Schuldenkrise: Europa muss mit Griechenland neu verhandeln
Das Sparprogramm ist gescheitert, ein Euro-Austritt keine echte Option. Europa muss Griechenland mehr Zeit geben, um die Probleme zu lösen, kommentiert Marcus Gatzke.
© Simela Pantzartzi/dpa

Demonstranten halten eine griechische Flagge vor dem Parlament in Athen.
Halb Europa schaut auf Griechenland. Ein kleines Land in Südeuropa wählt – zum zweiten Mal binnen weniger Wochen. Egal welche Partei endlich die Regierung anführen wird: Europa muss mit Griechenland über das Spar- und Reformprogramm neu verhandeln, wenn das Land den Euro behalten soll.
Die Risiken eines Austritts wären für die restliche Währungsunion kaum kalkulierbar. Wahrscheinlich ist, dass sich die bereits laufende Kapitalflucht aus dem Süden Europas beschleunigen würde, auch aus Angst, Spanien oder Portugal könnten irgendwann den Euro aufgeben. Die Brandmauern, die das verhindern sollen, reichen nicht aus.
In Griechenland wiederum würde der Bankensektor kollabieren, und das Land könnte sich viele Importgüter kaum noch leisten. Möglicherweise müsste Griechenland den Schuldendienst komplett einstellen, denn die griechischen Staatsschulden verblieben in Euro und wären mit einer abgewerteten Drachme nicht bezahlbar. Treffen würde das vor allem die Europäische Zentralbank und die Euro-Staaten, denn dort liegt mittlerweile der größte Teil der griechischen Schuld.

Marcus Gatzke leitet das Ressort Wirtschaft, Karriere und Auto bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.
Alle Seiten – auch die radikale Linke in Athen – sind sich dieser Gefahren bewusst, trotzdem könnte am Ende ein Austritt Griechenlands stehen. Denn in der Krisenpolitik Europas – allen voran Deutschlands – geht es nicht um Rationalität, sondern um eine fest zementierte Vorstellung von Gerechtigkeit. Und gerecht ist demnach, dass die Griechen schnellstmöglich ihre Schulden selbst begleichen.
Nur führt diese Logik nicht zum Ziel. Das von der Troika überwachte Sparprogramm für Griechenland hat einiges erreicht. Das strukturelle Defizit (ohne konjunkturelle Einflüsse) wurde von 12,9 Prozent in 2009 auf 1,8 Prozent im vergangenen Jahr gesenkt. Eine solche Kraftanstrengung hat es in der Wirtschaftsgeschichte noch nicht gegeben. Nur ist sie nicht ohne Folgen: Das Land steckt seit fünf Jahren in einer tiefen Rezession, die Gesamtschulden sind trotz aller Sparbemühungen immer weiter gestiegen. Ende 2012 wird die Wirtschaft wohl erneut um sechs Prozent geschrumpft sein.
Griechenland steht kurz vor dem Kollaps
Nun steht das Land kurz vor dem Kollaps. Bis tief in die Mittelschicht hinein können die Griechen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, viele Banken sind faktisch pleite – allein die Europäische Zentralbank hält sie über ein Notprogramm künstlich am Leben. Täglich werden dreistellige Millionenbeträge abgehoben und entweder ins Ausland geschafft oder sonstwo deponiert.
Europa verlangt zu Recht eine Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung der Krisenstaaten. Nur dürfen die Spar- und Reformauflagen nicht jegliche Hoffnung auf eine Erholung zunichtemachen. Das Sparprogramm in Griechenland hat das Land geradewegs in eine Depression geführt.
Auch in Spanien ist die Wirtschaft in Folge der Sparbemühungen in eine Rezession abgerutscht. Das falsch konstruierte Hilfspaket für die spanischen Banken hat die Lage noch verschlimmert, Spanien ist faktisch vom Kapitalmarkt abgeschnitten. Hier zeigt Europa Einsicht, das Land hat mehr Zeit bekommen, die Defizitvorgaben zu erfüllen.
