Strukturwandel in NRWEin Riss geht durch Wuppertal

Verlierer im Tal, Gewinner auf dem Berg: Der Strukturwandel hat viele Städte in NRW tief gespalten. In Wuppertal ist der Schnitt besonders tief.

Früh am Morgen sind Wolfgang Clausen und Thomas Riedel gar nicht so weit voneinander entfernt. Nur zwei Kilometer Luftlinie liegen in Wuppertal zwischen der Gesellschaft für berufliche Weiterbildung und der Firma Riedel Communications. Doch in Wirklichkeit trennen die beiden Wuppertaler nicht nur ein paar Straßenblocks. Während der Langzeitarbeitslose Clausen für zwei Euro pro Stunde alte Brückengeländer abschleift, setzt sich Riedel an seinen Schreibtisch und leitet sein Unternehmen. Beide leben in der gleichen Stadt und doch in ganz unterschiedlichen Welten.

Der Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen ist noch lange nicht beendet. Zwar sind die großen, alten Industriekonzerne schon vor Jahrzehnten verschwunden. Fabrikbrachen sind längst stimmungsvolle Kulisse für Konzerte und Kunstausstellungen und ehemalige Kohle-Metropolen wie Dortmund haben sich zu Hochtechnologiestandorten gemausert.

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Doch die Schäden, die der Umbruch im Land verursacht hat, sind noch nicht beseitigt. Die Städte im Ruhrgebiet und die angrenzenden alten Industriezentren wurden in zwei Hälften geteilt. Fährt man durch Städte wie Oberhausen, Essen oder Wuppertal, kann man diese Schnitte besichtigen. In den ehemaligen Arbeitervierteln im Zentrum sind die Menschen auch mittags zu Hause, die Häuser oft heruntergekommen. Ein paar Kilometer weiter werden derweil schicke Neubausiedlungen hochgezogen.

"Die soziale Segregation nimmt zu", sagt Jan Amonn, Sozialwissenschaftler und Mitautor einer Studie der Ruhr-Universität Bochum über die gesellschaftlichen Folgen des Strukturwandels. Die Daten der Forscher zeigen: Die alten Arbeiterstädte in Nordrhein-Westfalen werden zu einer Zweiklassengesellschaft, in der sich Gewinner und Abgehängte voneinander abkapseln und soziale Brennpunkte entstehen. Mal ist es wie in Oberhausen die Südstadt, in der die Arbeitslosenquote auf bis zu 20 Prozent angestiegen ist. Mal wie in Dortmund die Nordstadt.

Und mal das Tal, wie in Wuppertal. In der Innenstadt, die sich mit dem Fluss Wupper durch das hügelige Umland zieht, schlägt sich in manchen Straßenzügen jeder Dritte mit Hartz IV durch. An den Hängen rechts und links darüber leben die Gutverdienenden.

Um zu verstehen, wie es zur Wuppertaler Teilung kam, muss man sich nur die Lebenswege von Wolfgang Clausen und Thomas Riedel anschauen. Als Clausen im Mai 1977 seinen ersten Tag in der Gießerei Sieberts und Hölken hatte, lief die Wuppertaler Wirtschaft auf Hochtouren. Allein Textilfirmen und Metallverarbeitungsbetriebe gaben 10.000 Menschen Arbeit. Damals war auch die Innenstadt ein gutes Viertel. Noch immer kommt man bei einer Fahrt mit der berühmten Schwebebahn an schmucken Jugendstilhäusern vorbei. Nur hat inzwischen nebenan oft ein 1-Euro-Laden aufgemacht.

Denn mit der Stadt ging es schon bald abwärts. Erst wanderten die Textilfirmen nach Asien ab, dann mussten auch die metallverarbeitende Industrie nach und nach die Tore schließen, weil in anderen Ländern billiger produziert wurde. Der Arbeitgeber von Wolfgang Clausen konnte in den Wirren des Strukturwandels noch vergleichsweise lange überleben. Während viele Gießereien schließen mussten, hielt Sieberts und Hölken noch bis 2009 durch. Doch stand auch Clausen nach 32 Jahren Arbeit auf der Straße. 

