EuropaSarkozy, der Gelegenheitseuropäer

Nicolas Sarkozy konnte als begeisterter Europäer auftreten, wenn es ihm passte. In Brüssel würden ihn trotzdem nicht viele vermissen. von 

Nicolas Sarkozy

Nicolas Sarkozy  |  © Lionel Bonaventure/AFP/GettyImages

Am Mittwoch, als Nicolas Sarkozy im Fernsehduell versuchte, mit allen Mitteln das Blatt noch einmal zu seinen Gunsten zu wenden, ging es auch um Europa . Inkompetent sei er, attackierte Sarkozy seinen Kontrahenten François Hollande . Keine Ahnung habe er, wie Europa funktioniert. "Es reicht nicht, in einem feinen Anzug bei einem europäischen Gipfel zu erscheinen", giftete der noch amtierende Präsident. Auch könne man dort, in Brüssel , nicht einfach mit der Faust auf den Tisch schlagen.

In Brüssel haben sie an dieser Stelle herzlich gelacht. Nicht wegen der Anzüge; die saßen in den vergangenen fünf Jahren bei Sarkozy stets tadellos. Aber dass ausgerechnet er, der große Egomane, nun darüber doziert, wie man in der EU Kompromisse schmiedet – das war dann doch eine Überraschung.

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Die Jahre mit Sarkozy waren aus Brüsseler Sicht eine turbulente Zeit. Ganz am Anfang, da war er kaum im Amt, hatte sich der Präsident selbst eingeladen, um an einem Treffen der europäischen Finanzminister teilzunehmen. Diplomatisch ein ungewöhnlicher Vorgang. Noch ungewöhnlicher war der Verlauf der Sitzung. Sarkozy dozierte über seine Pläne, er erklärte, warum Frankreich die verabredeten Defizitkriterien erst später erreichen werde.

Als ihm der damalige deutsche Ressortchef Peer Steinbrück widersprach, verbat sich der Franzose erbost jede Kritik – von einem Finanzminister. Noch Tage später war Sarkozy so aufgebracht, dass er Angela Merkel aufforderte, Steinbrück aus ihrem Kabinett zu entlassen. Das Duo Merkozy lag noch in weiter Ferne.

Ein Jahr darauf, im Juli 2008, übernahm Frankreich für sechs Monate die Ratspräsidentschaft der EU. Und Sarkozy, der Hyperaktive, war zur richtigen Zeit der richtige Mann an der richtigen Stelle. Als russische Panzer in Georgien eindrangen, vermittelte Sarkozy im Namen der EU einen Friedensplan. Auch als die weltweite Bankenkrise ausbrach, war der EU-Ratspräsident zur Stelle. Am Ende bekam der Franzose Lob von allen Seiten. Er selbst erklärte, die sechs Monate an der Spitze der EU hätten ihn verändert: "Man versteht, dass Europa zweifellos die schönste Idee ist, die im 20. Jahrhundert entwickelt worden ist."

Leidenschaftlich und sprunghaft

Diese Erkenntnis hat ihn vor weiteren Alleingängen nicht bewahrt. Vor allem die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Catherine Ashton , könnte von der Unberechenbarkeit Sarkozys berichten. Auch für Jean-Claude Juncker , den Chef der Eurogruppe, ist der Franzose im Laufe der Jahre zu einem roten Tuch geworden. Dass der Franzose nun im Wahlkampf offen gegen die Reisefreiheit und andere europäische Errungenschaften agitiert, das haben auch die Vertreter des EU-Parlaments und der EU-Kommission aufmerksam registriert.

Viele werden es daher nicht sein, die ihn in Brüssel vermissen, falls Sarkozy die Wahl an diesem Sonntag verliert. Zu sehr spiegelt dessen europäische Bilanz die großen Stärken und noch größeren Schwächen dieses Präsidenten: Führungsstärke gepaart mit Unberechenbarkeit, spontanes Engagement mit mangelnder Ausdauer, Leidenschaft mit Sprunghaftigkeit. Wenn es ihm passte, konnte Sarkozy als großer Europäer auftreten. Passte es nicht, verkörperte er umstandslos das Gegenteil.