Warum soll das nicht auch für Griechenland gelten? Europa muss in der Bekämpfung der Krise einen besseren Ausgleich zwischen Sparen und Wachstum finden. Sonst scheitert die Währungsunion.







Mit sehr vielen Akte, kaum zu bewältigen.
....ja, sehe ich leider auch so. Was für ein himmelsschreiender Wahnsinn.
Deutschland zahlt bis es nicht mehr kann und den anderen Ländern wird jede Chance genommen sich neu zu erfinden.
Nachverhandlungen sind alternativlos geworden, weil der eingeschlagene Weg kein Zurück mehr zulässt. Da wurden elementarste Grundsätze der Staatenführung vernachlässigt....keine Exitstrategie, die Schaden begrenzt, die Risiken werden immer höher. Niemand steht dagegen auf...
Interessant, dass sich unsere Auffassungen nach vielen Wochen sehr kontoverser Diskussionen annähern.
Schön für uns, aber eigentlich kann das nichts Gutes bedeuten. Die Situation ist offenbar noch übler als wir es uns vorgestellt haben.
Grüße
Kommentar 10: "Niemand steht dagegen auf..."
Doch, hier ein Zusammenschluss von nicht-populistischen, nachdenklichen, wissenschaftlich fundierten Menschen: Bündndis Bügerwille, http://buendnis-buergerwi... dort auch weitere Links.
Interessant, dass sich unsere Auffassungen nach vielen Wochen sehr kontoverser Diskussionen annähern.
Schön für uns, aber eigentlich kann das nichts Gutes bedeuten. Die Situation ist offenbar noch übler als wir es uns vorgestellt haben.
Grüße
Kommentar 10: "Niemand steht dagegen auf..."
Doch, hier ein Zusammenschluss von nicht-populistischen, nachdenklichen, wissenschaftlich fundierten Menschen: Bündndis Bügerwille, http://buendnis-buergerwi... dort auch weitere Links.
Ihr Kollege schrieb doch vor kurzem über Argentinien. Auch hier wurde die Währung an eine andere gekoppelt. Nachdem die Wechselkurse freigegeben wurde verlor die eigene Währung gegenüber dem Dollar um mehr als 70 %. Schon nach einem Jahr wuchs die Wirtschaft wieder! Jetzt hat Griechenland aber höhere Schulden als Argentinien (muss man sich mal wegtuen... gemessen an Einwohnerzahl und Fläche...) deswegen dauert der Prozess etwas länger. Die EU darf hier also nicht auf Wachstum beharren.
Die Drachme würde Griechland im Tourismuss stärken. Die meisten Urlauber fliegen genau deswegen in Türkei (Weil billder, wegen der billigerer Währung). Außerdem wird der griechiche Export billiger, damit wettbewerbsfähiger (GR verkauft z.B. Steine, Baumwolle und Aluminium).
Schlussendlich kann man in dem Land auch wieder selber produzieren, weil die Faktoren Arbeit, Boden und Kapital billiger sind. Deswegen kommen andere Firmen von auswärts nach da...
Der Austritt ist Griechland das beste, was diesem Land passieren kann. Irgendwann können die Ihre Schulden auch wieder begleiche (wenn auch nicht zu 100%).
Sie haben übrigens auch Recht: Hier geht es tatsächlich um Gerechtigkeit! Aber auch um Vertrauen, Ehrlichkeit, Respekt und auch Freundschaft (die von de Landeselite schändlich missbraucht wurde).
Den Vergleich mit Argentien habe ich ebenfalls gelesen und ob der Naivität (oder auch Leserverdummung) des Autors nur noch den Kopf geschüttelt.
