Lösung zur Befriedung der ökonomisch abgehängten Wohlstandsverlierer. Es ist die Hoffnung, der Trickle-down-Effekt werde etwas Wohlstandszuwachs auch bis zu den unteren Schichten durchsickern lassen.

    Als Automatismus, sozusagen.

    Denn dann braucht man sich keine Gedanken über Verteilungsgerechtigkeit zu machen. Eine andere Verteilung des Wohlstands als die gegenwärtige würde Konflikte mit zumeist ja privilegierten Klassen heraufbeschwören.

    Also:
    "Je höher das Wachstum, (...) desto sicherer die Herrschaft" (Elmar Altvater)

    k.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tobmat
    • 30. Mai 2012 13:47 Uhr

    "Bis zur industriellen Revolution hat es übrigens praktisch kein Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens gegeben."

    Schön wäre es gewesen, woran sie das fest machen und warum das so gewesen sei. Nebenbei hat das Pro-Kopf-Einkommen nicht zwangsläufig etwas mit Wirtschaftswachstum zu tun.
    Die Wirtschaft kann sehr wohl unabhängig vom Pro-Kopf-Einkommen wachsen. Das ganze nennt sich Bevölkerungswachstum. Das ist nebenbei eine der Hauptquellen für Wirtschaftswachstum. Die andere Quelle ist Technologie.
    Beides zusammen ist die Quelle des massiven Wachstums seit der industriellen Revolution. Grenzen von beiden Quellen werden bisher vermutet, sind langfristig aber reine Spekulation und damit ist auch ein Ende des Wachstums langfristig nicht absehbar.

    • spacko
    • 29. Mai 2012 21:00 Uhr

    Die Erfahrung hat gezeigt, dass Verbesserung der Lebensbedingungen (sei es durch medizinische Versorgung, Entwicklungshilfe etc) für "unsere Mitmenschen in anderen Ländern" zunächt mal mehr Kinder bringt und nicht mehr Wohlstand. Die Bevölkerungsexplosion frisst das Wirtschaftswachstum einfach weg.
    Moderner Wohlstand lässt sich in archaischen Kulturen nicht installieren. Erklären Sie mal grüne Politik in Somalia oder auch nur in Ägypten...

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich glaube, dass es nicht wenig Menschen gibt, die es insgeheim gut finden, dass wir Reichen in anderen Ländern so etwas wie "Sklaven" haben, die für uns billig landwirtschaftliche Produkte produzieren. Derselbe Umstand scheint hierzulande auch dafür zu sorgen, dass es ein bedauernswertes Bildungssystem gibt, dass vielen Menschen bewusst Chancen versalzt. Gäbe es mehr Bildung, gäbe es weniger Leute, die billig die Drecksarbeit machen. Reifere und besser gebildete Leute würden sich nicht so leicht von den Mächtigen verhohnepiepeln lassen, oder?

  5. Ich glaube, dass es nicht wenig Menschen gibt, die es insgeheim gut finden, dass wir Reichen in anderen Ländern so etwas wie "Sklaven" haben, die für uns billig landwirtschaftliche Produkte produzieren. Derselbe Umstand scheint hierzulande auch dafür zu sorgen, dass es ein bedauernswertes Bildungssystem gibt, dass vielen Menschen bewusst Chancen versalzt. Gäbe es mehr Bildung, gäbe es weniger Leute, die billig die Drecksarbeit machen. Reifere und besser gebildete Leute würden sich nicht so leicht von den Mächtigen verhohnepiepeln lassen, oder?

  6. und Ausgaben in Bereichen, die einen ökologischen
    Umbau der Wirtschaftssektoren fördern, sind ein wichtiger Teil der Maßnahme. Die Reform teurer und umweltschädlicher Subventionen (...)
    Instrumente wie Steuern, Anreize und handelbare Zertfikate und Quoten sind für die Förderung ökologischer Investitionen und Innovationen wichtig. (...) Wichtig ist die Stärkung der globalen Regierungsführung und internationaler Mechanismen für den Übergang zu einer ökologischen Marktwirtschaft."

    Zitiert aus:
    http://www.unep.org/green...

    Tatsache ist:
    Staatliche Investitionen und Ausgaben fließen in die Rettung des Bankensektors.
    Subventioniert werden und bleiben u.a. Atomwirtschaft, Kohle und konventionelle Landwirtschaft, ökoogische Investitionen und Subventionen werden hingegen gekürzt.
    Die Finanztransaktionssteuer wird nicht einmal innerhalb der EU durchgesetzt, soviel zu globaler Regierungsführung.

    So wichtig und richtig das Umweltprogramm der UN ist, es wird nur nichts davon freiwillig umgesetzt werden. Erst, wenn es keine andere Wahl mehr gibt.

    k.

    Eine Leserempfehlung
  7. Ja, die schrumpfende Bevölkerung steht am Ende der Entwicklung. Deutschland hat für den demographischen Übergang ca. 100 Jahre gebraucht, China circa 30 Jahre, aber auch nur wegen repressiver und gewalttätiger Mittel.

    Aber die Staaten dort stehen noch am Anfang der Entwicklung. Und die ersten Schritte dieser Entwicklung sind ersteinmal steigende Bevölkerungszahlen. Mit steigender wirtschaftlicher Prosperität werden sie diese Entwicklung auch in ihrem Portemonnaie nachzeichnen können.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service