Leserkommentare
  1. aber bitte mal ehrlich Ashton, Van Rompuy, Barroso und Martin Schulz.

    Keinen der vier oben genannten würden viele vermissen wenn sie aus dem EU Parlament vertrieben würden.

    Der einzige den ich vermissen würde wäre Nigel Farage.

    Hoffe das wird jetzt nicht zensiert:

    http://www.youtube.com/wa...

    6 Leserempfehlungen
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    Insofern ist es schade, dass Sie die Seriosität Ihrer Negativ-Aufzählung mit der Vertrauensbekundung an einen Anti-Integrationisten beschädigen.

    Tatsächlich leidet die EU unter einer Führungskrise, weil Barroso, van Rompuy und Schulz Schwierigkeiten haben, Europa von der administrativen Ebene auf eine sinnstiftende politische Ebene anzuheben.

    • joG
    • 04. Mai 2012 16:57 Uhr

    ....sehr gut verstehe und die Genannten Herrn auch ziemlich schlimm finde, will ich doch anführen, dass mE nur Berlusconis Lieblingsschauspieler im Parlament ist.

    Was denken Sie, wieviele sogar auf das gesamte EU-Parlament verzichten möchten?

    Ich sage zurück zur Wirtschaftsunion im Sinne des früheren EWR.

  2. Insofern ist es schade, dass Sie die Seriosität Ihrer Negativ-Aufzählung mit der Vertrauensbekundung an einen Anti-Integrationisten beschädigen.

    Tatsächlich leidet die EU unter einer Führungskrise, weil Barroso, van Rompuy und Schulz Schwierigkeiten haben, Europa von der administrativen Ebene auf eine sinnstiftende politische Ebene anzuheben.

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    UKIP ist, übrigens ähnlich wie die Piraten oder die Linke in Deutschland (die schwarz-braunen Prügel- und Folklorevereine lasse ich hier bewußt weg), ein Indikator, daß die Politik in Europa nicht so funktioniert wie sie funktionieren sollte. Das beste Mittel gegen solche Parteien ist gute Politik. Und diese findet im Moment in Europa nicht statt.

    • Glik
    • 04. Mai 2012 16:21 Uhr

    "Es werden ihn viele vermissen" ... Ist so ein Nachruf nicht a bisserl früh zwei Tage vor der Wahl?
    Es mag ja der Wunsch der Vater des Gedankens sein beim Autor - guter Stil ists jedenfalls nicht.

    Ansonsten stimme ich der #1 zu: In Brüssel könnten viele "nicht vermisst" werden. Praktisch die meisten sogar - und das ist die wahre Schade der EU über die letzten Jahrzehnte.
    Ich wette, maximal 1% der Bevölkerung ist in der Lage, mehr als 3 oder 4 Brüssler 'Spitzen' zu benennen - wenn überhaupt. Dafür können die aber ganz schön Unfug anrichten und sind ganz schön teuer.

    3 Leserempfehlungen
  3. „Merkel brauche sich daher vor Hollande nicht zu fürchten. Ähnlich wie Union oder SPD fordere auch Frankreichs Sozialistische Partei eine Stärkung des Europäischen Parlamentes und der Europäischen Kommission.“

    Merkel nicht,aber das deutsche Volk.

    Ich glaube die WELT bringt es etwas besser auf den Punkt, was ein Sieg von Hollande für die deutsch-französischen Beziehungen bedeutet:

    http://www.welt.de/debatt...

    „Hollandes wirtschaftspolitisches Navigationssystem läuft erkennbar mit stark aktualisierungsbedürftiger Software. Möglicherweise versucht er sogar, mit einer Landkarte aus dem Jahr 1981 durch den Nebel der Globalisierung zu brettern. Den Treibstoff will er mit neuen Schulden bezahlen, für die letztlich Deutschland bürgen soll. Diese Fahrt führt mit relativ großer Wahrscheinlichkeit vor die Wand.“

    Die Absetzbewegungen und Spaltungserscheinungen in der EU sind inzwischen nicht einmal durch die europatrunkenen Zeitjournalisten schön zu schreiben.

