Die Europäische Zentralbank (EZB) hält trotz der immer bedrohlicheren Wirtschaftslage den Leitzins in der Euro-Zone bei einem Prozent. Der EZB-Rat ignorierte damit den wachsenden Druck, die Schulden- und Bankenkrise und die schwache Konjunktur mit billigerem Geld zu bekämpfen.

Nach Überzeugung von Beobachtern sieht die Notenbank stattdessen die Politik in der Verantwortung. So hatte sich EZB-Chef Mario Draghi kürzlich für eine Bankenunion in der Euro-Zone ausgesprochen, die eine einheitliche Kontrolle, eine Rettungseinrichtung für Großbanken und eine harmonisierte Einlagensicherung umfassen solle. Zudem forderte Draghi die Regierungen der Euro-Zone dazu auf, eine klare Vision zu präsentieren, wie es mit dem Euro weitergehen soll. "Je schneller das detailliert wird, desto besser ist es."

Die EZB befürchtet nach Meinung von Experten, eine Zinssenkung könnte den nötigen Spardruck von den Regierungen der überschuldeten Staaten nehmen. "Für unveränderte Leitzinsen im Juni spricht, dass die EZB den Druck auf die Politik angesichts der Entwicklung in Griechenland und Spanien derzeit wohl aufrechterhalten möchte", sagte Commerzbank-Ökonom Michael Schubert.

EZB-Rat streitet um richtigen Kurs

Ein Eingreifen wird deshalb erst erwartet, wenn sich die Krise weiter zuspitzen sollte. "Die EZB hat bewiesen, dass sie schnell reagieren kann, wenn auch die Regierungen zu weiteren Anstrengungen bereit sind", sagte der Europa-Chefvolkswirt der Citigroup , Jürgen Michels. Zudem fordere die EZB die Rückendeckung der Politik, bevor sie weitere Maßnahmen ergreife.

Neben einer Zinssenkung könnte die EZB zudem Banken langfristig billiges Geld leihen oder wieder Anleihen überschuldeter Staaten kaufen. Allerdings sind solche Maßnahmen auch innerhalb des EZB-Rats umstritten. So hat aus Sicht von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann die Notenbank bereits die Grenze ihres Mandats erreicht.