Europa wird nach Einschätzung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schon bald eine gemeinsame Finanzpolitik bekommen. Es werde schneller gehen, "als das noch vor Kurzem vorstellbar gewesen wäre", sagte Schäuble in einem Interview mit der ZEIT. "Das wird nicht morgen passieren", sagte der Finanzminister. Aber die Chance sei jetzt da.

Schäuble sprach sich zudem für eine europäische Bankenunion und einen europäischen Finanzminister aus. An gemeinsamen Regeln für Bankenrestrukturierungsfonds, Einlagensicherungssysteme und an der Aufsicht werde bereits gearbeitet.

Langfristig kann sich Schäuble dann auch eine gegenseitige Haftung der Euro-Mitgliedsstaaten vorstellen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt seien. "Solange es keine gemeinsame Finanzpolitik gibt, können wir auch die Haftung für die Schulden nicht vergemeinschaften", sagte er. Die Finanzkrise habe gezeigt, dass die Trennung von Risiko und Haftung große Gefahren berge.

Frankreich will ebenfalls politische Integration

Diese Einschätzung teilt der neue französische Premierminister Jean-Marc Ayrault. "Eine Vergemeinschaftung von Schulden verlangt notwendigerweise eine stärkere politische Integration, und die wird mit Sicherheit mehrere Jahre in Anspruch nehmen", sagte Ayrault der ZEIT. Gleichwohl solle auf dem EU-Gipfel Ende Juni in Brüssel über Euro-Bonds gesprochen werden.

In dem Gespräch skizzierte Ayrault die französische Verhandlungsposition für den bevorstehenden EU-Gipfel, die ähnlich der von Schäuble ist: "Wir brauchen eine gemeinsame Bankenaufsicht und mit ihr ein europäisches System der Einlagensicherung. Wir können auch Lösungen finden, die den Zugang der Staaten zu Finanzmitteln erleichtern, zum Beispiel kurzfristige Anleihen oder den Vorschlag des deutschen Sachverständigenrats für einen Schuldentilgungsfonds", sagte Ayrault. Sehr kurzfristig sollte die Rolle des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) gestärkt werden. "Er sollte unter bestimmten Bedingungen als Bank auftreten können", sagte der Regierungschef. Es gebe aber noch Verhandlungsspielraum auf französischer und deutscher Seite.