    Und scheinbar wird jetzt inzwischen auch in der EZB darüber nachgedacht, einen Teil der Peripherie aufzugeben.

    http://www.wiwo.de/politi...

    Tja, im Zweifel ist Draghi immer noch Italiener und erst dann Europäer. Und daran könnten sich ausnahmsweise unsere Politiker auch mal ein Beispiel nehmen.

    3 Leserempfehlungen
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    im Zweifelsfalle ist Draghi wahrscheinlich am ehesten noch ein Goldman-Sachs-Vertreter, dann Italiener und dann erst Europäer - und als externer Havard-Berater und späterer GS-Vice mit verantwortlich für das "kreative Bilanzieren" der Griechen; und daran haben sich leider unsere und andere Politiker schon zu oft ein Beispiel genommen!

  4. Der nur Quatsch erzählt und die Leute nicht nur unterhält, sondern auch zum Lachen bringt. Das wäre wirklich seriös.

    Diese ganze Politikergilde ist doch - man verzeihe mir: Verrückt geworden durch Machtgeilheit und Karriere.

    Ich sehe das oft so, wir sollen nach ihrer Nase und Pfeife tanzen, obwohl es GANZ ANDERS RUM SEIN MÜSSTE!!!!

    AUSRUFEZEICHEN!!!!!!!!! !!! (Schade hier gibts keine Schriftgröße, würd ich auf 40 setzen)

    4 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 04. Mai 2012 17:00 Uhr

    ....wofür der Wähler sie mandatiert, so brauchen Sie mein lieber Grundgesetz .... Ja! Ein neues Grundgesetz!

    "Ich sehe das oft so, wir sollen nach ihrer Nase und Pfeife tanzen, obwohl es GANZ ANDERS RUM SEIN MÜSSTE!!!!"

    Ich verstehe Ihre Aufregung, sie ist auch meine...(auch wenn sie so witzig schreiben)

    Apropos Clown, ich bin BERLUSCONI BURLESQUEMENTE geschädigt und der ist immer noch da !!!!!(Albtraum aller Albträume)

    Grüße
    Montessori

    • TDU
    • 04. Mai 2012 16:54 Uhr

    "Ulrike Guérot, die Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations, hat unlängst argumentiert, die französischen Sozialisten stünden den deutschen Vorstellungen einer weiteren europäischen Integration sehr viel näher als der bisherige Amtsinhaber."

    Wenn es um die Geldtöpfe geht, muss man keine Angst haben. Da sind sich alle einig trotz Schäuble. Aber nicht täuschen lassen. Frankeich hatte immer die eigenen Interessen zuerst im Blick und hat geschickt gemanagt.

    Da wird es Streit geben mit ihm, sollte Hollande gewinnen. Im Hinblick darauf kommt 2013 sicher von allen Seiten die Empfehlung, Rot-grün zu wählen. Vielleicht schon vor NRW. Da bekommt die deutsch-französiche Freundschaft sogar innenpolitische Qualität.

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    • joG
    • 04. Mai 2012 17:07 Uhr

    ....Council on Foreign Relations, hat unlängst argumentiert, die französischen Sozialisten stünden den deutschen Vorstellungen einer weiteren europäischen Integration sehr viel näher als der bisherige Amtsinhaber."

    Daher ist es ja eine solche Tragödie, wenn ein Sozialist gewinnt. Die übereignen die Souveränität ohne eine anständige Verfassung vorher zu machen. Dieser Schultz sagt sogar, man stelle sich diese Chuzpe vor, der Vertrag von Lissabon wäre gut! Gut für Wen?! muss man fragen und wozu? Eine Vertiefung der EU ist in solchen Händen ein grauenvoller Alptraum.

    • joG
    • 04. Mai 2012 16:57 Uhr

    ....sehr gut verstehe und die Genannten Herrn auch ziemlich schlimm finde, will ich doch anführen, dass mE nur Berlusconis Lieblingsschauspieler im Parlament ist.

    • joG
    • 04. Mai 2012 17:00 Uhr

    ....wofür der Wähler sie mandatiert, so brauchen Sie mein lieber Grundgesetz .... Ja! Ein neues Grundgesetz!

    Eine Leserempfehlung

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