Griechenland"Syriza handelt verantwortungsvoll"

Der deutsche Steuerzahler solle sich über die radikale Linke in Griechenland freuen, sagt der Ökonom Yanis Varoufakis im Interview. Das Land sei nicht reformunwillig.

Journalisten demonstrieren in Athen gegen Stellenstreichungen und Lohnkürzungen (Archivbild).

Journalisten demonstrieren in Athen gegen Stellenstreichungen und Lohnkürzungen (Archivbild).

ZEIT ONLINE: Herr Varoufakis, die Griechen wollen mehrheitlich den Euro behalten, wählen aber mit Syriza und ihrem Spitzenkandidaten Alexis Tsipras eine Partei, deren Pläne zu einem Austritt aus der Währungsunion führen könnten. Wie passt das zusammen?

Yanis Varoufakis: Auch Syriza will, dass Griechenland im Euro-Raum verbleibt. Aber sie wollen gleichzeitig das Sparprogramm neu verhandeln, weil es nicht funktioniert. Das weiß mittlerweile fast jeder ökonomisch gebildete Mensch.

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Vor zwei Wochen musste sich der griechische Staat beim Rettungsfonds EFSF 4,2 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von etwa vier Prozent leihen. Die Regierung reichte die Summe gleich an die Europäische Zentralbank weiter, um auslaufende griechische Staatsanleihen zu kaufen. Griechenland leiht sich also Geld bei einer Instanz der EU, um es sofort einer anderen EU-Instanz zu geben. Zugleich legt man dem Land Sparmaßnahmen auf, die es in den Ruin treiben. Wie soll Griechenland so jemals seine Schulden abtragen?

ZEIT ONLINE: Syriza will den Schuldendienst einstellen.

Yanis Varoufakis
Yanis Varoufakis

Yanis Varoufakis lehrt als Professor für Wirtschaftswissenschaften und ökonomische Theorie an der Universität Athen. In mehr als 20 Jahren Lehrtätigkeit hat er zahlreiche wissenschaftliche Werke veröffentlicht, zuletzt erschien sein Buch "Der große Minotaurus". Er bloggt unter yanisvaroufakis.eu.

Varoufakis: Griechenland kommt irgendwann an einen Punkt, an dem es unter den bestehenden Bedingungen nicht mehr Mitglied der Euro-Zone sein kann. Syriza sagt: So kann es nicht weiter gehen, wenn wir den Euro behalten wollen. Wir können euer Geld nicht nehmen zu Konditionen, unter denen wir es euch niemals zurückzahlen können. Die Partei handelt verantwortungsvoll, wenn sie das gegenüber Europa so klar ausspricht. Ich hätte erwartet, dass der deutsche Steuerzahler das zu schätzen weiß.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn Tsipras Regierungschef würde, müsste er doch die Sparmaßnahmen fortsetzen, weil der griechische Staat mehr ausgibt als er einnimmt. Täuscht er nicht seine Wähler?

Varoufakis: Natürlich führt kein Weg um Not und Mühsal herum. Das wissen die Griechen auch. Aber um es klar zu sagen: Mühsal ist etwas anderes als eine Sparpolitik, die auf der Theorie beruht, man könne die öffentliche Verschuldung verringern, indem man die öffentlichen Ausgaben senkt und zugleich die Steuern erhöht. Griechenland, aber auch Portugal und Spanien haben gezeigt, dass dieser Kurs nicht funktioniert.

ZEIT ONLINE: Viele werfen den Griechen vor, zu wenig zu tun. Kommen die Reformen wirklich nur schleppend voran?

Varoufakis: Es ist absurd, den Griechen vorzuwerfen, sie seien faul oder unwillig. Europa hat überhaupt nicht verstanden, was sich in Griechenland abspielt. Das Land steckt nicht nur in einer einfachen Rezession. Selbst gut laufende Unternehmen gehen pleite, weil der Geldkreislauf zusammengebrochen ist.

