Griechenland"Syriza handelt verantwortungsvoll"

Der deutsche Steuerzahler solle sich über die radikale Linke in Griechenland freuen, sagt der Ökonom Yanis Varoufakis im Interview. Das Land sei nicht reformunwillig. von 

Journalisten demonstrieren in Athen gegen Stellenstreichungen und Lohnkürzungen (Archivbild).

Journalisten demonstrieren in Athen gegen Stellenstreichungen und Lohnkürzungen (Archivbild).  |  © Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE:  Herr Varoufakis, die Griechen wollen mehrheitlich den Euro behalten, wählen aber mit Syriza und ihrem Spitzenkandidaten Alexis Tsipras eine Partei, deren Pläne zu einem Austritt aus der Währungsunion führen könnten . Wie passt das zusammen?

Yanis Varoufakis: Auch Syriza will, dass Griechenland im Euro-Raum verbleibt. Aber sie wollen gleichzeitig das Sparprogramm neu verhandeln, weil es nicht funktioniert. Das weiß mittlerweile fast jeder ökonomisch gebildete Mensch.

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Vor zwei Wochen musste sich der griechische Staat beim Rettungsfonds EFSF 4,2 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von etwa vier Prozent leihen. Die Regierung reichte die Summe gleich an die Europäische Zentralbank weiter, um auslaufende griechische Staatsanleihen zu kaufen. Griechenland leiht sich also Geld bei einer Instanz der EU, um es sofort einer anderen EU-Instanz zu geben. Zugleich legt man dem Land Sparmaßnahmen auf , die es in den Ruin treiben. Wie soll Griechenland so jemals seine Schulden abtragen?

ZEIT ONLINE: Syriza will den Schuldendienst einstellen.

Yanis Varoufakis
Yanis Varoufakis

Yanis Varoufakis lehrt als Professor für Wirtschaftswissenschaften und ökonomische Theorie an der Universität Athen. In mehr als 20 Jahren Lehrtätigkeit hat er zahlreiche wissenschaftliche Werke veröffentlicht, zuletzt erschien sein Buch "Der große Minotaurus". Er bloggt unter yanisvaroufakis.eu.

Varoufakis: Griechenland kommt irgendwann an einen Punkt, an dem es unter den bestehenden Bedingungen nicht mehr Mitglied der Euro-Zone sein kann. Syriza sagt: So kann es nicht weiter gehen, wenn wir den Euro behalten wollen. Wir können euer Geld nicht nehmen zu Konditionen, unter denen wir es euch niemals zurückzahlen können. Die Partei handelt verantwortungsvoll, wenn sie das gegenüber Europa so klar ausspricht. Ich hätte erwartet, dass der deutsche Steuerzahler das zu schätzen weiß.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn Tsipras Regierungschef würde, müsste er doch die Sparmaßnahmen fortsetzen, weil der griechische Staat mehr ausgibt als er einnimmt. Täuscht er nicht seine Wähler?

Varoufakis: Natürlich führt kein Weg um Not und Mühsal herum. Das wissen die Griechen auch. Aber um es klar zu sagen: Mühsal ist etwas anderes als eine Sparpolitik, die auf der Theorie beruht, man könne die öffentliche Verschuldung verringern, indem man die öffentlichen Ausgaben senkt und zugleich die Steuern erhöht. Griechenland, aber auch Portugal und Spanien haben gezeigt, dass dieser Kurs nicht funktioniert.

ZEIT ONLINE: Viele werfen den Griechen vor, zu wenig zu tun. Kommen die Reformen wirklich nur schleppend voran?

Varoufakis: Es ist absurd, den Griechen vorzuwerfen, sie seien faul oder unwillig. Europa hat überhaupt nicht verstanden, was sich in Griechenland abspielt . Das Land steckt nicht nur in einer einfachen Rezession . Selbst gut laufende Unternehmen gehen pleite, weil der Geldkreislauf zusammengebrochen ist.

Kredit ist die Lebensader der Wirtschaft, doch in Griechenland gibt es keinen Kredit und kein Vertrauen mehr. Ein Freund von mir besitzt ein seit Jahrzehnten profitables Unternehmen. Das Auftragsbuch ist voll, 95 Prozent der Produkte werden exportiert. Trotzdem steht das Unternehmen vor dem Aus, weil es keine Rohstoffe und Vorprodukte mehr bekommt. Hätte in Deutschland ein funktionierendes Unternehmen keinen Zugang zu Krediten mehr, würde es auch untergehen.

ZEIT ONLINE: Wie könnte dann eine Lösung aussehen, die die Lage in Griechenland verbessert und sowohl für Griechenland als auch für die anderen Euro-Länder politisch annehmbar ist?

