ZEIT ONLINE: Herr Verheugen , bedauern Sie angesichts der europäischen Krise, nicht mehr in  Brüssel zu sein?

Günter Verheugen: Manchmal schon. Die Rettungspolitik vernachlässigt immer noch einen wesentlichen Punkt, um den ich mich lange gekümmert habe: die Realwirtschaft. Das Kernproblem ist die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit einiger EU-Länder. Da müssen wir mehr tun. Was die Finanzkrise angeht, bin ich froh, dass ich keine Antworten geben muss. Es ist im Moment wahnsinnig schwer, das Richtige zu tun.

ZEIT ONLINE: Die EU-Kommission tat unter Ihrer Mitwirkung damals das Falsche – und stimmte der Aufnahme Griechenlands in den Euro zu.

Verheugen: Ja, ich war am Vorschlag der Kommission beteiligt. Nach allem, was ich heute weiß, war es eine krasse Fehlentscheidung, Griechenland im zweiten Anlauf 2000 zu attestieren, dass die Bedingungen für die Teilnahme am Euro erfüllt seien.

ZEIT ONLINE: Die Regierungen der Euro-Länder haben damals sehr auf diese Entscheidung gedrängt. Auch die deutsche unter Gerhard Schröder .

Verheugen: Sie haben sogar entschieden! Es war damals ein politischer Wunsch, Griechenland dabeizuhaben. Das galt schon für die Aufnahme Griechenlands in die EG 1981. Das Desaster, das darauf folgte, ist – von den großen Fehlern im Land einmal abgesehen – eine Geschichte des entschlossenen Wegguckens. Das war Politikversagen im großen Stil. Auf der Ebene der Mitgliedsländer, aber auch der europäischen Institutionen. Wir sind alle verantwortlich .

ZEIT ONLINE: Erwächst daraus eine Verantwortung, Griechenland nicht fallen zu lassen?

Verheugen: Das ist ein Grund. Der andere ist: Wenn Griechenland aus dem Euro fiele, wären die politischen Folgen gravierend. Das Land müsste wahrscheinlich dazu die EU verlassen. Ökonomisch würde das alles ins Desaster führen, weil ein Hauptproblem der vorangegangenen Finanzkrise ungelöst ist: Der europäische Bankensektor ist schrecklich instabil. Einen Schlag wie den Verlust eines Euro-Landes würde er vermutlich nicht aushalten. Deshalb schauen unsere Partner in der Welt doch voller Sorge auf uns. Sie haben Angst, dass wir sie mit unserer Unfähigkeit, unsere Probleme zu lösen, mit in den Abgrund reißen.

ZEIT ONLINE: Weshalb hat man in Brüssel das Problem Griechenland derart unterschätzt?

Verheugen: Ich erkläre mir das mit einer völligen Blindheit aller Beteiligten. Viele haben offenbar gedacht, das kleine Griechenland werde für die große EU schon nicht gefährlich werden. Solche Denkfehler setzen sich fort. Es gibt bis heute in Brüssel ein Unverständnis darüber, was politisch in einem Land möglich ist und welche sozialen Folgen die erzwungene Spar- und Reformpolitik mit sich bringt. Dabei hätte man gewarnt sein können. Der Internationale Währungsfonds hat solche Strukturanpassungsprogramme bereits in den achtziger und neunziger Jahren exerziert – und ist jedes Mal gescheitert.

ZEIT ONLINE: Was müsste stattdessen geschehen?

Verheugen: Die Regierungen in Europa , vor allem die deutsche, hätten früher signalisieren müssen, dass sie die Krise ernst nehmen und alles unternehmen werden, um den Euro zu retten. Damals wurde zum Beispiel auch schon über Euro-Bonds diskutiert.

ZEIT ONLINE: Heute hätten gemeinsame Anleihen eine Mehrheit in Europa. Die EU-Kommission möchte im Gegenzug mehr Durchgriffsrechte auf die nationalen Haushalte bekommen, um die Verschuldung zu begrenzen. Würde Europa mehr Europa guttun?

Verheugen: Wir stehen doch erst mal vor der Frage, wie viel Souveränität die Mitgliedsländer zu übertragen bereit sind – und zwar ohne ihre Staatlichkeit mehr oder weniger aufzugeben und in die Hände der Brüsseler Institutionen zu legen. Das wollte bislang niemand. Das war schon beim Maastrichter Vertrag das entscheidende Hindernis, und das ist bis heute so. Deshalb bin ich mir auch nicht sicher, ob die sehr forsche Gangart, die wir jetzt in Berlin erleben mit der Diskussion über eine geänderte Verfassung und eine Volksabstimmung, von den Bürgern mitgetragen wird.

ZEIT ONLINE: Möglicherweise wird schon das Bundesverfassungsgericht im Fall des Europäischen Stabilitätsfonds ESM einen Riegel vorschieben.

Verheugen: Ja, das kann passieren. Aus Karlsruher Sicht könnte der ESM die Grenzen des Grundgesetzes überschreiten, weil damit das Haushaltsrecht als "Königsrecht" des Parlaments verletzt wird. Ich teile übrigens die Ansicht, dass der nächste große Vertiefungsschritt hin zu einer politischen Union mit dem Grundgesetz und den Verfassungen in den meisten EU-Ländern nicht mehr im Einklang stünde. In Deutschland wäre dann höchstwahrscheinlich eine neue Verfassung notwendig.