Kapitalismus : Schluss mit dem ewigen Wachstum

Alles soll immer weiter wachsen: die Wirtschaft, die Größe von Autos und Häusern. Leser Andreas Böge hält das für die falsche Strategie.

Mein Körper stellte sein Wachstum bei 1,84 Metern ein, und das war gut so. Mein wirtschaftliches Wachstum führte mich vom Single mit Ein-Raum-Wohnung und Fiat Panda zum Familienvater mit Limo, Kleinwagen und Fünf-Raum-Wohnung. Ich habe eine Frau und zwei Söhne. Es geht mir gut. Ich will nicht mehr Frauen, Söhne, Autos oder Wohnungen. Ich verweigere weiteres Wachstum. Ich bitte dafür um Entschuldigung, denn überall wird behauptet, ohne Wachstum ginge alles den Bach runter.

Nichts wächst ewig. Selbst unser Universum zieht sich nach einer zugegebenermaßen recht langen Wachstumsperiode wieder zusammen und implodiert. Ich möchte nicht implodieren.

Mein Vater, seines Zeichens Banker, sagt immer, der Bedarf des Menschen sei unendlich. Man müsse durch Innovationen die Bedürfnisse nur immer wieder neu wecken. Blöderweise trifft das nicht auf mich zu, abgesehen von zwei oder drei Geräten wie Computer oder Smartphones.

Das mit dem Wachstum war sicherlich angebracht in einem Europa, das durch Kriegsführung und regelmäßiges Brandschatzen alles mühsam Erschaffene immer wieder zugrunde richtete. Nach dem letzten grauenvollen Weltkrieg ging es in Europa zuallererst um Wachstum. Das war damals das richtige Konzept. 

Als Kind bin ich mit meinen Eltern vom VW-Käfer und einer kleinen Wohnung hin zu einem Reihenendhaus und einem S-Klasse Benz gewachsen. Aber dann war es auch gut. Soll ich mir jetzt einen neuen Weltkrieg herbeiwünschen, damit wir danach wieder einen Grund haben, toll zu wachsen? So skrupellos bin ich nicht.

Wenn aber nichts ewig wächst, dann ist es doch doof, seine Existenz auf ewiges Wachstum auszurichten. Und das so fanatisch und blind, dass man Begriffe wie Nullwachstum oder sogar Minuswachstum kreiert, um nicht vom Wachstumsglauben abzufallen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

208 Kommentare Seite 1 von 28 Kommentieren

Nullwachstum

Es ist gar nicht nötig Nullwachstum anzustreben. Es ist allerdings unausweischlich, dass wir als Gesellschaft Nachhaltig handeln. Der Begriff Nachhaltig wurde jedoch schon so verwässert, dass seine eigentliche Bedeutung in Vergessenheit geriet.

Nachhaltig ist, wenn man die Tragfähigkeit des Ökosystems das man bewohnt nicht überschreitet, also nicht mehr Verbraucht als man Erzeugt.

Mein Vorschlag ist dies an der Energie festzumachen. http://community.zeit.de/...

Wenn man den Wachstumsbegriff an das Wachstum der Tragfähigkeit koppelt würde dieser Begriff plötzlich eine Bedeutung gewinnen die für unsere Gesellschaft eine Rolle spielt.

Das Wachstum als BIP Zuwachs zu definieren ist der Fluch unserer Gesellschaft. Dieses hat schon längst seinen sinn als Gesellschaftliche entwicklungsgröße verloren.

Wachstum wie es heute Statt findet schadet der Umwelt, schafft keine Arbeitsplätze, fördert nicht den wohlstand, schafft keine Zufriedenheit und ist eigentlich schon Vorbei.

Was uns heute als Wachstum präsentiert wird (0-2%) ist letztendlich innerhalb der messgenauigleit dieser Größe nicht wirklich bestimmbar.

Übrigens werden diese Zahlen auch im Nachhinein vom Statistischen Bundesamt revidiert.

Der Gesellschaftliche Frust das BIP Wachstum als entscheidende Messgröße der Entwicklung zu definieren und dann immer wieder daran zu scheitern dieses Abstrakte Ziel zu erreichen ist Kolossal.

Absolut korrekter Artikel

Einen schönen, kurzen und knackigen Artikel haben Sie da geschrieben - ein guter "Appetizer" für die Gesamtproblematik!

Im Internet spricht es sich ja so langsam rum .. die Wachstumslüge, die Fehler des Geldsystems und so weiter. Dennoch wird man meiner Erfahrung nach mit solchen Thesen bei der großen Masse des Volkes immer noch in die Verschwörungsecke gesteckt und stößt auf Ablehnung, wenn man überhaupt versucht, es zu erklären, es zu diskutieren.

Erstaunlicherweise wird man erst aufnahmebereit für sowas, wenn es keinen Ausweg mehr gibt und man bereits in der Sackgasse angekommen ist. "Ach hätte ich mich doch nur vorher schon damit beschäftigt", "war ja doch nicht alles Quatsch" - auch hier bei ZEIT Online gab es schon Artikel über 180° gedrehte Investmentbanker, die -freilich erst nach ihrem eigenen Ruin- erkannten, daß an so mancher Kritik doch etwas dran ist.

Liegt wohl leider in der Natur des Menschen, erst aus Schaden richtig klug zu werden ...

Vielleicht wird es nach diesem Zyklus, dessen letztes Aufbäumen vor der "Implosion" wir gerade erleben, ja eine neue Lehre an den Schulen geben, welchen diesen ökonomischen Wahnsinn an der Wurzel packen. Anders ist das Problem nämlich kaum zu lösen.

Bücher wie "Die blinden Flecken der Ökonomie" von Bernd Senf gehören in den Sozialkunde-Unterricht, und nicht in die Verschwörungs-Ecke.