Kredit ist die Lebensader der Wirtschaft, doch in Griechenland gibt es keinen Kredit und kein Vertrauen mehr. Ein Freund von mir besitzt ein seit Jahrzehnten profitables Unternehmen. Das Auftragsbuch ist voll, 95 Prozent der Produkte werden exportiert. Trotzdem steht das Unternehmen vor dem Aus, weil es keine Rohstoffe und Vorprodukte mehr bekommt. Hätte in Deutschland ein funktionierendes Unternehmen keinen Zugang zu Krediten mehr, würde es auch untergehen.

ZEIT ONLINE: Wie könnte dann eine Lösung aussehen, die die Lage in Griechenland verbessert und sowohl für Griechenland als auch für die anderen Euro-Länder politisch annehmbar ist?

Varoufakis: Wir müssen die grundsätzliche Struktur der Euro-Zone verändern. Die europäischen Banken müssen zentral reguliert und vom EFSF oder ESM rekapitalisiert werden. Dann müssen die Staatsschulden teilweise vergemeinschaftet werden. Ein gemeinsamer Währungsraum mit separaten Staatsschulden funktioniert nicht. Damit laden wir Spekulanten geradezu ein, gegen das eine oder das andere Land zu wetten. Außerdem brauchen wir eine Investitionspolitik. Die Europäische Investitionsbank wäre die richtige Organisation dafür.

Leserkommentare
  1. Zumindest teilweise. Das ganze geschah 1790, also nicht lange nach dem Unabhängigkeitskrieg, welcher 1783 endete. Die neue Föderale Regierung übernahm Schulden der einzelnen Staaten, welche dann folglich von allen Amerikanern, auch jenen in ehemals wenig verschuldeten Staaten, abgezahlt werden mussten...

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    Antwort auf "Solange"
  2. Ein gescheiterter Staat.
    Erschleicht sich durch Betrug die Aufnahme in die EWU.
    Nutzt die Mitgliedschaft schamlos aus und fährtden Karren gründlich an die Wand.
    Argumentiert dann:
    Ihr anderen seid Schuld, dass es mir schlecht geht!
    Her mit Eurem Geld!
    Und: Lasst mich bloß mit Auflagen in Ruhe!

    Griechenland: Zeige Anstand.
    Werde endlich erwachsen.
    Verlasse die Währungsunion.
    Bringe Dein Gemeinwesen in Ordnung.
    Und nimm dein Schicksal in die eigenen Hände.

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  3. 11. hmmmm

    Ein paar Binsenweißheiten mit ein paar Vorderungen kombinieren und schon hatman Populismus.

    Sicher hat er recht festzustellen, daß eine einseitige Sparpolitik in einer Rezession nur limitiert wirksam ist, doch wenn man die Worthülsen und Weltuntergamstheorien aus dem Interview entfernt bleiben folgende Kernaussagen übrig.

    Griechenland(oder dessen Banken) sollten großzügig Geld erhalten(Verpflichtungen/Gegenleistungen hierfür wurden nicht genannt).

    Schulden sollten (vergemeinschaftet) ein Anderer zahlen.

    Und eine Reform des Steuerwesens ist falsch weil angeblich unmöglich.

    Daß dies bei den potentiellen Geldgebern wie "Bitte zahlt unsere Zeche, wir machen weiter wie bisher!" verstanden wird, sollte ihn nicht wirklich wundern.

    Besonders mit der Behauptung die Wirtschaft sein vom Kredit abhängig halte ich für völlig falsch. Natürlich ist richtig, daß Kreditvergabe der Wirtschaft eine gewisse Flexibilitat einräumt, aber der Motor der Wirtschaft ist der Geldkreislauft. Natürlich ist dieser auch zusammengebrochen, wenn das einfache Volk um die nächste Mahlzeit fürchten musst, doch wird die Binnennachfrage sicher nicht dadurch steigen indem man Banken kapitalisiert. Dieses steigert lediglich die Nachfrage nach Bonuszahlungen.

