Passanten vor Luxuswerbung in Sydney © Torsten Blackwood/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Ekardt, Sie sagen, um wirklich nachhaltig zu leben, müssen wir uns von unserem anspruchsvollen Lebensstil verabschieden: Komplett auf fossile Treibstoffe verzichten, den Konsum reduzieren. Sie verlangen ganz schön viel.

Felix Ekardt: Die Welt bekommt einfach große Probleme, wenn alle unseren Lebensstil nachahmen. Klar: Im Alltag ist es oft schwierig, etwas zu ändern. Die Konsumenten möchten es gerne bequem haben, die Politiker wollen wiedergewählt werden, die Unternehmen fürchten Nachteile im Wettbewerb. Menschlicher Eigennutz und Gewohnheit ergeben eine mächtige Widerstandskraft. Die Konsequenzen sind fatal. Um wirklich nachhaltig zu leben, müssen wir einen Lebensstil finden, der global und über die Zeit hinweg durchhaltbar ist, auch wenn ihn alle anderen imitieren.

ZEIT ONLINE: Die Folgen unseres Lebenswandels sind manchmal schwer einzuschätzen. Wer weiß schon, was in 50 Jahren ist?

Ekardt: Es ist doch völlig klar, dass wir so nicht weitermachen können. Aber der Mensch hat eine Steinzeitpsyche: Er begreift Dinge, die er nicht unmittelbar erlebt, vielleicht mit dem Kopf, aber nicht mit dem Bauch. Deshalb reagiert er viel zu langsam. Auch die angeblichen Klimaschutzerfolge in Europa sind massiv schöngerechnet.

ZEIT ONLINE: Vieles kann man ja auch technisch lösen, durch erneuerbare Energien oder mehr Effizienz .

Ekardt: Ja, aber das wird nicht reichen. Nehmen Sie den Fleischkonsum: Er schadet dem Klima und ist auch unter Landnutzungsaspekten ein Problem. Trotzdem schränken wir ihn nicht ein. Dabei würden wir dadurch sogar gewinnen, denn durch eine andere Ernährung wären wir gesünder und fitter.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie den Menschen vorschreiben, wie sie sich ernähren sollen?

Ekardt: Niemand will entmündigt werden, indem man ihm sagt, was er essen oder wie er reisen soll. In einer liberalen Demokratie ist das plausibel. Wir erleben die Nachhaltigkeit oft als Einschränkung unserer Freiheit. Aber: Nicht nur unsere Freiheit zählt, sondern auch die Freiheit der Menschen in Bangladesch ; und unsere Enkel haben ebenfalls Freiheitsrechte, die durch unser vermeintlich rein privates Verhalten betroffen sind. Die Politik muss dafür sorgen, dass die Menschenrechte künftiger Generationen und der heutigen Armen gewahrt bleiben.

ZEIT ONLINE: Nachhaltigkeit ist im Kern eine Frage von Freiheit und Menschenrechten ?

Ekardt: Ja. Jeder Mensch hat ein Recht auf Freiheit und auf die elementaren Freiheitsvoraussetzungen: auf Nahrung, Wasser , Land , Gesundheit, Abwesenheit von Kriegen, Sicherheit, eine elementare Bildung. Wenn es ihm nicht gelingt, selbst für seine Existenzgrundlage zu sorgen, ist dies Aufgabe der Politik. Das ist Nachhaltigkeit, und das ist völkerrechtlich und rechtsphilosophisch auch begründbar.

ZEIT ONLINE: In der Völkerrechtspraxis hat das aber bisher wenig Niederschlag gefunden. Auf der Rio+20-Konferenz geht es gerade um Nachhaltigkeit. Dort wird eher über ökosoziales Wirtschaften plus Entwicklung diskutiert.