Argentien hat sich nämlich nach der Loslösung vom US$ kurz aufgebäumt, ist dann aber wieder in seine wirtschaftliche Lethargie zurückgefallen. Diese Lethargie äussert sich unter anderem an den Verstaatlichungen der letzten Zeit und an ganz merkwürdigen Import/Export-Verrechnungen, die ausländischen - insbesondere deutschen - Unternehmen den Spass an Argentiniengeschäften schon seit längerem total genommen haben.
Den Vergleich mit Argentien habe ich ebenfalls gelesen und ob der Naivität (oder auch Leserverdummung) des Autors nur noch den Kopf geschüttelt.
Argentien hat sich nämlich nach der Loslösung vom US$ kurz aufgebäumt, ist dann aber wieder in seine wirtschaftliche Lethargie zurückgefallen. Diese Lethargie äussert sich unter anderem an den Verstaatlichungen der letzten Zeit und an ganz merkwürdigen Import/Export-Verrechnungen, die ausländischen - insbesondere deutschen - Unternehmen den Spass an Argentiniengeschäften schon seit längerem total genommen haben.
Neu verhandeln wäre ein fatales Signal. Es würde zur Folge haben, dass auch andere Länder versuchen würden ihre Auflagen durch zuerst einfaches nicht Ausführen wie in Griechenland und dann durch Neuverhandlungen zu erleichtern. Im Gegensatz zum Autor des Artikels halte ich –wie viele Experten- einen Verbleib von Griechenland im Euro-Raum für nicht kalkulierbar während ein Austritt die Möglichkeit eines Neuanfangs für Griechenland bietet und den restlichen Euro-Sünder-Staaten klar macht, dass es Grenzen der Solidarität gibt. Dies hätte zur Folge, dass wenigstens diese Staaten ihre Auflagen ernst nähmen und alles tun würden, um im Euro-Raum zu bleiben.
Übrigens: Sie müssen sich einmal vorstellen, Sie ließen sich im innerfamiliären Bereich in ähnlicher Weise vorführen, wie dies Griechenland mit den Geberländern macht und Sie würden immer wieder nachgeben, Sie wären über kurz oder lang selber pleite - und dies ist auf Länderebene nicht anders.
Demokratie? Marktwirtschaft?
Nein, es ist die Rechtssicherheit. Und genau diese Rechtssicherheit wird in der EU strukturell untergraben und steht fundamental zur Disposition!
"Europa verlangt zu Recht eine Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung der Krisenstaaten."
----------------------------------------------
Wer spricht denn hier von "Recht"? Die finanzielle Unterstützung an sich ist schon Unrecht. No bail out! Die Griechen stehen im Recht, wenn sie da nicht mit machen!
http://de.wikipedia.org/w...
Europa muss mit GR neu verhandeln - heisst im Klartext: Deutschland soll mehr zahlen, um den Druck von GR wegzunehmen, oder?
Nur fürs Protokoll und ohne Hoffnung, die Zeit-Redaktion überzeugen zu können:
Der Ausstieg ist für Griechenland die *beste* Chance, wieder auf die Füße zu kommen - sicherlich nach einer Periode von Turbulenzen, die 6-12 Monate dauern könnten. Der Ausstieg sollte vorbereitet vor sich gehen. Er kann dann auch als Modellfall für den Austritt noch anderer Länder (Portugal, Spanien, vielleicht Italien) dienen, denen ebenfalls mit einem Ausstieg gedient ist.
Und ebenfalls fürs Protokoll: es geht hier nicht darum, ob Deutschland anderen Ländern "helfen" soll oder nicht, sondern darum, dass der Euro schlichtweg kein Element einer Wirtschaftsordnung ist, die auf Dauer Wohlstand schafft. Die Euro-Frage ist also nicht eine moralische Frage, die durch eine Tugend wie Hilfsbereitschaft zu beantworten wäre, sondern eine ökonomisch-technische Frage, deren Antwort sich nach dem Funktionieren richtet. Und der Euro funktioniert eben nicht, egal wieviel Rettungspakete man ihm noch packt.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren