Es ist absurd. Wieder einmal treffen sich Europas Regierungen in dieser Woche zur Euro-Rettung . Auf dem EU-Gipfel werden sie von Donnerstag an über milliardenschwere Bankenrettungen reden und darüber, dass sie durch teure Programme und Reformen irgendwie das Wirtschaftswachstum wieder ankurbeln könnten. Denn wenn die Wirtschaft wachse, so die Hoffnung, würde endlich wieder alles gut, wenigstens in Europa. Ach ja?

Wir haben doch alle noch die Nachrichten aus Rio im Ohr: So wie bisher dürfen wir nicht weiter wirtschaften und konsumieren! In aller Schärfe wurde das auf dem Erdgipfel klar, zu dem sich die Regierungen aus aller Welt in der vergangenen Woche getroffen hatten. Zwar versagten sie komplett , als es darum ging, aus dieser Erkenntnis auch Konsequenzen zu ziehen und sich zumindest auf ein paar Prinzipien zur Rettung von Klima und Umwelt zu einigen. Trotzdem kann jetzt kaum noch jemand sagen, er wisse nicht um den Zustand und die Zukunft der Erde und die Perspektiven für die Menschheit.

In der vergangenen Woche habe wir es alle gehört: Schneller als je zuvor zerstören wir die Umwelt. Wir leben trotz aller Bemühungen mitnichten nachhaltig. Machen wir so weiter, dann bleibt unseren Kindern wenig . Also müssen sich Produktion und Konsum radikal ändern – oder ganz aufhören zu wachsen .

Was das mit Europa zu tun hat? Wir Europäer produzieren im Moment nachhaltig vor allem eines: Schulden . Weil die inzwischen so bedrohlich sind, dass sie den Euro und möglicherweise auch die Europäische Union sprengen könnten, müssen wir sie loswerden und brauchen also nichts dringender als: Wachstum! Das hat uns schließlich die vergangenen Jahrzehnte immer wieder geholfen.

Ökologie? Nach der Krise!

Deswegen benutzen Sozialdemokraten das W-Wort schon immer gern, Liberale und Grüne fordern es neuerdings wieder lauter (letztere setzen allerdings immer gern das Wörtchen "grün" davor ); und auch viele Konservative haben sich angeschlossen und die Hoffnung übernommen: Wenn die Ökonomie nur erst wieder boomt, wird auch die Politik leichter. Dann sinken die Lasten, dann stabilisiert sich vielleicht auch der Euro, dann kommen der Rest der Wirtschaft und irgendwie auch die Umwelt in Ordnung. Genau deswegen kümmerten sie alle sich wenig um Rio, ums Klima und die Natur, dafür aber viel um die Finanzen und die europäische Wirtschaft. Frei nach dem Motto: Sorry, liebe Ökos, kommt nach der Krise wieder!

Leider ist das genau falsch. Denn wenn wir Europäer auf unseren Gipfeln jetzt so tun, als ob uns der Imperativ von Rio, "Verbraucht weniger!" nichts angehe, dann vergeben wir nicht nur eine große Chance. Wir verdrängen auch eine kostspielige Erkenntnis der vergangenen Jahrzehnte. Die lautet: "Wachstum pur" ist Verschwendung – und ein blödsinniges politisches Ziel.

Entscheidend für den Wohlstand eines Landes ist nicht, ob es wächst, sondern was wächst. Wichtig ist, welche Branchen boomen – und wie ein Land mit den Menschen und Ressourcen umgeht.

Viel zu oft haben wir in der Vergangenheit den einen Fehler gemacht: Erst finanzierten wir mit Schulden einen Boom. Und dann leisteten wir uns Umweltkonferenzen, auf denen über die Folgen gejammert werden durfte. Das aber ändert wenig an unserem Verhalten. Nach der ersten Rio-Konferenz vor zwei Jahrzehnten war das so, und diesmal könnte es ähnlich sein.