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    Eine weitere Vergemeinschaftung von Schulden, de facto ist das ja schon passiert, muss in jedem Fall unterbleiben.

    Eine Riesensauerei, die man uns allen 2010 da aufgetischt hat.....eigentlich an der Grenze zum Verrat an den eigenen Völkern.

    Im Übrigen ist es wohlfeil zu sagen: Wir stellen den Schuldendienst ein. Den leistet ja nicht Griechenland sondern die "Retter". Das Geld läuft auf ein Sperrkonto und wird von dort überwiesen.....das bleibt auch so, solange ein Defizit im Staatshaushalt steht (was wohl noch eine ganze Weile so sein wird).

    Man darf also nicht viel darauf geben. Ich hoffe dennoch, dass SYRIZA die Wahl gewinnt. ND/Pasok sind als Mitverursacher anzusprechen und damit indiskutabel.

    Eine weitere Vergemeinschaftung von Schulden, de facto ist das ja schon passiert, muss in jedem Fall unterbleiben.

    Eine Riesensauerei, die man uns allen 2010 da aufgetischt hat.....eigentlich an der Grenze zum Verrat an den eigenen Völkern.

    Im Übrigen ist es wohlfeil zu sagen: Wir stellen den Schuldendienst ein. Den leistet ja nicht Griechenland sondern die "Retter". Das Geld läuft auf ein Sperrkonto und wird von dort überwiesen.....das bleibt auch so, solange ein Defizit im Staatshaushalt steht (was wohl noch eine ganze Weile so sein wird).

    Man darf also nicht viel darauf geben. Ich hoffe dennoch, dass SYRIZA die Wahl gewinnt. ND/Pasok sind als Mitverursacher anzusprechen und damit indiskutabel.

  4. Der Herr hat mit seiner Analyse in vielen Teilen recht. Aber ich lese von ihm hauptsächlich, was die anderen Staaten FÜR Griechenland machen sollen und sehr wenig darüber, was Griechenland machen soll, damit es nicht wieder in so eine Situation gerät. Über griechische Wohlhabende herzuziehen, ist sicher populär, wird aber nicht reichen, um a) den Haushalt zu sanieren und b) das Land wettbewerbsfähig zu machen. Solange seine Partei das nicht klar macht, wie sie das erreichen will - sollte sie die Wahl gewinnen - wäre es unverantwortlich, den Griechen allzu weit entgegen zu kommen.

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  5. ...warum auf die Frage und Antwort:

    "Es fehlt zum Beispiel eine effiziente Steuerbehörde. Wie viel Fortschritt sehen Sie da?

    Varoufakis: Gar keinen. Wie soll der Finanzminister auch die Behörden reformieren, wenn er dafür faktisch null Euro zur Verfügung hat?"

    nicht vorher Lösungen gefunden wurden oder gefunden werden konnten, wo Herr Varoufakis von 2004 bis 2007 doch Wirtschaftsberater von George Papandreou war, und zu dieser Zeit auch wohl noch Euros für Reformen da gewesen wären.

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    ....da die ND regiert hat, vielleicht? :)

    ....da die ND regiert hat, vielleicht? :)

  6. ...eigentlich noch schlimmer, als dargestellt. Es gab ein paar wenige verantwortungsvolle Beamte, die ordentlich gearbeitet haben, denen hat man aber den Sold ebenso gekürzt, wie der Mehrheit ihrer nichtarbeitenden Kollegen und jetzt wollen (manche: können) die eben auch nicht mehr.

    In der Privatwirtschaft wird durchaus gearbeitet, und wesentlich härter als in Deutschland. (Mehr Stunden, kein Kündigungsschutz, keinerlei Mitsprache, keine Betriebsräte, etc.). Das hatte sich mal die Waage gehalten und man konnte gut wirtschaften, wenn man sich vom Staat fern hielt und die Behördenwillkür über sich ergehen ließ.