Varoufakis: Wir müssen die grundsätzliche Struktur der Euro-Zone verändern . Die europäischen Banken müssen zentral reguliert und vom EFSF oder ESM rekapitalisiert werden. Dann müssen die Staatsschulden teilweise vergemeinschaftet werden. Ein gemeinsamer Währungsraum mit separaten Staatsschulden funktioniert nicht. Damit laden wir Spekulanten geradezu ein, gegen das eine oder das andere Land zu wetten. Außerdem brauchen wir eine Investitionspolitik. Die Europäische Investitionsbank wäre die richtige Organisation dafür.

Leserkommentare
  1. ....und nachdem die Eliten in der EU und die "Märkte" allesamt aus verantwortungsvollen, anständigen, intelligenten, nachhaltig-wirtschaftenden Gutmenschen bestehen, sollen wir jetzt vermutlich beruhigt sein....

    Nochmal nachdenken....Griechenland hat Solidarität verdient, aber keine erhalten. Schuldendienst ist Eigeninteresse und pleite ist pleite. Fragen Sie mal ihre "Märkte".

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  2. ....da die ND regiert hat, vielleicht? :)

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    Antwort auf "Ich frage mich..."
  3. Wenn ich ihren Komentar zu obigem Artikel lese sehe, ich genau die Unlogik welche Sie Beschreiben und den obigen Artikel rechtfertigen:
    Sie wollen quasi Deutschland schuldig sprechen, dass sie wegen 20 Jahren Lohnzurueckhaltung wettbewerbsfaehiger als die Griechen wurden und daher die Griechen alle ihr Geld nach Deutschland geschafft haben um deutsche Produkte zu kaufen!
    Natuerlich fährt Deutschland nun auf einer positiven Welle, weil es im Vergleich zu Griechenland Produkte anbieten kann die preislich wettbewerbsfaehiger sind als Griechische...dafür Deutschland anzuprangern ist eine Verkehrung der Realitäten. Es ist die Aufgabe Griechnlands dafür zu sorgen, dass die Betriebe Produkte anbieten koennen, die wettbewerbsfaehig sind auf dem EU oder Weltmarkt... und da gehoert manchmal auch Lohnzurueckhaltung dazu. Griechenland hat das einfach zu spaet eingesehen, bzw noch gar nicht eingesehen und schiebt die Schuld auf einen Aussenstehenden (Deutschland).
    Dass Deutschland nun die Lohnzurueckhaltung (und anderes...) als "Bedinung" für die Kredite forderte ist natuerlich hart...und eine Einmischung von Aussen...
    übrigen: Deutschland sieht die "Schuldigen" nicht in den "faulen Griechen" (blödes Bildzeitungsgeschwätz!), sondern eher in dem griechischen Bürger der nicht erkennt dass die inneren Bedinungen und Strukturen des Landes die Wurzel des Übels sind, wie zB Korruption, Vetternwirtschaft, unfähige Administration, blinde Gewerkschaft, unprodutive Arbeitsplätze...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Recht hat er"
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    ...wenn Sie jetzt noch eine Quelle der exakten Wissenschaften beibringen, die belegt, dass Wettbewerb die Menschheit weiterbringt, stimme ich Ihnen zu.

    Sie werden allerdings keine finden. Sorry,

    ... und sehen Sie das ganze Bild:
    Ja, Deutschland hat sich teilweise fit gemacht für den internationalen Wettbewerb.
    Aber!
    Wieso haben wir uns das angetan, mit z.B. den Chinesen konkurrieren zu müssen? War es nicht klar, dass man mit einer Diktatur nicht mithalten kann, ohne sein eigenes Volk zu unterdrücken? Die Antwort ist klar: a. Deutschland und insbesondere die den Angelsachsen treuen CDU-Regierungen zieht mit dem "Westen" mit in den Globalen Wirtschaftskrieg. Wieso? b. Weil unsere VW-, Mercedes-, Siemens- etc- Bonzen das auch so wollten. Sie witterten Beute! Ich kenne Leute, die selbständig in anderen, nicht so hoch-technologischen Branchen tätig waren und durch die Konkurrenz aus China hinweggefegt wurden. Bald erwischt es jedoch auch unsere Autobauer. Die Chinesen kopieren was das Zeug hält und sie haben mehr Köpfe als wir hier...
    Europa hätte seine Mini-Globalisierung abschließen sollen...
    Griechenland ist in einer gewissen Art und Weise das gleiche passiert, als es sich der EWG angeschlossen hat.
    Ich kann ihnen eins über die Leute dort sagen: sie wollten zu weiten Teilen weder in die EU noch in die NATO. Beides Beitritte geschahen aus der Hoffnung heraus, dass sie Griechenlands Sicherheit garantieren werden. Dies jedoch war ein Trugschluss, genau wie die Waffenkäufe zu den gleichen Zwecken ein "Trugschluss" waren ("" weil es klar war und die Waffenkäufe wieder anders motiviert waren).
    Ich gratuliere uns zur "Wettbewerbfähigkeit". Mehr Bildung hätte es auch getan...

  4. 20. Ok...