Leserkommentare
    • Karl63
    • 08.05.2012 um 13:59 Uhr

    ist die tiefere Ursache für die beschriebenen Gegensätze.
    Dennoch stellt sich die Frage, ob das Schicksal von Herrn Clausen nicht auch ein Beleg dafür ist, die Rund um das Arbeitslosengeld II entstandene Bürokratie ist einfach nur ein anderer Weg, um die Probleme zu verwalten.
    Es ist keinesfalls nachvollziehbar, was denn "Wartungsarbeiten an Brückengeländern" bringen sollen, dass man auf dem Arbeitsmarkt verkaufen könnte. Dies ist mehr "Beschäftigungstherapie" denn Beschäftigungsperspektive.

    6 Leserempfehlungen
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    rost abschleifen und neu streichen, damit das teil nicht ganz wegrostet...? natürlich könnte man es auch einfach wegwerfen und ein neues anbringen, passt auch mehr in die mentalität der heutigen zeit.

    rost abschleifen und neu streichen, damit das teil nicht ganz wegrostet...? natürlich könnte man es auch einfach wegwerfen und ein neues anbringen, passt auch mehr in die mentalität der heutigen zeit.

  1. Ohne Ihnen bezüglich der aufgebauschten Bürokratie widersprechen zu wollen (die ihrerseits übrigens leider allzuoft selbst nur eine Beschäftigungstherapie für die Bürokraten ist, angesichts deren Hilflosigkeit und Überforderung, wirklich "zu vermitteln"!), wende ich doch ein, dass Herr Clausen denn doch sinnvoll beschäftigt ist. Er wurde wahrscheinlich nicht unbedingt gefragt, aber möglicherweise verträgt sich seine jetzige Tätigkeit besser mit seinem Stolz, als einfach nur "herumzusitzen" und die Zeit totzuschlagen. Ich sage auch nicht, es sei angemessen, ihn so zu beschäftigen. Aber wenn er jetzt etwas (für die Allgemeinheit?) tut, was sonst niemand tun würde, dann sehe ich darin kein Übel. Gezwungen wird er wohl nicht dazu...

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    • Karl63
    • 08.05.2012 um 18:47 Uhr

    und damit endet diese Form der Beschäftigung nach 6...12 Monaten. Wenn Herr Clausen jetzt ein Problem hat, Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden, dann wird es am Ende einer solchen "Maßnahme" auch nicht besser sein. Der Autor benennt es ja recht deutlich, wo die Defizite im berufsspezifischen Fachwissen von Herrn Clausen liegen - anstatt daran irgend etwas zu verändern, darf er nun eine Tätigkeit ausüben, für die es am "ersten" Arbeitsmarkt mit Sicherheit keine Verwendung gibt.

    blenden sie völlig aus, das es sich hier um einen Einzelfall handelt?
    Immerhin sind an die 4 Millionen arbeitslos, bzw. finden sich an die 7 Mio. im Bezug!

    • Karl63
    • 08.05.2012 um 18:47 Uhr

    und damit endet diese Form der Beschäftigung nach 6...12 Monaten. Wenn Herr Clausen jetzt ein Problem hat, Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden, dann wird es am Ende einer solchen "Maßnahme" auch nicht besser sein. Der Autor benennt es ja recht deutlich, wo die Defizite im berufsspezifischen Fachwissen von Herrn Clausen liegen - anstatt daran irgend etwas zu verändern, darf er nun eine Tätigkeit ausüben, für die es am "ersten" Arbeitsmarkt mit Sicherheit keine Verwendung gibt.

    blenden sie völlig aus, das es sich hier um einen Einzelfall handelt?
    Immerhin sind an die 4 Millionen arbeitslos, bzw. finden sich an die 7 Mio. im Bezug!

    • JayB
    • 08.05.2012 um 14:56 Uhr

    Ich kann mir gut vorstellen, dass auch die Politik so ihre Schuld an der ggw. Lage trägt. Viele Städte im Bergischen hatten genügend Industrie, Mittelstand, Speditionen usw. Häufig wurden jedoch die wirtschaftlichen Bedingungen verschärft, z.B. über höhere Gewerbesteuern, und gerade die kleineren Betriebe ziehen einfach in die nächste Kommune. Solingen, direkt neben Wuppertal gelegen, ist so ein Beispiel. Bis auf ein paar Dinosaurierbetriebe jetzt primär eine Wohnstadt, während weiter im Süden Richtung Rhein und Leverkusen viele Firmen neue Standorte errichten.

  2. @ Meine@Meinung:

    "Gezwungen wird er wohl nicht dazu..."

