Straßenszene in Madrid: Mitglieder einer NGO suchen im Müll nach Lebensmitteln für Bedürtige © Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Eichengreen, ist das Wahlergebnis in Griechenland nicht ein Beleg dafür, dass Weltuntergangsszenarien am Ende doch nie eintreten und wir alle etwas optimistischer sein sollten?

Barry Eichengreen:
Nein. Ein Sieg von Syriza hätte einen Bankensturm in Südeuropa in Gang gesetzt. Die Europäische Zentralbank wäre gezwungen gewesen, sich mit außergewöhnlichen Notmaßnahmen und Liquiditätsspritzen gegen die Panik zu stemmen.

ZEIT ONLINE: Jetzt bekommen die Griechen hingegen eine Regierung , die weiter sparen und reformieren will.

Eichengreen: Dass die konservative Nea Dimokratia den größten Stimmanteil von allen Parteien errungen hat, ändert nichts. Der Schuldenstand Griechenlands ist weiterhin zerstörerisch hoch. Die Defizitziele der Troika sind unrealistisch und nicht zu halten.

ZEIT ONLINE:Brüsselwill nachverhandeln , heißt es.

Eichengreen: Der öffentlichen Hand in Griechenland wird dennoch bald das Geld ausgehen. Die Depression geht weiter, und die Zustimmung wird für jede neue Regierung erodieren. Alle Fragen der vergangenen Wochen werden wieder auf den Tisch kommen: Kommt es zu einer Staatspleite Griechenlands? Kann Griechenland pleite gehen, ohne den Euro zu verlassen?

ZEIT ONLINE: Das Wahlergebnis bedeutet einen Zeitgewinn.

Eichengreen: Ich würde es so sagen: Die Panik ist der Furcht gewichen, dass die Panik bald wieder kommen könnte. Ohnehin ist Griechenland nur ein Nebenschauplatz. Der eigentliche Grund zur Sorge ist Spanien .

ZEIT ONLINE: Sie waren einer der ersten , der vor den Parallelen zwischen der Großen Depression der dreißiger Jahre und der heutigen Krise gewarnt haben. Gilt die Warnung noch?

Eichengreen: Was die Große Depression damals groß machte, war, dass sie global war. Der Absturz war nicht auf ein Land oder eine Region begrenzt. Das ist das Risiko, vor dem wir jetzt wieder stehen. Es droht ja nicht nur eine Rezession und ein finanzielles Desaster in Europa. Auch in den USA schwächt sich das Wachstum ab. Der sogenannte fiscal cliff , der uns am Ende des Jahres erwartet...

ZEIT ONLINE: ... Steuererleichterungen aus der Bush-Ära, die auslaufen und beschlossene Sparmaßnahmen der Regierung Obama...

Eichengreen: ... kann Amerika wieder zurück in die Rezession drücken. Auch Chinas Wirtschaft wächst langsamer. Die chinesische Regierung hat gemischte Signale gesendet, ob sie eine erneute Rezession mit einem Konjunkturprogramm bekämpfen wird wie noch 2008 und 2009. Eine Rezession in den USA, in Europa und in China wäre ein äußerst düsteres ökonomisches Szenario.