    ...wenn Sie jetzt noch eine Quelle der exakten Wissenschaften beibringen, die belegt, dass Wettbewerb die Menschheit weiterbringt, stimme ich Ihnen zu.

    Sie werden allerdings keine finden. Sorry,

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf " Recht hat er NICHT"
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    sie schreiben:
    "...wenn Sie jetzt noch eine Quelle der exakten Wissenschaften beibringen, die belegt, dass Wettbewerb die Menschheit weiterbringt, stimme ich Ihnen zu.
    Sie werden allerdings keine finden. Sorry"

    ich antworte:
    Ich habs nicht so mit den Wissenschaften, eher mit dem "Erleben" und ich erlebe im Moment, dass es Deutschland aufgrund der hohen Wettbewerbsfaehigkeit finanziell ganz gut geht...
    Ich finde es nur ungerecht den Deutschen vorzuhalten dadurch die anderen auszunutzen...in einer globalisierten Welt hat jeder (Staat/Einzelperson) die Freiheit, das Recht und die Pflicht zu schauen was er anzubieten hat auf dem globalen Markt und muss sich mit anderen messen.

    Der Lebensstandart und die Freiheit in einem solchen System (siehe Deutschland) sind ja wohl wesentlich höher als es in Ostdeutschland oder UDSSR war....diese Länder/Systeme hatten auch ihre Vorteile, nämlich die soziale Sicherheit und finanzielle Sicherheit auf niedrigem Niveau...und wir muessen hier nun auch mehr Leistung bringen, das sehen ich schon!
    Ich möchte aber nicht wirklich tauschen...

    UND DU? sei ehrlich!

  5. ... wenn der Anführer der Partei auf der einen behauptet: "Wir werden keine einseitigen Schritte vornehmen" und auf der anderen "Wir werden am 18. Juni [ein Tag nach der Wahl] das Memorandum aufkündigen". Tsipras redet was er will und einige der Parteivertreter, insbesondere Herr Stratoulis ist um einiges schlimmer.
    Syriza tut gerade so, als ob es die Wahl Hollandes nicht gegeben hätte und die Bewegung in der Diskussion um das Scheitern der Sparmaßnahmen auf seinem Mist gewachsen wäre. Dabei war es der Chef der Konservativen, Samaras, welcher als erster lautstark sagte, dass das Programm so nicht aufgeht und dafür von Merkel und anderen konservativen Europäern geschollten wurde.
    Linke Politik, schön und gut und gerne. Aber konstruktiv und glaubwürdig. Tsipras und sein Konglomerat linker Splittervereine erwecken bei mir gewiss kein Vertrauen und erinnern mich an den alten Andreas Papandreou, welcher 1981 mit Parolen "raus aus der NATO, raus aus der EWG" an die Macht kam. Er leitete den Verfall der Sitten in Griechenland damals ein...

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  6. so lange die Griechen laut Umfrage dieser Meinung sind, fragt man sich schon, wie denn die Reformen aussehen sollen.

    Aber der EURO-Austritt GR ist es schon klar.

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  7. ... dass Griechenland einfach nur Geld fehlen würde. Das ließe sich unter Umständen noch stemmen. Dem Staat fehlt vor allen Dingen eine effiziente Struktur (Finanzbehörden, Grundbuchamt, etc.)

    Erst baut man keine Finanzbehörden auf, weil die griechischen Politiker korrupt sind. Jetzt ist es die böse EU. Und demnächst sind es die unfähigen Leutchen von der Syriza.

    Ich fürchte, Griechenland ist nicht mehr zu helfen. Deswegen sollte man sich von dem Land trennen (so teuer und schmerzhaft das auch für alle wird)und mit ganzer Kraft Portugal und Spanien retten - die haben wenigstens einen funktionierenden Staatsapparat.

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    • bivi
    • 06. Juni 2012 17:18 Uhr

    Ich hoffe, Sie haben niemals die Verantwortung in einer Krisensituation!
    Wenn es brennt muss der Brand gelöscht bzw. unter Kontrolle gebracht werden damit er nicht ausufert und zum Flächenbrand wird. Man muss diejenigen vom Brandherd fernhalten, die nichts zur Brandbekämpfung beitragen oder sogar weiter zündeln.
    Alles andere führt zur Schadensmaximierung!
    Was den Brand verursacht hat ist dabei erst einmal ohne Bedeutung.
    Erst wenn alles unter Kontrolle ist kann bzw. muss geklärt werden, wie es zum Brand kam und wie solche Katastrophen für die Zukunft ausgeschlossen werden können.
    Halbherzig löschen, die Glut aus kurzsichtigen strategischen Überlegungen heraus am Glimmen halten, den Zündlern freien Zugang zum Brandherd zu gewähren, sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen und Forderungen zu profilieren zu suchen, den Verantwortlichen vor Ort in die Wahl der Löschmittel hineinreden -- und das alles gleichzeitig -- zu was sonst kann das führen als zu Chaos und Zerstörung?

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    Antwort auf "Solange"

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