    Natürlich wird er dazu gewzungen. Sonst wird ihm das Jobcenter wahrscheinlich das ALG II kürzen. Trotzdem, diese Maßnahmen taugen für den Arbeitsmarkt zwar gar nichts, aber als ehemaliger Mitarbeiter des Jobcenters kann ich sagen, dass viele Kunden sie trotzdem dankbar angenommen haben, um etwas zu tun zu haben (und einen geregelten Tagesablauf).

    Kleinigkeit am Rand, liebe Redaktion: Wuppertal liegt nicht im Ruhrgebiet, sondern im Bergischen Land. Auf diese Unterscheidung legen wir hier Wert.

    3 Leserempfehlungen
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    • cvnde
    • 08.05.2012 um 15:23 Uhr

    ex Mitarebeiter eines Jobcenters.

    Das Problem liegt doch aber in Berlin, seit Frau vdL da "rumgeistert" passiert in der effektiven Arbeitsmarktpolitik nichts mehr.

    Die "Griechenland-Krise" hat nochmal eine Gelegeheit mehr gegeben Einschnitte in die aktive Arbeitsmarktpolitik zu begründen.

    Auf der anderen Seite gibt es massive Mitnahme-Effekte durch Firmen.
    Da werden Gelder im zweistelligen Millionenbereich verbraten.

    Dann sitzen sowohl in der Vermitllung als auch in der Leistungsabteilung oft Leute, die "nichts riskieren wollen".

    Stattdessen werden sinnlose Bewerbungsquantita vorgegeben, die erfolglos bleiben.

    Ich habe einen Nachbarn, der kommt aus dem öffentlichen Dienst und hat die Gleichstellung nach § 2 SGB IX.
    Der wird in der gesamten Republik eingeladen und darf dann jeweils den "Quoten-Menschen" machen.

    Aber wenn es denn mal darum geht Zusatzqualifikationen zu erhalten, kommt immer wieder die Antwort, dafür sei kein Geld da.

    Während man aber durchaus bereit ist mehrer tausend Euro im Jahr für sinnlose Reisen auszugeben.

    Denn die Gegenrechnung macht man nicht, was bringt mir ein AN, wenn er 24.000 € brutto p. a. verdient, an Versicherungseinzhalungen und an Steuern.

    • cvnde
    • 08.05.2012 um 15:23 Uhr

    ex Mitarebeiter eines Jobcenters.

    Das Problem liegt doch aber in Berlin, seit Frau vdL da "rumgeistert" passiert in der effektiven Arbeitsmarktpolitik nichts mehr.

    Die "Griechenland-Krise" hat nochmal eine Gelegeheit mehr gegeben Einschnitte in die aktive Arbeitsmarktpolitik zu begründen.

    Auf der anderen Seite gibt es massive Mitnahme-Effekte durch Firmen.
    Da werden Gelder im zweistelligen Millionenbereich verbraten.

    Dann sitzen sowohl in der Vermitllung als auch in der Leistungsabteilung oft Leute, die "nichts riskieren wollen".

    Stattdessen werden sinnlose Bewerbungsquantita vorgegeben, die erfolglos bleiben.

    Ich habe einen Nachbarn, der kommt aus dem öffentlichen Dienst und hat die Gleichstellung nach § 2 SGB IX.
    Der wird in der gesamten Republik eingeladen und darf dann jeweils den "Quoten-Menschen" machen.

    Aber wenn es denn mal darum geht Zusatzqualifikationen zu erhalten, kommt immer wieder die Antwort, dafür sei kein Geld da.

    Während man aber durchaus bereit ist mehrer tausend Euro im Jahr für sinnlose Reisen auszugeben.

    Denn die Gegenrechnung macht man nicht, was bringt mir ein AN, wenn er 24.000 € brutto p. a. verdient, an Versicherungseinzhalungen und an Steuern.

  3. 5. .....

    rost abschleifen und neu streichen, damit das teil nicht ganz wegrostet...? natürlich könnte man es auch einfach wegwerfen und ein neues anbringen, passt auch mehr in die mentalität der heutigen zeit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Karl63
    • 08.05.2012 um 18:40 Uhr

