Es gibt wohl kaum ein Thema, bei dem sich die Deutschen schneller einig sind als die Inflation . Das kann bedeuten, dass man darüber nicht weiter nachzudenken braucht. Es kann aber auch bedeuten, dass man es gerade tun sollte, denn die Welt ist kompliziert und alles hat mindestens zwei Seiten.

Denken wir also ein wenig über die Inflation nach, von der nun wieder die Rede ist, weil die Bundesbank steigende Preise prognostiziert und in Frankreich ein Sozialist an die Macht gekommen ist.

Wer sich mit der Inflation beschäftigt, der muss mit Weimar beginnen. Die Hyperinflation nach dem ersten Weltkrieg bereitete – so wird es gelehrt – den Nazis den Weg und verankerte die Angst vor steigenden Preisen im kollektiven Unterbewusstsein der Deutschen. An dieser Stelle fällt eine erste Merkwürdigkeit auf: Die Hyperinflation ging 1923 zu Ende, Hitler kam erst zehn Jahre später an die Macht. Der Aufstieg der Nationalsozialisten nahm an Fahrt auf, als in Deutschland wegen der weltweiten Depression die Arbeitslosigkeit nach oben schoss – nicht aber das Preisniveau.

Inflation in den goldenen Sechzigern

Wer sich mit der Inflation beschäftigt, der kommt auch an Ludwig Erhard nicht vorbei. Der Vater des Wirtschaftswunders hat die Inflation als "entschädigungslose Enteignung zu Gunsten der öffentlichen Hand" bezeichnet und wird damit auch heute noch gerne zitiert. Seltsam nur – die zweite Merkwürdigkeit –, dass die Teuerungsrate in den goldenen Sechzigerjahren im Schnitt bei 2,4 Prozent lag. Das ist deutlich mehr als in der vergangenen Dekade, in der die Preise um nur 1,7 Prozent jährlich stiegen. Offensichtlich ist die Sache mit der Inflation also komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

Das liegt unter anderem daran, dass vor allem ihre unangenehmen Folgen diskutiert werden, nicht aber ihre weniger unangenehmen Ursachen. Die Folge der Inflation ist, dass alles teurer wird. Ihre Ursache ist sehr häufig ein Anstieg der Einkommen. Für die meisten Unternehmen sind Löhne und Gehälter der wichtigste Kostenblock. Wenn diese Kosten steigen, dann wird das auf die Warenpreise umgelegt, die dann ebenfalls steigen. Wenn das korrekt ist, dann heißt das erstens, dass der Preisanstieg nicht so schlimm ist, weil die Menschen zugleich auch mehr verdienen.

Und es heißt zweitens, dass die Inflation eine Begleiterscheinung einer brummenden Wirtschaft ist. Denn nur wenn es gut läuft, können die Arbeitnehmer höhere Löhne durchsetzen. Deshalb war die Teuerung im Boom der Sechzigerjahre höher als in der Krise der Nullerjahre. Wer die Inflation bekämpfen will, der muss in Kauf nehmen, dass die Wirtschaft weniger stark brummt.

Daraus lässt sich nun aber nicht der Schluss ziehen, dass die Politik eine maximale Inflation anstreben sollte. Dann wäre Simbabwe eines der reichsten und nicht eines der ärmsten Länder der Welt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die steigenden Preise die Menschen nervös machen und die Lohnsteigerungen jedes Maß verlieren.