    Jetzt funktioniert nix mehr. Garnichts. Die Beschlüsse der Troika fanden in völliger Unkenntnis der Sachlage statt, die griechischen Politiker wollten nur an die Kohle ran, mehr hat nicht interessiert. Herr Varoufakis hat recht, wenn er sagt, dass Griechenland reformwillig ist, es ist lediglich so, dass es nicht reformfähig ist....und das verschweigt er.

    Man müsste schon alle Beamten entlassen und nach Qualifikation neu einstellen, mit Strukturen die funktionieren und alles auf 0 setzen. Wirklich alles, inklusive Renten (Einheitsrente!) etc.

    Wer sich in GR auskennt weiss, wenn es ums Dimosio (also den Staat) geht, gilt: DONT TOUCH! Nichtmal das Beamtenstreikrecht konnte man außer Kraft setzen.

    Sonderwirtschaftszonen wären ebenfalls gut, ohne Eingriff des Staates und mit separater Verwaltung. Eine Rückkehr zur nationalen Währung ist unausweichlich.

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    Antwort auf "Recht hat er ja, "
  7. Eine weitere Vergemeinschaftung von Schulden, de facto ist das ja schon passiert, muss in jedem Fall unterbleiben.

    Eine Riesensauerei, die man uns allen 2010 da aufgetischt hat.....eigentlich an der Grenze zum Verrat an den eigenen Völkern.

    Im Übrigen ist es wohlfeil zu sagen: Wir stellen den Schuldendienst ein. Den leistet ja nicht Griechenland sondern die "Retter". Das Geld läuft auf ein Sperrkonto und wird von dort überwiesen.....das bleibt auch so, solange ein Defizit im Staatshaushalt steht (was wohl noch eine ganze Weile so sein wird).

    Man darf also nicht viel darauf geben. Ich hoffe dennoch, dass SYRIZA die Wahl gewinnt. ND/Pasok sind als Mitverursacher anzusprechen und damit indiskutabel.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "hmmmm"
    • SdV
    • 06.06.2012 um 15:38 Uhr

    Ich darf mal aus dem Griechischen des Herrn Yanis Varoufakis übersetzen: "Nicht die Griechen, sondern alle anderen sind schuld. Vor allem die Deutschen. Und Angela Merkel hat persönlich Griechenland in die Katastrophe getrieben. Jetzt müssen die deutschen Steuerzahler bluten. Damit wir keine harten Reformen umsetzen müssen, wie sie die baltischen Staaten, Portugal und Irland ohne das ganze Wehgeschrei hinbekommen." Ein Land mit solchen "Wirtschaftsexperten" muss einfach gegen die Wand fahren.

    Fazit: Es gilt jetzt null Toleranz. Europa ist nicht die Melkkuh und auch nicht das Sozialamt für Griechenland. Die Griechen müssen endlich echte Reformen liefern. Sonst müssen sie endlich aus der Eurozone gehen. Längst zeichnet sich ab, dass die EU und die Märkte das nicht mit Chaos, sondern mit einem lauten Aufatmen quittieren würden.

    11 Leserempfehlungen
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    ....und nachdem die Eliten in der EU und die "Märkte" allesamt aus verantwortungsvollen, anständigen, intelligenten, nachhaltig-wirtschaftenden Gutmenschen bestehen, sollen wir jetzt vermutlich beruhigt sein....

    Nochmal nachdenken....Griechenland hat Solidarität verdient, aber keine erhalten. Schuldendienst ist Eigeninteresse und pleite ist pleite. Fragen Sie mal ihre "Märkte".

    ....und nachdem die Eliten in der EU und die "Märkte" allesamt aus verantwortungsvollen, anständigen, intelligenten, nachhaltig-wirtschaftenden Gutmenschen bestehen, sollen wir jetzt vermutlich beruhigt sein....

    Nochmal nachdenken....Griechenland hat Solidarität verdient, aber keine erhalten. Schuldendienst ist Eigeninteresse und pleite ist pleite. Fragen Sie mal ihre "Märkte".

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