    Also ich habe es nicht explizit erwähnt, aber es sollte doch klar sein: für solche Tätigkeiten hat man früher Leute beschäftigt, die über einen Vollzeitarbeitsplatz mit Sozialversicherung verfügten und entsprechend entlohnt war.
    Zusammen mit den nach Herrn Hartz benannten Reformen ist da eine Grauzone entstanden, denn die Kommunen sollen einerseits überwachen, dass mit solchen Formen der Beschäftigung kein "Missbrauch" betrieben wird. Gleichzeitig profitieren die Kommunen von dieser Form geringfügiger Beschäftigung ganz direkt, weil man so ganz selbstverständlich äußerst kostengünstig Lücken in der (eigenen) Personaldecke schließen kann.
    Anders ausgedrückt, wenn man solche Tätigkeiten wie den Rost an Brückengeländern entfernen über "reguläre" Beschäftigung erledigen lässt, dann werden da keine €2 die Stunde fällig, sondern eher der zehnfache Betrag, inklusive der Lohnnebenkosten.
    All dies ist nichts neues, es scheint aber sinnvoll dies in Bezug auf Ihren Kommentar nochmals zu erwähnen.

    • dsip
    • 08.05.2012 um 20:27 Uhr

    Und den Menschen Clausen stecken Sie vielleicht in die Recyclinganlage, ne?

    • Karl63
    • 08.05.2012 um 18:40 Uhr

    Also ich habe es nicht explizit erwähnt, aber es sollte doch klar sein: für solche Tätigkeiten hat man früher Leute beschäftigt, die über einen Vollzeitarbeitsplatz mit Sozialversicherung verfügten und entsprechend entlohnt war.
    Zusammen mit den nach Herrn Hartz benannten Reformen ist da eine Grauzone entstanden, denn die Kommunen sollen einerseits überwachen, dass mit solchen Formen der Beschäftigung kein "Missbrauch" betrieben wird. Gleichzeitig profitieren die Kommunen von dieser Form geringfügiger Beschäftigung ganz direkt, weil man so ganz selbstverständlich äußerst kostengünstig Lücken in der (eigenen) Personaldecke schließen kann.
    Anders ausgedrückt, wenn man solche Tätigkeiten wie den Rost an Brückengeländern entfernen über "reguläre" Beschäftigung erledigen lässt, dann werden da keine €2 die Stunde fällig, sondern eher der zehnfache Betrag, inklusive der Lohnnebenkosten.
    All dies ist nichts neues, es scheint aber sinnvoll dies in Bezug auf Ihren Kommentar nochmals zu erwähnen.

    • dsip
    • 08.05.2012 um 20:27 Uhr

    Und den Menschen Clausen stecken Sie vielleicht in die Recyclinganlage, ne?

    • cvnde
    • 08.05.2012 um 15:23 Uhr

    ex Mitarebeiter eines Jobcenters.

    Das Problem liegt doch aber in Berlin, seit Frau vdL da "rumgeistert" passiert in der effektiven Arbeitsmarktpolitik nichts mehr.

    Die "Griechenland-Krise" hat nochmal eine Gelegeheit mehr gegeben Einschnitte in die aktive Arbeitsmarktpolitik zu begründen.

    Auf der anderen Seite gibt es massive Mitnahme-Effekte durch Firmen.
    Da werden Gelder im zweistelligen Millionenbereich verbraten.

    Dann sitzen sowohl in der Vermitllung als auch in der Leistungsabteilung oft Leute, die "nichts riskieren wollen".

    Stattdessen werden sinnlose Bewerbungsquantita vorgegeben, die erfolglos bleiben.

    Ich habe einen Nachbarn, der kommt aus dem öffentlichen Dienst und hat die Gleichstellung nach § 2 SGB IX.
    Der wird in der gesamten Republik eingeladen und darf dann jeweils den "Quoten-Menschen" machen.

    Aber wenn es denn mal darum geht Zusatzqualifikationen zu erhalten, kommt immer wieder die Antwort, dafür sei kein Geld da.

    Während man aber durchaus bereit ist mehrer tausend Euro im Jahr für sinnlose Reisen auszugeben.

    Denn die Gegenrechnung macht man nicht, was bringt mir ein AN, wenn er 24.000 € brutto p. a. verdient, an Versicherungseinzhalungen und an Steuern.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Eine Überschrift"
  4. ist eben parasitärer, verfaulender Kapitalismus.....

    Eine Leserempfehlung
  5. "ein Häuflein reicher Aristokraten, die Dividenden und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit einer etwas größeren Gruppe von Angestellten und Händlern und einer noch größeren Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im Transportgewerbe und in den letzten Stadien der Produktion leicht verderblicher Waren; die wichtigsten Industrien wären verschwunden. Die Lebensmittel und Industriefabrikate für den Massenkonsum würden als Tribut aus Asien und Afrika kommen"

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