Viele in Europa setzen große Hoffnungen in François Hollande. Für sie könnte er zum Held werden, der sich dem Spardiktat von Bundeskanzlerin Angela Merkel widersetzt und ein Ende des Kaputtsparens durchsetzt. Die Konservativen haben die Gefahr begriffen: Die Zeitung Die Welt hat die deutschen Sozialdemokraten bereits als "Vaterlandsverräter" bezeichnet, weil sie offen die Forderung des französischen Präsidenten nach einer Neuverhandlung des Fiskalpakts unterstützen.
Doch bereits am Wochenende war in Nordrhein-Westfalen zu sehen, dass der Sparmeisterin Merkel die Wähler weglaufen, genauso wie die Bürger in Griechenland mit ihrem Stimmzettel eine Politik abgelehnt haben, die Schulden allein durch Sparen reduzieren will. Man kann auch in Irland ein Scheitern des Referendums zum Fiskalpakt in vierzehn Tagen nicht mehr ausschließen – was es für Hollande leichter machen wird, den Pakt neu zu verhandeln.
Am Dienstag trifft Hollande zum ersten Mal Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Wie aber könnte ein von dem Franzosen geforderter Wachstumspakt aussehen? Das deutsche konservative Establishment hatte die Lösung bereits gefunden: Es erfand 1997 den berühmten Stabilitätspakt. Aber als Lionel Jospin Premierminister in Frankreich wurde und eine Neuverhandlung des Paktes forderte, einigte man sich einfach auf einen neuen Namen: Stabilitäts- und Wachstumspakt. Inhaltlich änderte sich nichts. Könnten die Deutschen das nicht auch mit Hollande machen? Die Antwort lautet: Nein, denn nun ist ein echter Politikwechsel notwendig.
Sparen und Wachstum passen zusammen
Aber wie findet Europa zurück zu Wachstum? Drei Schulen lassen sich unterscheiden, die jede für sich problematisch ist.
Für die Fundamentalisten können nur ein harter Sparkurs und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft Wachstum sichern. Allerdings vergessen sie, dass wenn der private Sektor stagniert, Sparen bei öffentlichen Ausgaben, Gehältern und höhere Steuern die Krise notwendigerweise verschärft. Ihr Gedächtnis ist zudem kurz: 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, konnten sich alle wichtigen Staaten der Welt darauf einigen, die Nachfrage zu stimulieren. Länder, die sich dabei am meisten vorgewagt haben, insbesondere die Vereinigten Staaten mit ihrem Präsident Barack Obama und Deutschland mit seinem sozialdemokratischen Finanzminister Peer Steinbrück, sind am schnellsten wieder aus der Krise herausgekommen. Südeuropa, das sich vor neuen Schulden gescheut hat, fällt heute wieder in die Rezession, und der erbarmungslose Sparkurs führt nur zu wachsenden Schulden. Diese Politik ist gescheitert.
Die Zentristen plädieren für "schumpeterianisches" Wachstum durch Innovation. Sie warnen vor einem schuldenfinanzierten Wachstum und schlagen stattdessen Strukturreformen vor, die das Produktionspotenzial erhöhen sollen. Diese Politik mag langfristig das europäische Sozialmodell absichern, aber sie wird ihre Wirkung erst nach Jahren oder Jahrzehnten entfalten. Sie hilft den Arbeitslosen von heute nicht, denn in der gegenwärtigen Rezession ist die Nachfrage nicht ausreichend. Wie also sollte ein Wachstum, das das Angebot erhöht – ohne die Nachfrage zu stimulieren – aus der Krise führen?
Kommentare
wind of change
es bewegt sich was in merkelland-und ist nicht mehr "alternativlos"!
......
[Europa braucht eine Wirtschaftsregierung]
Und schon wieder falsch - liebe Zeit-Redaktion.
Keins der Drei und auch nicht Ihre Antwort auf die Probleme, wird zu einer Lösung führen.
[Europa ist nicht das Privateigentum der Mitgliedstaaten und ihre Regierungen]
Aber dafür die der Banker, die durch die Reichen ihre Macht schöpfen.
Ich weiß nicht ob "Europa braucht eine Wirtschaftsregierung"...
....falsch ist oder nicht. Sicher ist jedoch, dass es vom Wähler irrsinnig wäre das zuzulassen, bevor ein weit besseres Kontrollsystem sicher stellt, dass diejenigen, denen er Macht über sich damit verleiht, viel enger und robuster kontrolliert werden und Strafen bei Missverhalten und grobe Fahrlässigkeit verlässlich sind. Das ist momentan nicht gewährleistet und wir zahlen einen horrenden Preis dafür.
Guter Artikel...
...Danke.
Halt nein...
...ich widerrufe meine Aussage, ich hatte die zweite Seite übersehen.
Strukturreformen können sehr schnell wirken
Wenn man in Spanien die übertriebenen Abfindungen abschafft und den Kündigungsschutz lockert, wird das ganz schnell zu mehr Beschäftigung führen.
Ich bin selbst Unternehmer und aus dieser Perspektive stellt man sich immer die Frage:
Welches Risiko für meine Existenzgrundlage gehe ich ein, wenn ich Mitarbeiter einstelle?
Kann ich nicht auf wirtschaftliche Veränderungen reagieren und gehe ich dabei ein hohes Risiko eines wirtschaftlichen Ruins ein, lasse ich es einfach. Ändert man allerdings die Rahmenbedingungen, bin ich sehr schnell bereit mehr Leute einzustellen.
Wenn die lieben Unternehmer nicht ...
... jede noch so kleine Lücke in unseren Gesetzen ausnutzen würden (siehe Amazon mit 1 Jahr Einstellungen) - dann hätten wir eh nicht so viele Probleme. Es liegt nicht immer an der Politik, sondern durchaus auch an den sogenannten "Leistungsträgern", die dann das Seminar "Wie quetsche ich Arbeitskräfte aus" besuchen.
Auch wenn Unternehmer (ich bin auch einer) es selten begreifen: Irgendwann habe ich alle Voraussetzungen ruiniert, zu denen Menschen in .de anständig leben können (siehe wachsende Zeitarbeit ohne konstante Perspektive) - da hilft auch das Rausreden nach mehr Flexibilität nicht.
Man muss eben die Komponente Mensch mal als eine hohe Priorität in sein Unternehmensprofil einbauen. Das ist - diplomatisch formuliert - ein bisschen abhanden gekommen, in den letzten 40 Jahren. Nannte sich mal soziale Marktwirtschaft.
Wird Zeit, dass wieder ALLE von Wirtschaftsaufschwüngen profitieren - lustigerweise können dann die ach so neoliberal verseuchten Unternehmer vermutlich auch sehen, dass die Menschen dann wieder mehr einkaufen und sie sich durch anständige Löhne doch nicht in die Insolvenz getrieben haben.
Ich hoffe, dass Hollande der Anfang dieser Einsicht ist.